Wolfgang kam mit dem Kopf näher heran, sah Buddy mit seinem Silberblick lauernd an. „Und halt ihr gefälligst die Kerle vom Hals! Hast du kapiert?“, sagte er leise und kaum hörbar. Seine Augen gehorchten ihm nicht, führten ein Eigenleben.
Buddy wusste nicht, wie er Wolfgang anschauen sollte und hatte das Gefühl, mitten durch ihn hindurchzublicken.
„Halten sie Abstand, meine Herren! Sonst muss ich das Gespräch beenden“, sagte der Wärter und verschränkte wichtig die Arme vor der Brust.
„Der meint uns“, sagte Buddy.
Wolfgang ließ sich in die Rückenlehne seines Stuhles zurückfallen. „Sobald ich hier raus bin, kümmere ich mich wieder selbst um die Geschäfte. Bis dahin muss ich mich voll auf dich verlassen können.“
„Äh. Klaro“, antwortete Buddy, und es hörte sich nicht überzeugend an.
Wolfgangs Augen justierten sich neu ein, blickten mal zur Zimmerdecke und dann wieder zu den Nachbartischen nach rechts und nach links. „Du machst das schon, Buddy. Ich zähl auf dich“, versuchte er ihn mit einem dreckigen Grinsen zu motivieren.
Buddy druckste herum, rutschte auf seinem Stuhl hin und her und bekam keinen vernünftigen Einstieg auf die Reihe. „Wolle, ich hab da ein Problem …“, fing er an, und dann war seine Zeit abgelaufen.
Der Wachmann blickte auf die Wanduhr. „Besuchszeit zu Ende!“, sagte er laut und bestimmend. Die Gefangenen begeben sich bitte in ihre Zellen zur linken Tür und die Besucher zum Ausgang, rechte Tür!“
Die letzten unbeschwerten Tage
Gaby hatte er seit der ersten Verabredung nicht wieder gesehen. Er wusste nicht wo sie wohnte, hatte keine Telefonnummer. Das zerfledderte Buch in der Telefonzelle half nicht weiter, den Namen Richter gab es ungefähr hundertmal darin. Er würde sie frühestens in der Schule wiedersehen, damit hatte er sich abgefunden.
Er hatte ein tolles Mädchen kennengelernt. Sie hatte ihm den Kopf verdreht, kein Tag, an dem er nicht an sie dachte. Nach den Ferien würde er wissen, wie es mit Gaby weiterging. Er wollte mit ihr gehen, zählte sehnsüchtig die Tage bis zum Unterrichtsbeginn und hoffte, dass sie nicht Nein sagen würde.
Die Sommerferien verbrachte Carl von morgens bis abends mit seinen Freunden. An Tagen, an denen seine Eltern in aller Frühe die Wohnung verließen, um ihrer Beschäftigung nachzugehen, sein alter Herr am Stahlkocher und seine Mutter in der Bäckerei, in der sie vormittags Brötchen und Kuchen verkaufte, organisierte er manchmal ein gemeinsames Frühstück für seine Kumpel. Oder sie fuhren mit dem Rad zum Freibad in den Hoesch-Park, aalten sich in der Sonne, setzten ihre verspiegelten Sonnenbrillen auf und ergötzten sich an Bikinischönheiten, während Gonzos Kofferradio um klaren Empfang mit Radio Luxemburg kämpfte. Whisky konnte gar nicht genug Sonne abkriegen, hörte nicht auf ihren Rat und verzichtete auf Nivea, und nach zwei Tagen sah sein Gesicht aus wie die Schale einer verkochten Pellkartoffel.
Abends erholten sie sich von den Strapazen des Tages, steuerten die üblichen Punkte an: das Fantasio, den Birds Club oder das Sacre Coeur, wo sie den besten Jasmin-Tee weit und breit machten.
Ihr letztes Ziel an diesem Tag: das Jugendheim. Es gab kostenlose Livemusik. Die Band Epitaph war zum Publikumsmagneten geworden. Im proppenvollen Saal hatten sich die Musiker bereits warmgespielt. Und das hörte sich nach richtig guter Mucke an.
Carl war durstig, hatte seit Stunden keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich genommen, und vor allem wollte er ungestört nachdenken. Der Getränkeautomat stand im Vorraum auf dem Weg zu den Toiletten. Große Auswahlmöglichkeiten hatte er nicht – Bluna oder Afri-Cola. Bier – Fehlanzeige, alkoholische Getränke waren nicht erlaubt. Er steckte ein Fünfzigpfennigstück in den Schlitz, öffnete das Fach, und nahm eine Afri-Cola heraus. Bluna – nur im Notfall. Eine eiskalte Afri-Cola zusammen mit einer Zigarette genossen, ähnelte der Wirkung eines sparsam gefertigten Joints. Und es musste ausnahmslos Afri-Cola sein, mit Coca Cola funktionierte das Ganze nicht, was vermutlich am geringeren Koffeingehalt lag.
Er lehnte sich an die Wand und trank. Ein Bein angewinkelt, den Fuß abgestützt, sah die Bilder aus der Werbung: Nonnen, Mannequins und Hippiemädchen hinter einem Fenster aus dahinschmelzenden Eisblumen, das erfrischende Getränk allgegenwärtig. Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola – alles ist in Afri-Cola.
Carl genoss diesen Augenblick ganz für sich allein. Von der braunen Flüssigkeit, die er gierig in sich hineinstürzte, schien nur Luft in seinem Bauch anzukommen, sein Leib spannte sich wie ein aufgeblähtes Segel.
Die Musik aus dem Saal war auch hier deutlich genug zu hören. Bei jedem Öffnen der Tür wurde es für Sekunden ohrenbetäubend laut, um anschließend wieder in Normallautstärke überzugehen. Er hatte die Band oft spielen sehen, sie probten im Keller des Fantasio. Der Lead-Gitarrist, den Carl wegen seiner langen Matte bewunderte, legte sich mächtig ins Zeug. Vor allem die Mädchen himmelten diesen Jungen schmachtend an.
Ohne Zweifel hatten Gitarristen mit Abstand die größten Chancen bei den weiblichen Anhängern, gefolgt von den Sängern. Er musste schmunzeln und schüttelte seinen Kopf, hatte er sich doch tatsächlich wieder beim Luftgitarre spielen erwischt.
Heute war ihm nicht nach Hasch, lauter Musik und abrocken. Gonzo lief ihm auf dem Flur über den Weg.
„Hör mal, Alter, ich mach ’nen Abflug, wir sehen uns morgen früh in der Schule“, informierte Carl seinen Freund.
„Alles klar, Alter, und wichs nicht so viel“, sagte Gonzo und verschwand in Richtung Klo.
Die Band spielte gerade Junior‘s Wailing von Steamhammer. Sie spielten das Stück gut, verdammt gut, so gut, dass Carl ins Wanken geriet, seinen Entschluss zum Aufbruch kurz überdachte, dann jedoch zielstrebig durch die Tür des Jugendheimes schritt und erleichtert die kühle Abendluft einsog. Auf dem Heimweg dachte er an Gaby – und auch an Elfi, die ihm immer noch im Kopf herumspukte.
Unschuldig und verführerisch
Gaby hatte ihn vor dem Schulgelände abgefangen. Er hatte es insgeheim gehofft und jetzt, wo er sie endlich wieder sah, beschleunigte sein Puls, bebte sein Herz vor lauter Aufregung.
Gonzo entließ Carl mit einem Schulterklaps. „Na los, Charly! Hübsche Mädchen soll man nicht warten lassen, sonst sind sie weg.“
Schnurstracks steuerte Carl auf sie zu, und ehe er etwas sagen konnte, legte sie auch schon los.
„Guten Morgen, Charly. Sage bitte nichts. Ich weiß es ja selber. Echt doof gelaufen. Ich mochte es dir nicht mehr sagen. Gleich am nächsten Tag nach unserem Treffen bin ich mit meinen Eltern an die Ostsee gefahren. Es tut mir so leid. Bist du mir jetzt böse?“ Ihre Gesten wirkten flehend, das Augenspiel unwiderstehlich.
Und weil Carl so sprachlos da stand, gab sie ihm einen dicken Kuss auf die Lippen, was er sehr mutig fand, hier, so direkt vor der Penne und vor den Augen der ganzen Welt.
„Warum hast du mir nichts davon erzählt?“, fragte er, und wollte nicht vorwurfsvoll klingen. „Du hättest mir wenigstens schreiben können.“
„Wohin denn?“, fragte sie und ihr Blick nahm einen traurigen Ausdruck an, als sie versuchte, eine Erklärung zu finden.
Carl verfluchte sich. Er hatte sie verunsichert. „Ich hab dich vermisst“, sagte er rasch.
Oh!
Gaby geriet ins Stottern. „I… ich konnte doch nicht ahnen, dass es dir so ernst ist.“
Er wusste nicht wo er dran war und legte seinen Arm um ihre Schultern. „Komm, lass uns reingehen, es ist schon spät!“
Sie sah unschuldig aus, aber auch verführerisch, in ihrem kurzen cognacfarbenen Wildlederrock. Sie trug wieder ihre dunkelbraunen absatzlosen Wildlederstiefel, die oberhalb ihrer Waden abschlossen. Ihre langen, offen getragenen hellblonden Haare fielen abgestuft wie eine Löwenmähne auf die Schultern. An so was dachte Carl, während sie ihre Schultaschen vom Boden aufnahmen und Hand in Hand zu ihren Klassenräumen bummelten. Dann wurden sie erneut getrennt.
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