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Bisher hatte sich Stefan um die Gesundheit von Jill gekümmert. Ihm konnte ich vertrauen, das wusste ich! Aber er war zunehmend weniger sicher, ob nicht ein richtiger Kinderarzt deutlich geeigneter wäre für diese Aufgabe. Stefan meinte, Gunther wäre der richtige. Er kannte ihn seit seiner Schulzeit und vertraute ihm. Konnte ich das ebenfalls? Stefan wollte ihn vorab über alles Wichtige informieren und versuchen, einen Abendtermin in seiner Praxis zu bekommen, wenn mit weniger Publikumsverkehr zu rechnen wäre.
Mir war dennoch mulmig zumute, als wir uns zu seiner Praxis aufmachten. Sie lag in der Nähe des Wittenberger Platzes in einer Seitenstraße; eine Querstraße vom Tauentzien. Jill und ich standen an der Ecke Nürnberger Straße an einer Ampel zusammen mit anderen Passanten, die mit uns auf grün warteten.
Unvermittelt fing Jill an zu schreien und wurde krebsrot im Gesicht. Ich wusste ja von der Zeit des Stillens, dass die Geräuschkulisse, für die Jill verantwortlich zeichnen konnte, für menschliche Ohren schlicht nicht zum Aushalten war. So verwunderte es auch nicht, dass sich augenblicklich alle Passanten nach uns umdrehten und Jill mit großen Augen ansahen. Niemand hatte im Moment auch nur im Entferntesten daran gedacht, die Grünphase zu nutzen und die Kreuzung zu überqueren. Und es sollte sich gleich herausstellen, dass dieses wirklich ein glücklicher Zufall war.
Denn mit einem ohrenbetäubenden Donner schossen zwei extrem schnelle Sportwagen über die für Fahrzeuge rote Ampel, lieferten sich ein Rennen und versuchten sich auf dem Fußgängerüberweg zu überholen.
Dabei verlor einer der beiden Fahrer wohl die Kontrolle über sein Fahrzeug, berührte den Randstreifen, und bei dem Versuch die Spur zu halten, schoss er auf den Mittelstreifen zu, der beide Richtungsfahrbahnen mit einem Hochbeet mit Betoneinfassung trennte.
In dem Moment, wo sein viel zu schnelles Fahrzeug die Betoneinfassung berührte, zeigte sich, wie viel Leichtbau in solchen Sportwagen steckte, denn in alle Richtungen flogen Fahrzeugteile davon. Glücklicher Weise standen in diesem Bereich keine Passanten und ein noch glücklicherer Zufall war es, dass alle an der Kreuzung durch Jill abgelenkt worden waren und trotz der Grünphase niemand den Fußgängerüberweg betreten hatte.
In der Praxis kamen wir viel später an, denn wir mussten natürlich als Zeugen alle unsere Personalien angeben. Gunther jedoch hatte geduldig in seiner Praxis gewartet und hörte sich noch geduldiger die Geschichte von Chiòcciola, Jill und mir an. Dann überlegten wir, welche Impfungen trotz der ungewöhnlichen Situation wohl unverzichtbar schienen, welche wir zunächst als riskant einstufen sollten und vor allem: nach welchen Kriterien wir künftig Jill als gesund einstufen sollten, damit wir umgekehrt eine Krankheit rechtzeitig erkennen konnten.
Besonders gefiel mir, dass er zunächst beobachtete, mich in seine Überlegungen einbezog und nicht gleich mit einer Lösung daherkam. In diesem Zusammenhang weckte es bei mir Vertrauen, wenn er gestand, dass er auch noch keine Erklärung für etwas hatte, dass er sich aber Gedanken machen wolle. Mal ehrlich: Es ist doch unglaubwürdig, wenn mir ein Arzt sagt, er habe mehr Erfahrung mit Alien-Mensch-Hybriden als ich, oder? Schließlich habe ich Jill mehrere Monate gestillt, habe ihr beim Windeln-Wechseln länger und intensiver zwischen die Beine geschaut und mir meine Gedanken gemacht. Und ja, ich kenne auch Jills Mutter recht gut.
Gunther war glücklicher Weise nicht so schnell dabei, zum Skalpell greifen zu wollen. Er hat zunächst einmal alles genau angeschaut, dann hat er sich mit mir besprochen und überlegt, dass wir das zunächst intensiver beobachten sollten, bevor wir irgendwelche irreversiblen Entscheidungen treffen. Und dann hat er vorgeschlagen, dass wir ein Datenblatt anlegen, in dem wir alles sorgfältig notieren, was jetzt ist, was sich künftig verändern sollte, um so eventuell rechtzeitig erkennen zu können, wenn sich etwas zum Schlechten verändert. Dann wäre es sinnvoll zu reagieren, nicht jetzt in vorauseilendem Gehorsam.
Mir gefiel diese wissenschaftliche Herangehensweise.
Als ich abends Chiòcciola davon erzählte, seufzte sie tief und meinte: “Ich habe es ja fast befürchtet, nach den Erlebnissen um den Brüsseler Flughafen damals.”
“Was?”, wollte ich wissen.
“Asynchrone Empathie. Das kommt bei uns sehr selten vor. Viele von uns halten es für eine Form der Behinderung, denn es schließt meist die Fähigkeit aus, Gedanken zu senden und zu empfangen. Wenige andere halten es für eine besondere Gabe: Die Personen können sich meist sehr gut in Situationen, Ereignisse und andere Personen hineinversetzen.”
“Und asynchron?”, hakte ich nach.
“Ja, wie bei Jill. Eben nicht, wenn es passiert, sondern bereits vorher. So ausgeprägt wie bei Jill ist es aber selten”, ergänzte Chiòcciola.
“Du meintest eben ‘viele halten es für eine Behinderung’? Was meinen die anderen?”
“Es gibt einige wenige Gelehrte bei uns, die davon ausgehen, dass es ein uraltes Gen ist, das von unseren unbekannten Vorfahren in unserem Gen-Pool schlummert. Dafür sprechen ja auch die besonderen Fähigkeiten von Ashley, die ganz tief in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer hineinblicken kann, ohne ihre Fähigkeiten, Gedanken zu lesen, einzubüßen. Im Gegenteil! Beide Fähigkeiten schließen sich also nicht grundsätzlich aus, werden aber nur sehr selten gemeinsam vererbt. Und das asynchrone Merkmal scheint das zu begünstigen.”
“Dann ist Jill also auch in deiner Welt etwas ganz Besonderes?”, versuchte ich dem eine positive Wendung zu geben.
“Wenn du so willst, ja, etwas ganz Besonderes. Ja! Und wer weiß schon, was du noch alles an Besonderheiten beigesteuert hast.”
“Du meinst, auch ich habe etwas Besonderes in meinen Genen?”, wollte ich wissen.
“Die, die wir als besonders klug ansehen in meiner Welt, behaupten, dass unsere Vorfahren das, was sie vom Wesen ausgemacht hat, in all den Welten verteilt haben, in denen wir auf unseren Reisen Leben fanden. Wir haben nur keinerlei Erklärung, warum sie es taten.”
“Wie ein großes Puzzle?”
“Wie ein großes Puzzle.”
Jill entwickelte sich prächtig. Und mit zunehmendem Alter häuften sich die Situationen, in denen Jill sich freute, lachte oder auch weinte, bevor etwas passierte.
Ma fiel beim Geschirreinräumen ein Stapel Teller aus der Hand. Minuten vorher hatte Jill sich schon kreischend auf die Schenkel geschlagen.
Eine Spielkameradin fiel von der Schaukel und Jill war bereits ins Haus gerannt und kam mit einer Packung Pflaster heraus. Manchmal war das schon beängstigend. Aber wir waren uns zunehmend sicher, dass Jill eben etwas ganz Besonderes sei.
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Eines Sonntagmorgens saßen wir mit Ma und Pa am Frühstückstisch und plötzlich fing Jill an zu sprechen.
Insgeheim hatte ich ja die ganze Zeit gehofft, dass ich einen Vorteil hätte, und dass ihm Annika leichter über die Lippen käme als Chiòcciola. Ma hatte bestimmt auf ein erstes ‘Oma’ gehofft. ‘Ma’ hätte bei Chiòcciola und mir ja lediglich ein Unentschieden bedeutet. Naike wäre aber bestimmt ebenfalls froh gewesen und hatte mit ihrem Namen ja gute Chancen.
Es sollte aber anders kommen. Jill öffnete den Mund und rief: “A-U-I-O!”, sah uns an, nahm Weintrauben aus der Obstschale und ordnete sie paarweise an. Vor uns lagen 16 Zweierpaare säuberlich aufgereiht.
“A-U-I-O” rief Jill freudestrahlend, nahm die Weintrauben an sich und legte sie erneut in Zweierpärchen auf dem Tisch verstreut ab. “A-U-I-O!” Und Dann folgte ein “Schschtt”, das entfernt so klang, als ob eine E-Mail versendet wurde.
Wir sahen uns ratlos an.
Jill fing erneut an: “A-U-I-O, Schschtt”. Dann kam die Prozedur mit den Weintrauben. Fein säuberlich lagen sie wieder in Zweiergrüppchen auf dem Tisch verteilt.
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