„Fang bitte schon mal an, unsere Sachen zu packen, ich helfe dir, sobald ich kann“, sagte Kiéran grimmig und machte sich an die mühevolle Arbeit, die Antwort an Dinesh zu verfassen, solange der Botenvogel sich noch in der Nähe herumtrieb.
Doch auch Jerusha kritzelte hastig eine Nachricht. „Ich schreibe meiner Mutter und Liri, sie sollen sich auf dem Fir Evarn verstecken, bis ich komme.“
Kiéran nickte, das war eine gute Idee. Kaum hatte Jerusha die Botschaft mit einem von Fürst Ceruscans Botenvögeln abgesandt, machte sie sich hastig daran, Damaris zu satteln. Vor dem Aufbruch aßen sie das mittlerweile zerkochte Reisgericht, dann befestigte Kiéran den Sattel und die Ausrüstung von Fürst Ceruscans Packpferd auf Reyns Rücken. Der Hengst wirkte ausgeruht und brannte darauf loszugaloppieren, das war gut, es würde ein harter Ritt werden nach Khelgardsland. Dem Packpferd schenkte Jerusha die Freiheit, es konnte sich hier in der Oase eine schöne Zeit machen, bis irgendjemand es einfing.
„Und los“, sagte Jerusha und blickte noch ein letztes Mal zurück. Sie zog ihr Halstuch – inzwischen gewaschen und wieder bunt – aus der Tasche und knotete es an einen Ast. Dann zog sie sich auf Damaris. „Aber eines Tages kommen wir zurück. Das hier ist unser Paradies, und die Erinnerung daran kann uns keiner nehmen.“
„Ja“, sagte Kiéran und hoffte, dass es nicht seine letzten guten Erinnerungen sein würden.
***
Es war nicht mehr lange hin bis zu Aláes Krönung. Der Königshof der Elis Aénor war in einem Taumel der Vorbereitungen. Heerscharen von Kobolden wischten die vielen Spiegel, polierten die Kronleuchter, ölten die kostbaren Bodenmosaike ein, schmückten alle Räume mit Laub- und Blumenkränzen. Pukas fraßen auch die kleinsten Unkräuter aus den Gärten und machten sich mit goldenen Scheren an Sträuchern und Bäumen zu schaffen, um jedes unvollkommene Blatt, jeden Zweig, der die Harmonie störte, zu entfernen. Eliscan-Köche buken, brieten, kneteten Teig, flambierten und brachten gewaltige Wagenladungen von Früchten, Nüssen und frisch geernteten Knospen herbei für das große Fest.
Silmar bekam nicht viel von all dem mit. Wie so oft in den letzten Tagen saß er in den Gemächern der Königin, das Kinn in die Hände gestützt, schweigend, ohne die Augen von ihrem Gesicht zu lösen. Es war sehr still hier, nur das Rascheln eines Gewandes war zu hören, wenn jemand aufstand, um zu gehen, oder jemand Neues zur Tür hereinkam. Es waren schon weniger Eliscan als zuvor, die die Königin unter der Aufsicht ihrer Leibwache besuchten und für sie um Kraft baten. In der ersten Woche ihrer Krankheit waren es Hunderte gewesen, jetzt war es ein Dutzend Leute, die zu jeder Zeit bei ihr saßen und schweigend Beistand leisteten. Nur Yoani war immer da, Célafioras Tochter, eine ruhige, rothaarige Frau, die ihr Leben dem Dienst an der Natur geweiht hatte und mit dem Königshof nichts zu tun haben wollte.
Silmars Gedanken schweiften zu Pharanee, die schon ein paar Dinge – leider nur von geringer Bedeutung – herausgefunden hatte, dann zum Heiler Kyal, der nie wieder gehen oder sprechen würde, weil er zu viel von sich gegeben hatte. Dieser Heiler hat zwar gesagt, dass es kein Gift ist, aber das glaube ich nicht, ging es ihm durch den Kopf. Und wenn es ein Gift war, existiert vielleicht ein Gegengift . Natürlich, unsere Leute haben schon vieles ausprobiert, aber vielleicht schadet es nicht, wenn ich selbst in der Bibliothek ...
„Silmar, Sir? Eure Anwesenheit bei Aláes´ neuster Rede wird gewünscht.“ Zwei bewaffnete Elis, wie üblich. Schweigend erhob sich Silmar und folgte den beiden Männern.
Aláes hatte es zu einer neuen Tradition gemacht, täglich zu Mitternacht eine Rede im Königssaal zu halten. Diesmal war das Thema die Welt der Menschen, und Silmar hatte das zweifelhafte Vergnügen, in der ersten Reihe lauschen zu dürfen.
„Ich bin schon viele Male in die Menschenwelt gereist und kann euch sagen: Menschen sind nicht nur hässlich, verbreiten einen unangenehmen Geruch und haben ausschließlich ihr eigenes Wohl im Sinn, nein, es ist viel schlimmer“, sagte Aláes gerade zu einem Publikum von etwa hundert Seelen. „Sie haben es auch schon allzu oft geschafft, unsereins zu töten! Mein eigener Vater ist im zweiten Eliscan-Krieg umgekommen, da war ich noch ein Kind. Euch und den Euren wird es ebenso ergehen, wenn wir zögern und zaudern!“
Erschrockenes Murmeln – für die meisten im Saal war es unvorstellbar, Verwandte an den Tod zu verlieren.
Aláes fuhr fort: „Doch zum Glück haben wir starke Verbündete, die Elis Sarkorr und die Skraelings, und auch wir selbst verstehen zu kämpfen, wir können diese verachtenswerten Wesen von unserem Land fernhalten.“ Er hieb mit der Faust in seine Hand. „Aber nur, wenn wir ihres kontrollieren – im Moment sind wir ihren Launen ausgeliefert und ihrem guten Willen, die Grenze nicht zu überschreiten. Das kann so nicht weitergehen!“
Er versucht, ihnen seine eigene Begeisterung für den Krieg einzuhauchen . Silmar verschränkte die Arme. Dabei sind die meisten Menschen wie Schafe, schwach und von geringer Intelligenz, sie sind keine Bedrohung für uns .
Doch das schienen die Zuhörer anders zu sehen, ein zustimmendes Raunen hatte sich bei Aláes letzten Worten erhoben.
Aláes Stimme wurde immer lauter und schneidender. „Der beste Beweis für ihre Verdorbenheit ist doch wohl, dass die Menschen es gewagt haben, König Qedyr als Geisel zu nehmen! Verantwortlich dafür ist ein Mann ohne Skrupel, ein ehemaliger Soldat namens Kiéran SaJintar, der in seinem kurzen Leben schon mehr Blut vergossen hat, als die meisten von uns jemals gesehen haben!“
Diesmal gab es sogar Rufe der Empörung. Einigen zart besaiteten Eliscan-Mädchen wurde beim Gedanken an so viel Blut schlecht, sie mussten am Arm ihrer Verehrer den Saal verlassen. Silmar zog verächtlich die geschwungenen Augenbrauen hoch. Er selbst hatte nichts gegen Blut. Er konnte sich nur nicht vorstellen, dass der Lin´tháresh etwas derart Dämliches tun würde wie von Aláes behauptet. Gab es überhaupt Beweise für seine Behauptung?
Einen kurzen Moment lang trafen sich seine und Aláes´ Blicke. Als habe sein Onkel seine Gedanken geahnt, gab er ein Signal, und zwei Eliscan wurden hereingeführt. Sie trugen die Uniform von Spähern, elegant geschnittenes grünes Tuch mit einer dunkelbraunen Schärpe. Mit ernster Miene berichteten sie, dass sie selbst gesehen hätten, wie der König von besagtem Mann gefangen genommen und gefoltert worden sei. Es sei sehr zweifelhaft, ob Qedyr überhaupt noch am Leben sei, da der Tiefseher und seine ebenso hinterhältige Gefährtin ihm schon jede Bosheit zugefügt hatten, die ihnen einfiel.
„Und das alles wegen Qedyrs Idee, die Menschen kennenlernen zu wollen – daraus konnte nichts Gutes erwachsen!“ Aláes´ kräftige Stimme erfüllte den ganzen Saal.
Ungläubig hörte Silmar zu. Er bezweifelte, ob diese beiden wirklich Späher waren, ihre Uniform war nagelneu und wirkte unecht, zum Beispiel waren die Taschen falsch angesetzt. Außerdem war es der reinste Teichschlamm, was diese lächerlichen Gestalten da erzählten! Bevor er dazu kam nachzudenken, hatte er sich schon erhoben. „Das kann nicht stimmen!“, rief er den anderen Zuhörern zu. „Ich kenne den Lin´tháresh, wir haben ein Dutzend Mondaufgänge zusammen erlebt. Er ist ein Mann von tiefem Gefühl – nie würde er jemanden foltern, und schon gar nicht unseren König!“
Tiefes Schweigen. Alle Augen wandten sich zu Silmar und wieder von ihm ab. Sie glaubten ihm nicht, oder dachten sie, dass der Lin´tháresh ihn durch Freundlichkeit eingelullt hatte?
Aláes´ Blick war mörderisch. Und Silmar wusste, dass er sich diesmal eine Eskapade zu viel geleistet hatte. Alle hier wussten, dass er Aláes´ Neffe war. Gerade hatte er seinem Onkel öffentlich widersprochen und ihn dadurch das Gesicht verlieren lassen.
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