Berliner Unternehmer David König unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen
Berlin, 21. Juni 2016. Der Gründer und Geschäftsführer von Fair^Made, einem jungen Berliner Unternehmen, das seit einigen Jahren im wachsenden Markt für nachhaltige Mode agiert, ist offenbar am Morgen zu Tode gekommen. Die genauen Umstände sind bisher nicht geklärt. Eine detaillierte Stellungnahme der Polizei steht aus, offenbar kann ein Mord jedoch nicht ausgeschlossen werden. »König David«, wie der Unternehmer auch liebevoll genannt wurde, gründete Fair^Made gemeinsam mit Lena Persson im Jahr 2012. Auch eine Stellungnahme der Unternehmensführung steht bisher aus.
Nachdem ich die Kinder ins Bett gebracht und ihnen eine kurze Geschichte aus den griechischen Sagen vorgelesen habe, lese ich ein paar weitere Artikel über den Tod des Fair^Made-Gründers. Offenbar bestätigte sich schnell, dass es sich um einen Mord gehandelt hatte. Allerdings scheint der auch nach drei Jahren noch unaufgeklärt zu sein. Ein halbes Jahr nach Königs Tod wurde von S.I. Investments, dem Hauptanteilseigner der Fair^Made GmbH, Peter Sauer als Ersatz für David König eingesetzt. Viel mehr finde ich nicht.
Was ist da bloß passiert?, frage ich mich. Ein Mord?
Emil wacht an diesem Abend nicht mehr auf. Entsprechend früh ist er am nächsten Morgen wach und kommt um halb sechs bester Laune in mein Schlafzimmer.
»Bin schon angezogen«, verkündet er.
»Weil du dich gestern Abend nicht ausgezogen hast, du Schlingel«, sage ich schlaftrunken. Doch ich freue mich über den gemeinsamen Moment, zumal ich mich gar nicht mehr müde fühle.
Er klettert auf mein Bett und kuschelt sich an mich.
»War’s gut gestern mit Melanie?«, frage ich ihn.
»Geht so«, antwortet er.
»Was war denn nicht gut?«
»Sie wollte nicht zu Ende spielen«, erklärt er.
»Ich dachte, du warst so müde, dass du nicht weiterspielen konntest«, entgegne ich. »Warst du etwa dabei zu verlieren?«
»Ich war dabei zu gewinnen«, widerspricht er mir. »Aber dann wollte sie nicht mehr.«
»Hast du geschummelt?«
»Hab’ ich nicht. Sie wollte den Läufer ziehen. Aber das war eine dumme Idee. Also hab’ ich gesagt, ›Wenn ich du wäre, würd’ ich das nicht machen.‹ Da hat sie die Dame gezogen, aber das war noch dümmer. Ich konnte mit meinem Pferdchen Schach sagen und gleichzeitig ihre Dame bedrohen. Sie musste den König bewegen, also hab’ ich ihre Dame gefressen, und dann hatte sie keine Lust mehr. Sie hat gesagt: ›Du hast mir einen schlechten Rat gegeben!‹ Da bin ich in mein Zimmer gegangen, und sie ist in der Küche geblieben.«
»Und dann bist du eingeschlafen?«
Er nickt. Ich hinterfrage den Verlauf der Schachpartie nicht weiter.
»Wollen wir zusammen Frühstück machen?«, frage ich ihn stattdessen, denn das tut er gern.
Kapitel 9
Wir sind zu siebt beim von Viktoria angekündigten Neustarter-Training. Lena Persson, die Gründerin höchstpersönlich, heißt uns herzlich bei Fair^Made willkommen.
»You are all Germans, right?«, fragt sie, in die Runde blickend, und wir nicken wie artige Schulkinder.
»Dann machen wir das auf Deutsch«, sagt sie mit nur einem ganz leichten schwedischen Akzent. Und dann legt sie los:
»Wie ihr alle bereits wissen werdet, ist Fair^Made mehr als nur ein Unternehmen. Wie andere Unternehmen auch wollen wir, dass unser Business wächst und wir eine gesunde Profitabilität haben. Doch nicht um jeden Preis. Bei Fair^Made wollen wir einen Unterschied für die Welt machen. Und das würden wir niemals für etwas mehr Umsatz opfern. Sicherlich habt ihr darüber schon mit euren Teamleitern gesprochen. Heute möchte ich euch eine Einführung geben, wie wir das auch intern umsetzen. Wenn ihr Fragen habt, unterbrecht mich einfach, OK?«
Sie blickt in die Runde. Wieder nicken wir brav.
»Gut«, fährt Lena fort. »Kundenfokus ist ein äußerstes Gebot bei Fair^Made. Egal, ob ihr in Marketing, Design, Finance oder HR arbeitet, ihr solltet den Fair^Made-Kunden oder die Fair^Made-Kundin nie vergessen.«
Ein junger Kollege – ich glaube aus dem Finance-Team – hebt seinen Arm. Es ist tatsächlich wie in der Schule.
»Ja?«, ermutigt Lena ihn.
»Vorhin hast du Fair^Made als mehr als ein Unternehmen beschrieben. Wir legen auch Wert auf Soziales, wenn ich das richtig verstanden habe. Das kostet aber auch Geld. Wenn wir uns nun voll auf den Kunden fokussieren, wäre es nicht besser, dieses Geld zu investieren, um unseren Kunden ein besseres Produkt bieten zu können?«
Er sieht Lena fast herausfordernd an.
»Ausgezeichnete Frage«, findet Lena. »Das würde zutreffen, wenn unsere Vision, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, losgelöst wäre von unseren Produkten. Tatsächlich ist sie aber ein integraler Bestandteil unserer Produkte. Unsere Kunden wollen und sollen sich gut fühlen, nicht nur, weil unsere Produkte angenehm zu tragen sind und sie darin gut aussehen, sondern auch, weil sie ein gutes Gewissen haben können. Macht das Sinn?«
Der Finanzler nickt.
»Gut«, sagt Lena und lächelt. »Also, wie setzen wir das intern um? Zuerst einmal durch Inclusion and Diversity . Es gibt zahlreiche Studien, die beweisen, dass heterogene Teams besser performen als homogene Teams. Deswegen sind wir stolz darauf, Mitarbeiter aus dreiundzwanzig Ländern zu haben, die in sehr unterschiedlichen Disziplinen studiert haben. Wir haben eine gute Mischung aus Frauen und Männern, wir haben Christen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten und Atheisten. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir sogar im Management nicht nur eine Quotenfrau haben. Diese großartige Diversität kann sich aber nur gewinnbringend für Fair^Made entfalten, wenn auch Inclusion stattfindet. Das heißt, dass niemand ausgegrenzt wird. Jeder hat es verdient, respektvoll behandelt zu werden. Das gilt übrigens auch für die sexuelle Orientierung eines jeden. Die unglaubliche Diversität unseres Teams ist eine unserer großen Stärken, solange wir ihr eine Chance geben. Deswegen ist besonders mir als Gründerin von Fair^Made sehr wichtig, dass auch jeder neue Kollege diese Grundsätze lebt.«
Sie macht eine Pause und blickt uns nacheinander an. Mir ist nicht entgangen, dass sie Alter, Familienstatus und soziale Schicht nicht genannt hat. Und wie ist das mit Leuten, die kein Studium haben?
Ein Blick auf die anderen Neustarter sagt mir, dass sie begeistert sind von Lena Perssons Worten. Bis vielleicht auf den Finanzler.
»Gibt es auch eine LGBT-Gruppe bei Fair^Made?«, fragt eine der neuen Kolleginnen.
Lena nickt.
»Falls du dich für das Thema interessierst, schreib einfach eine E-Mail an lgbt@fair-s-made.com . Das kannst du übrigens auch tun, wenn du heterosexuell bist. Niemand wird da ausgegrenzt.«
LGBT?, frage ich mich. Da meine Kollegen damit aber offensichtlich etwas anfangen können, stelle ich die Frage nicht.
»So viel zu Inclusion and Diversity «, fährt Lena fort. »Außerdem haben wir bei Fair^Made klare Guidelines, was sexuelle Belästigung angeht. In einem Satz: Sexuelle Belästigung ist ein absolutes Tabu! Details könnt ihr einem Dokument dazu entnehmen, das ich euch nachher schicke. Bitte lest es sorgfältig.«
Sie blickt uns an, wir nicken.
»Kommen wir zum nächsten wichtigen Thema: Feedback. Wir glauben daran, dass wir uns nur kontinuierlich verbessern können, wenn wir regelmäßig Quality Feedback bekommen. Es ist deswegen sehr wichtig! Wenn euch jemand Feedback gibt, seht es als Geschenk! Egal, ob es positiv oder kritisch ist. Und denkt auch daran, anderen Geschenke zu machen. Es ist nicht leicht, konstruktives Feedback zu geben. Deswegen haben wir regelmäßig Feedback-Trainings. Wenn ihr nicht in den nächsten vier Wochen zu einem solchen Training eingeladen werdet, sprecht euren Manager darauf an, OK?«
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