Ganz langsam schritt Terémio um die Shimounah herum, betrachtete sie aus jedem Winkel. Dann verzog sich sein zerfurchtes Gesicht zu einem Lächeln. „Du hast gefunden, was in diesem Block verborgen war. Die Leute werden von weither kommen, um es zu sehen. Breas´ Unglück war unser Glück, scheint mir.“
Die anderen widersprachen nicht, und Jerusha fühlte, wie ihr Gesicht heiß wurde vor Stolz. Breas war ein erfahrener Bildhauer, der die Figuren von Shimounah und Xatos hätte übernehmen sollen, während für eine junge Meisterin wie Jerusha die Kleinarbeit am Dachfries vorbehalten geblieben wäre. Doch dann war Breas einmal zu oft berauscht zur Arbeit erschienen und vom Gerüst gestürzt.
„Hab Breas neulich besucht“, sagte Zigg zu Goram. „Sein Arm ist wieder ganz, hat er gesagt, aber seine linke Hand wirkt ziemlich steif, und er säuft mehr Schlangenmilch, als gut für ihn ist. Lass die Kleine auch den Xatos machen.“
„Das würde die Große tatsächlich gerne“, entfuhr es Jerusha. Noch im gleichen Moment bedauerte sie, dass sie den Mund nicht gehalten hatte. Schon der Versuch, jemandem einen Auftrag wegzunehmen, war eine hässliche Sache. Außerdem tat Breas ihr leid. Für die Arbeit am Stein brauchte man in jeder Fingerspitze Gefühl, schon eine leichte Verletzung konnte bedeuten, tagelang zu niederen Arbeiten abkommandiert zu werden. Wenn er tatsächlich eine steife Hand zurückbehielt von seinem Unfall, war seine Laufbahn als Steinmetz vorbei. Wahrscheinlich endete er als Bettler.
Goram sagte nichts zu Ziggs Vorschlag, blickte nur nachdenklich drein. Xatos, der stolze Kriegergott, der rastlose Wanderer, war eine schwierige Aufgabe – und im Gegensatz zu Shimounah eine sehr unweibliche . Wahrscheinlich traute Goram ihr nicht wirklich zu, dem Stein auch eine solche Gestalt zu entlocken. Und um ehrlich zu sein, ich bin mir selbst nicht ganz sicher, ob ich es schaffen würde, ging es Jerusha durch den Kopf.
Es war ein peinlicher Moment, und Jerusha war froh, als sich jetzt Gorams Lehrling Alef schüchtern zu Wort meldete. „Diese Shi. Mir kommt sie irgendwie bekannt vor“, meinte er.
Die anderen lachten und schlugen ihm auf den Rücken. „Soso, vellecht hat Shi doch nok ein paar Liebhaber aus unser Welt gehabt, warst du etwis dabei?“, rief Welkar, ein muskulöser Arbeiter aus Larangva, dessen Akzent Jerusha manchmal kaum verstand.
Alef wurde rot bis zu den Haarwurzeln – und Jerusha blickte verlegen zur Seite. Sie hatte viele junge Frauen beobachtet und gezeichnet, als sie die Figur der Shimounah entworfen hatte. Hoffentlich kam niemand darauf, dass sie eine Weberin aus einem der Nachbarorte als Vorbild verwendet hatte.
„Aber jetzt mal im Ernst, der Drache ist ein Schwachpunkt“, meldete sich ein älterer Steinmetz, ein Wanderarbeiter aus dem Fürstentum Yantosi, zu Wort. „So ein winziges Vieh, sieht aus wie ein Schoßtier. Das kann man doch nicht ernst nehmen, Mädchen! Drachen sind mächtig, und hundertmal größer.“
Jerusha zuckte mit den Schultern. „Woher wisst Ihr das? Schon mal einen gesehen?“
„Wenn ich schon mal einen gesehen hätte, stünde ich jetzt nicht hier“, sagte der Steinmetz schroff und wandte sich wieder seinem Sandsteinblock zu, aus dem schon halb das freche Gesicht eines Fauns hervorlugte. Auch die anderen Bildhauer schlenderten zurück an ihre Arbeit, und wenig später klang die Melodie ihres Hämmerns wieder über die Tempelbaustelle.
Es war zu spät, um jetzt noch mit der Aufstellung der Shimounah zu beginnen. Morgen war noch genug Zeit, sie auf ihren Sockel zu hieven, der bereits fertiggestellt war und am richtigen Platz vor dem Tempel stand. Nach einem Seitenblick auf Goram entschied Jerusha, zur Feier des Tages heute früher heimzugehen. Sie musste unbedingt ihrem Verlobten Dario davon erzählen, was die anderen über ihre Statue gesagt hatten. Beim Gedanken an Dario wurde ihr Herz ganz leicht. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass er allein sie und ihre Arbeit verstand. Vielleicht, weil er selbst eine alte Kunst beherrschte – und natürlich weil er sie liebte. Nur noch drei Wochen bis zur Hochzeit, dann gehörten sie für immer zusammen.
Ach, das Leben ist schön!
„Bis morgen, Winib beschütze euch“, rief Jerusha fröhlich in die Runde, und ein paar Grüße schollen zurück. Sie warf noch einen letzten Blick auf die kantige Silhouette des halb fertigen Tempels. Noch wirkte er wie ein fünfeckiger Felsen aus hellem Sandstein, und die Lichtung um ihn herum war eine staubige Ebene voller Werkstätten und Steinblöcke und Holzgerüste. Dort, wo gerade nicht gearbeitet wurde, wucherte das Unkraut. Doch seit der Tempel sein kupferglänzendes Dach bekommen hatte und die Türme an seinen Außenseiten vollendet waren, ahnte man, was für ein Kleinod mitten im Wald er einmal sein würde.
An diesem Tag sah Jerusha ihn für lange Zeit das letzte Mal.
Kein Fuhrwerk in Richtung Loreshom kam vorbei, niemand nahm sie mit. Jerusha ärgerte sich nicht darüber, sondern schulterte das Bündel mit ihren Sachen und schritt auf dem breiten Schotterweg fröhlich aus. Ihre Gedanken schweiften zur Hochzeit, zu dem, was es noch alles zu organisieren gab. Zum Glück hat Kianna mein Kleid schon fast fertig – nur noch eine Anprobe, dann ist es perfekt! Jerusha gefielen die weiten, eleganten Ärmel, das Sonnengelb der Seide und die Goldstickereien am Ausschnitt. Es war Kiannas Hochzeitsgeschenk.
„Das Kleid passt ganz wunderbar zu deinen dunklen Haaren“, hatte Kianna bei der letzten Anprobe geschwärmt. „Prächtig. Wenn du dir das nicht ansiehst, werde ich dich für immer hassen!“
Jerusha hatte gelacht und sich schließlich zu einem kurzen Blick in den Spiegel überreden lassen. Und obwohl sie sich schnell wieder abgewandt hatte, konnte sie Kianna nur zustimmen. Das Kleid war herrlich. Kein Wunder, Kianna war nicht nur ihre Freundin, seit sie schlammbeschmiert im Teich herumgewatet waren und Frösche gefangen hatten, sondern inzwischen eine der besten Schneiderinnen der Gegend. Ihr Markenzeichen waren die kecken kleinen Hüte, mit einer Feder verziert, die sie selbst anfertigte.
Jerusha wanderte über die Hügel von Mandeth, auf denen hellgraue, schwarzköpfige Kehanoschafe weideten. An den Rändern des Weges blühte wie in jedem Nachfrühling überall gelbes Schnabelkraut und verbreitete seinen süß-würzigen Duft. Hin und wieder trabte ein berittener Bote vorbei, und einmal überholte Jerusha eine in dicke Röcke gewandete Bauersfrau. Dann nahm sie die letzte Biegung, und die ersten schilfgedeckten Häuser von Loreshom lagen vor ihr. Sie marschierte am Festplatz vorbei, an der Schänke, die einmal ihrem Vater gehört hatte, überquerte dann den Lint – der gerade wenig Wasser führte – und bog am schlammigen Dorfweiher zu ihrem Haus ab. Sollte sie direkt zu Dario gehen? Nein, erst wollte sie sich waschen und umziehen; der Steinstaub hing rund um den Tempel überall in der Luft, er drang in die Nase und legte sich auf die Haare, bis sie steif und unansehnlich waren.
Der kleine Hof, in dem sie mit ihrer Familie wohnte, war aus einfachem grauem Feldstein gemauert. Ein unfähiger Baumeister hatte das Dach so weit herabstehend entworfen, dass man im oberen Stockwerk nur gebückt stehen konnte und einem im Winter herabrutschender Schnee unweigerlich in den Kragen fiel, wenn man vor dem Eingang stand.
Jerusha stieß die quietschende Holztür auf. „Heda, ich bin´s“, rief sie und ließ sich ihren Beutel von der Schulter gleiten. Im Inneren des Hauses war es dämmrig, weil die Fenster so winzig waren, und ein muffiger Geruch nach alten Wolldecken hing in der Luft. Jerusha rümpfte die Nase und ließ die Tür offen. Kein Wunder, dass Dario sie ungern besuchte und es lieber sah, wenn sie zu ihm kam.
Fast lautlos schlurfte ihre Mutter aus den Schatten hervor. Ihr Blick war leer, ihre dunklen Locken matt und glanzlos, ihr Gesicht blass. Alles wie immer. „Bitte geh heute nicht mehr weg“, sagte sie unvermittelt. „Großmutter kommt später noch vorbei, und sie hat dir etwas zu sagen. Es ist wichtig.“
Читать дальше