Samweis sprang auf, und hatte die Maus sogleich erblickt. Zwei, drei Sätze und er hatte sie erreicht. Dann streckte er seine Pfote aus und hatte sie auch schon am Schwanz erwischt. Er wirkte zufrieden.
Doch dann hörte er aus der anderen Ecke der Kirche ein Mädchen heulen: "Jetzt tötet er gleich die arme, niedliche Maus!"
Samweis war etwas irritiert. Nun, das war der Lauf der Dinge. Wer sich in sein Revier verirrte, der war seines Lebens nicht sicher. Zumindest, wenn er eine Maus war. Aber nun schien es nicht so recht willkommen zu sein. Einige weitere Stimmen pflichteten dem Mädchen bei, während die meist älteren Damen lautstark signalisierten, dass die Maus unverzüglich zu verschwinden hätte.
Irgendwann hörte auch der Organist auf zu spielen. Es sang sowieso niemand mehr mit. Auch die Pastorin blickte irritiert auf Samweis. Denn nun wäre die Predigt an der Reihe gewesen. Doch sie befürchtete, dass ihr ohnehin niemand zuhören würde, so sehr, wie alle mit der Maus beschäftigt waren. Sie blickte auf Samweis und grübelte, wie er sich nun entscheiden würde.
Samweis erwiderte ihren Blick und erkannte, dass Mäusefangen am heiligen Abend eine ganz spezielle Herausforderung war. Einfach diese Maus im Mittelgang der Kirche zu verspeisen, schien nicht so recht willkommen zu sein. Und überhaupt, sie war eine Spitzmaus, nicht gerade die schmackhafteste Sorte. Und wenn er an die Leckereien dachte, die sie zuhause zubereiteten, als er zum Gottesdienst gegangen war, dann war es vielleicht gar nicht so eine gute Idee, sich mit ihr den Appetit zu verderben. Er hatte ja bereits unter Beweis gestellt, dass er ein guter Jäger war. Drei Sätze, und seine Pfote hatten den Nager erwischt. Gar nicht so schlecht, wenn man unter Beobachtung stand und nicht das Überraschungsmoment auf seiner Seite hatte.
Während er noch überlegte, fiel sein Blick auf die große Krippe, deren Aufbau er beobachtet hatte. Allerlei Tiere saßen da nebeneinander im Stall. Sollte das der Sinn des speziellen Abends sein?
Er nahm die Maus vorsichtig am Nackenfell und trat mit ihr vor die Krippe. Dann setzte er sich davor und überlegte. Sie hier zu verspeisen war sicher keine gute Idee. Und die wieder laufen zu lassen auch nicht. Also drehte er sich mit der Maus in der Schnauze um und schritt majestätisch den Mittelgang der Kirche mit ihr entlang, hinaus zum Kirchentor. Der Küster öffnete ihm schnell die Tür und Samweis verschwand mit der Maus nach draußen. Dort ließ er die Maus dann schweren Herzens laufen.
Für den Rückweg wählte er seinen üblichen Weg durch das zerbrochene Kellerfenster. Als er wieder Platz genommen hatte, sah er, wie die Pastorin ihren Predigttext demonstrativ auf der Kanzel zerriss und meinte, sie würde eine andere Bibelstelle für die heutige Predigt wählen, nicht die bekannte Lukas-Geschichte, sondern einen Vers aus Jesaja 65. Genauer, den Vers 25: "Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR."
Alle blickten auf Samweis, und er wurde noch roter als sonst. Und dann meinte die Pastorin, dass er ein gutes Beispiel abgegeben hätte, wie er die Maus behandelt hätte. Alte Gewohnheiten ablegen und so. Und während der gesamten Predigt fiel der Name Samweis so oft, dass er beim Schlusssegen noch beschämter auf den Boden schaute als sonst.
Er verließ die Kirche erst, als alle anderen bereits gegangen waren. Nur die Pastorin war noch da. Sie setzte sich zu ihm in die Bank, drückte seine Pfote und wünschte ihm gesegnete Weihnachten, und dann kraulte sie ihm noch ein wenig seine Öhrchen.
Zufrieden ging er nach Hause und freute sich schon auf seinen reichlich gefüllten Fressnapf.
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