Diesmal würde Aláes ihn büßen lassen.
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Während des Rittes spürte Jerusha immer wieder eine Berührung in ihrem Geist ... eins von Koriónas´ Kindern war in der Nähe. Alsaria? Nein, anscheinend Kairai. Hin und wieder tauschte er einen schüchternen Gruß mit ihr, dann zog er sich wieder zurück. Folgte er ihr? Jerusha wurde nicht schlau aus seinem Verhalten.
Der Morgen des vierten Tages dämmerte, als Jerusha und Kiéran den vereinbarten Treffpunkt in Khelgardsland erreichten. Ihre Pferde dampften in der Kälte. Beklommen blickte Jerusha sich um. Sie ritten durch ein sanftes Hügelland, in dem sich hier und da ein Hof erhob, umgeben von Wiesen und Weiden – doch die Idylle trog, denn die Höfe waren verlassen, ihre Bewohner geflohen. Im Osten erhoben sich die schroffen Zinnen des Gebirges, schneebedeckt und abweisend. Dort in den Bergen wurde gekämpft – sie waren jetzt nicht mehr weit von der Front entfernt.
Es fühlte sich so falsch an, hier zu sein, sie musste jetzt zu den Menschen, die sie liebte! Jedesmal, wenn sie an Liri und ihre Mutter dachte, krampfte sich ihr Herz zusammen. Was tun sie gerade, füttern sie die Hühner, als sei nichts gewesen, übt Liri mit dem Bogen, holt meine Mutter gerade Wasser und weicht Wäsche ein? Oder hocken sie gerade frierend und von Furcht erfüllt in einem Versteck auf dem Fir Evarn, ohne zu wissen, ob sie den Morgen noch erleben werden? Jerusha konnte nur hoffen, dass Kiéran wirklich recht hatte und sie um Schutz für ihre Familie und sie selbst verhandeln konnten! Was war, wenn die Priester sich weigerten, sie, Liri und ihre Mutter aufzunehmen?
Schon von weitem sah Jerusha die kleine Gruppe von Reitern, die aus Richtung der Berge auf sie zuritt. „Da sind sie“, berichtete sie atemlos, doch Kiéran blickte bereits in diese Richtung.
„Ich weiß“, sagte er kurz. Er war wortkarg gewesen während ihres Rittes, doch viel hätten sie ohnehin nicht reden können, sie waren die meiste Zeit galoppiert. Und gelagert hatten sie nur, wenn die Pferde und sie vor Erschöpfung nicht mehr weiter konnten.
Es waren vier Menschen, die ihnen entgegenritten – Menschen in schwarzen Kutten, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen. Priester des Schwarzen Spiegels. Jerusha verkrampfte sich immer mehr, je näher diese Leute kamen. Ihre Gedanken flogen zurück zu dem furchtbaren Gefecht von Qirwen Cerak, zu Santiagos Tod, und plötzlich hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr bekommen. Nein, diese Leute sind nicht unsere Freunde, und werden es nie sein können, auch wenn sie vielleicht auf derselben Seite stehen. Wie ist Kiéran zumute, wenn er ihnen entgegenblickt? Beim Gefecht gegen diese Leute ist sein bester Freund getötet worden!
Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Seine Augen waren dunkel wie Schiefer, sein Gesicht hart. Er sah nicht mehr aus wie ein Mann, den man küssen konnte. Schon jetzt kam es ihr unwirklich vor, wie sie die Oase der heißen Quellen genossen, sich geneckt, sich geliebt hatten.
Als sie nur noch wenige Meter entfernt waren, zügelten die Priester ihre Pferde. Einen Moment blieben sie so, schweigend und abwartend, dann stiegen sie ab und gingen ihnen entgegen. Langsam saß Kiéran ebenfalls ab, und Jerusha folgte seinem Beispiel. Sie nahm die Zügel der Pferde und ging ihm hinterher, es war klar, dass er das Reden übernehmen würde.
Erschrocken fiel ihr ein, was sie zuvor nicht bedacht hatte – würden die Priester merken, dass Kiéran nicht mehr das Amulett trug, das sie ihm vor einem halben Jahreslauf gegeben hatten? Sondern ein neues, das ihm Jerusha durch eine dreiste Lüge aus einem anderen Tempel beschafft hatte? O nein, warum hatten sie daran nicht früher gedacht! Jetzt war es zu spät, das zweite Amulett abzulegen und zu verbergen! Aber hätte Kiéran das überhaupt getan?
Als sie nur noch zwei Menschenlängen voneinander entfernt waren und sich gegenüber standen, blieben die Priester stehen und schlugen ihre Kapuzen zurück. Es waren drei Männer und eine Frau. Mit gemischten Gefühlen erkannte Jerusha ihren Anführer, einen hochgewachsenen Mann mit kantigem Gesicht und kurzem braunem Haar mit erstem Grau darin. Als er die Hand zum Gruß hob, fielen Jerusha seine schmalen, langfingrigen Hände auf, perfekt dafür geeignet, mit behutsamem Griff Bücher aus dem Regal zu holen und aufzuschlagen. Das war Dinesh, Erster Priester des Spiegeltempels von Daressal. Der Mann, der Kiéran damals aufgenommen hatte, als seine Truppe ihn schwer verletzt zurückgelassen hatte. Aber auch der Mann, der sie in Qirwen Cerak beinahe alle vernichtet hätte.
Dinesh ließ den Blick nicht von Kiérans Gesicht. „Friede den Clans“, sagte er zur Begrüßung – er hatte den Gruß abgewandelt, ja, das war gut, Wohlstand hätte nicht gepasst.
Jerusha wartete darauf, dass Kiéran die übliche Erwiderung „... und Treue dem Earel“, sprach, doch nichts passierte. Als sie sich ihm erstaunt zuwandte, sah sie, dass es in seinem Gesicht arbeitete, und begriff. Wird er überhaupt schaffen, diese Leute zu begrüßen, mit ihnen zu reden? Jerusha wagte kaum zu atmen, sie wusste, dass jetzt alles auf dem Spiel stand. Wenn Kiéran nicht verhandeln wollte oder konnte, dann wurde es nichts mit dem Schutz für ihre Familie!
Jetzt kam Leben in ihn. Bitte sag etwas, bitte , bat ihn Jerusha lautlos, doch Kiéran wandte sich abrupt zur Seite, von den Priestern ab, und blickte in die Ferne. Er atmete schwer.
Verzweifelt wandte sich Jerusha den fremden Männern zu. Was sollte sie tun, sollte sie die Verhandlungen übernehmen? Doch sie war es nicht, die hier gefragt war, es war Kiéran mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten, den die Priester brauchten!
Ganz kurz begegnete Dinesh ihrem Blick, und sie sah in seinen nachdenklichen Augen etwas, das ihr Hoffnung machte. Konnte er verstehen, wie Kiéran sich gerade fühlte?
Als der Priester die Stimme erhob, wäre Jerusha beinahe zusammengezuckt. Fast rechnete sie damit, dass Dinesh Kiérans zweites Amulett ansprechen würde, doch er tat nichts dergleichen. „Ich möchte Euch mein Beileid aussprechen, Kiéran“, sagte er stattdessen – mit einer sanften, ernsten Stimme, die Jerusha durch und durch ging. „Es ist mir bewusst, dass der Tod Eures Freundes Euch tief getroffen hat. Ich bedauere unendlich, dass es so weit kommen musste. Es war eine üble Laune des Schicksals, die uns zu Feinden gemacht hat.“
Einen Moment lang geschah nichts. Dann bemerkte Jerusha, dass ihr Gefährte tief durchatmete. Ganz langsam wandte er sich den Priestern und der Priesterin zu, zwang sich wohl dazu. Dann nickte Kiéran kurz. „Ich danke Euch für Eure Worte“, sagte er förmlich. „Auch mir tut es leid, was geschehen ist – Ihr hattet ebenfalls den Tod einiger Gefährten zu beklagen.“
Dinesh nickte ebenfalls. „Es stehen viele Erinnerungen zwischen uns – aber das müssen wir jetzt beiseite lassen, die Zukunft Ouendas steht auf dem Spiel.“
„Ja.“ Kiéran wirkte noch immer verkrampft, doch seine Stimme klang nüchtern. So wie immer, wenn es um Strategien, um Pläne ging. Erleichtert hielt sich Jerusha weiterhin im Hintergrund. Jetzt musste es nur noch klappen, dass die Priester auf seine Vorschläge eingingen!
„Wir haben uns bisher gar nicht so schlecht geschlagen, dafür, dass die Eliscan als unbesiegbar gelten“, erklärte Dinesh, und als er einem seiner Begleiter ein Zeichen gab, rollte dieser auf dem Boden eine Karte aus. Aber keine gewöhnliche Karte, es war eine, auf der Berge und Täler als Relief geformt waren. Natürlich, Dinesh wusste genau, was Kiéran sehen konnte und was nicht – war diese Karte eigens für ihn angefertigt worden? „Hier in Xaldas konnten wir sie abfangen und daran hindern, nach Benaris einzudringen ... aber in anderen Regionen waren wir nicht in der Lage, sie aufzuhalten – hier in Larangva zum Beispiel, außerdem an verschiedenen Stellen in Khelgardsland, hier und hier ...“ Er deutete mit dem Finger auf verschiedene Gegenden.
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