„Wohlstand dem Clan...“, murmelte er vergnügt.
„Und Treue dem Earel“, ergänzte Jerusha den Gruß, wie es Sitte war; dann wartete sie neugierig darauf, was er zu sagen hatte.
„Jetzt lernen wir uns endlich einmal kennen. Ich habe mich schon lange darauf gefreut.“ Er wusste, wer sie war. Offensichtlich hatte er schon Erkundigungen über sie eingezogen. Das gefiel ihr. „Das hättest du schon früher haben können“, sagte Jerusha und grinste ihn an. „Aber ihr wolltet ja noch eine Weile die geheimnisvollen Fremden bleiben, oder?“
Dario lachte, überrascht über ihre Dreistigkeit. „Das hatten wir eigentlich nicht vor, wir wollten uns nur in Ruhe einleben.“
Sie blieben nebeneinander stehen und unterhielten sich immer weiter. Über Loreshom, über Stein und Silber, über die Liebe. Darios sanfte braune Augen ruhten aufmerksam auf ihrem Gesicht, er hörte ihr mit allen Sinnen zu, ließ sich von nichts ablenken. Jerusha merkte nicht mehr, wie die Zeit verging. Ab und zu tanzten sie, wenn die beiden rot und gelb gekleideten Fiedler eine besonders mitreißende Melodie spielten. Danach nahmen sie ihr Gespräch wieder auf, als hätten sie es keinen Atemzug lang unterbrochen.
Es war der Beginn des romantischsten Sommers, den Jerusha je erlebt hatte.
Und jetzt war wieder Frühling.
Darios und Larics Haus war ein zweistöckiger Steinbau und gut in Schuss. Jerusha pochte an die metallbeschlagene Tür und hörte den Widerhall im Inneren des Hauses. Es dauerte eine Weile, bis Dario öffnete. Er wirkte abwesend, sein Blick war nach innen gewandt. Doch als er sie sah, lächelte er, zog sie an sich und drückte die Nase in ihr Haar – er liebte den Duft des Nachtlilienöls. „Wie schön, dich zu sehen! Kannst du kurz warten? Ich habe gerade einen Spiegel in Arbeit.“
Jerusha nickte, setzte sich auf einen Schemel am Rand der Werkstatt und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der schweren, hölzernen Arbeitstische. Sie hatte damals schnell erfahren, dass keineswegs beide WiTaneks Goldschmiede waren – das war nur das Handwerk des schweigsamen, oft etwas düster blickenden Laric. Dario selbst war Spiegelmacher. Das gehörte zu den Dingen, die Jerusha an ihrem Verlobten nicht besonders mochte. Auch jetzt fühlte sie sich unwohl, während sie Dario zusah, wie er mit raschen, geschickten Bewegungen Flüssigkeiten aus verschiedenen Fläschchen auf das flache Glas des zukünftigen Spiegels träufelte. Ein ätzender Geruch breitete sich in der Werkstatt aus, und Jerusha hielt die Luft an. Wie gut, dass meine eigene Berufung mich meist unter freien Himmel führt! ging es ihr durch den Kopf. Oder in eine Werkstatt, in der es nur nach Steinstaub und dem Metall der Werkzeuge riecht.
Vorsichtig regelte Dario seinen Spiritusbrenner; die Flamme fuhr hoch und erhitzte die Schale mit dem neuen Spiegel darin. Gebannt beobachtete Dario, wie ein silbriger Schleier auf dem Glas erschien, und murmelte dabei Worte, die Jerusha nicht verstand – es klang wie eine fremde Sprache. Kein Zweifel, er hatte völlig vergessen, dass sie da war.
Jerusha ließ den Blick durch den Raum schweifen, über die Holzregale mit Arbeitsgeräten, die vielen Flaschen verschiedener Größe und Farbe, die sorgfältig an der Wand angelehnten und mit Filz gepolsterten Glasscheiben. Überall leere Rahmen, die meisten wohl von Laric gefertigt. Manche waren aus herrlich gemasertem und geschnitztem Holz, mit Einlegearbeiten aus edlen Metallen. Andere bestanden aus Gold oder Silber und waren mit Edelsteinen verziert.
Der Schemel war hart, und Jerusha verlagerte ihr Gewicht, um bequemer zu sitzen. Dabei fiel ihr auf dem Arbeitstisch eine kaum handhohe Waage auf, mit höchster Kunstfertigkeit aus Silber gehämmert – hatte Laric sie gemacht? Niedlich, die winzigen Gewichte. Sie nahm eins davon in die Hand, um auszuprobieren, wie schwer es war, doch sie ließ es erschrocken wieder fallen, als Darios Stimme den Raum durchschnitt. „Nicht! Nichts anfassen bitte!“
Erschrocken wandte sie sich zu ihm um. In Darios Augen stand heiße Wut. Auf einmal war er ihr fremd und ein wenig unheimlich.
„Entschuldige“, sagte Jerusha verlegen. Warum habe ich das getan? Ich weiß doch längst, wie empfindlich Dario ist, wenn es um seine Werkstatt geht! Im Reich ihres Verlobten herrschte äußerste Sauberkeit und eine Ordnung, die Jerusha zu Anfang fast schon unnatürlich vorgekommen war. Doch Dario hatte ihr erklärt, wie wichtig Reinheit beim Spiegelmachen war. Jedes Stäubchen, jedes Haar konnte einen gerade entstehenden Spiegel ruinieren und hässliche schwarze Flecken auf seiner Oberfläche hinterlassen. Doch anscheinend war Sauberkeit Dario zur zweiten Natur geworden, denn auch die Wohnräume wirkten immer frisch geputzt.
Zum Glück war der Ärger schnell vergessen, schon lächelte Dario wieder. „Bin gleich fertig“, sagte er, und ein paar Atemzüge später kam er in heiterer Stimmung zu ihr. Anscheinend war mit dem neuen Spiegel alles gut gegangen.
Jerusha entspannte sich und ließ zu, dass Dario ihre Hand nahm und sie aus der Werkstatt hoch zu den Wohnräumen geleitete. Zu spät sah sie, dass an der Wand des Treppenhauses ein großer, gerade erst fertiggestellter Spiegel mit einem Rahmen aus rotbraunem Silvanidaholz hing. Jerusha versuchte daran vorbeizuhuschen, doch auf einmal trat Dario zu ihr, umarmte sie von hinten und hielt sie fest. Genau vor dem Spiegel.
„Du bist hübsch, nein, schön bist du!“, murmelte er, sein Mund dicht an ihrem Ohr. „Du musst dich nicht verbergen, niemals musst du das. Schau dich doch an!“
Einen Moment lang zwang Jerusha sich, hinzusehen. Die junge Frau, die ihren Blick erwiderte, war schlank und nicht besonders groß, beinahe hätte man sie zierlich nennen können. Ihren runden Armen sah man die Kraft nicht an – nur ihre schwieligen Hände, die Fingernägel kurz wie die eines Mannes, verrieten etwas über ihre Arbeit. Vorsichtig ließ Jerusha ihren Blick weiterwandern. Zu den dunkelbraunen Locken, die ihr knapp über die Schultern reichten, ihren nachtblauen Augen, die von dichten Wimpern umgeben waren, ihrem ebenmäßigen, ovalen Gesicht.
Es war fast das gleiche Gesicht, in das Jerusha blickte, wenn sie heimkam und ihre Mutter sah.
Mit einem jähen Ruck riss Jerusha sich los und stürmte nach oben.
„He!“ rief Dario und folgte ihr, sie hörte seine schnellen Schritte auf der Treppe. „Bei Cerak, was ist denn in dich gefahren?“
Jerusha ließ sich auf einer Ecke des Diwans nieder und schlang die Arme um die Knie. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Ihr war peinlich, was geschehen war. „Ich mag es nicht, wenn du mich festhältst.“
Vorsichtig berührte Dario ihr Gesicht mit den Fingerspitzen, blickte ihr in die Augen. „Kommt nicht wieder vor“, sagte er mit treuherzigem Blick. „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie sehr ich mich freue, dass du noch vorbeigekommen bist? Wie war dein Tag am Tempel?“
Jerusha seufzte tief und spürte, wie sich die Spannung in ihrem Körper löste. Endlich, endlich konnte sie davon erzählen, dass ihre Figur der Göttin fertig war und was die anderen Bildhauer gesagt hatten. Aufmerksam lauschte ihr Dario und nickte ab und zu. „Das ist herrlich!“, sagte er schließlich, und seine Augen strahlten. „Habe ich dir nicht gleich gesagt, die anderen werden am Ende akzeptieren, dass du die Shimounah anders darstellst? Wann darf ich zum Tempel kommen und sie mir selbst ansehen? Das letzte Mal war sie noch ungeschliffen und wirkte, als hätte sie einen schweren Hautausschlag.“ Er grinste. „Aber man sah schon, dass sie phantastisch werden würde.“
Jerushas gute Laune kehrte zurück. Sie redeten noch eine Weile und Dario erzählte von einem Auftrag des Fürsten Eli Naír AoWesta, der über das benachbarte Benaris herrschte. Er hatte gleich zwei verschiedene, reich verzierte Spiegel bestellt. Doch dann fiel Jerusha ein, dass ihre Großmutter ihr noch etwas mitteilen wollte, und sie verabschiedete sich mit einem langen Kuss von Dario. Laric konnte sie nicht Lebewohl sagen, er war noch immer nirgends in Sicht. Er war ein so stiller und scheuer Mensch, dass sie oft das Gefühl hatte, er gehe allen Besuchern aus dem Weg. Vielleicht schreckt er beim ersten Pochen an der Tür kaninchengleich auf und schießt davon in irgendein Versteck. Der Gedanke brachte Jerusha zum Lächeln.
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