Er sagt es so trocken und ohne jegliches Gefühl, dass ich einen Moment brauche, um seine Worte zu verdauen. „Sie ist meine Mutter, Darius. Meine Mutter! Sie hat mich zur Welt gebracht und aufgezogen. Ganz allein, ohne jegliche Unterstützung!“
„Das bestreite ich nicht. Ich sage nur, dass einige Zeit vergangen ist und du schon länger sehr gut ohne sie klarkommst. Außerdem hast du als Druidenhexe eine Pflicht zu erfüllen. Die magische Macht wurde dir nicht einfach so geschenkt. Du hast Verpflichtungen, denen du nachkommen musst.“
Ich schüttle mit dem Kopf, auch wenn ich diese Verantwortung, von der er da spricht, als schwere Last auf meinen Schultern fast körperlich spüren kann. „Selbst wenn ich bleiben wollte, um all die Druiden zu empfangen, könnte ich ihnen doch nicht geben, weswegen sie hierher pilgerten, denn ich weiß nicht, wie es geht! Ich habe keine Ahnung, wie ich Randolf diese Art von Magie verliehen habe! Es ist einfach so passiert, ich habe es nicht willentlich getan!“
Darius beugt sich in seinem Sessel vor und stützt die Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab. „Scarlett, es ist deine Bestimmung. Von daher denke ich, dass es ganz intuitiv passieren wird, wenn du es einfach mal versuchst. Es war doch eigentlich klar, dass irgendwann der Tag kommt, an dem du neue Druidenhexen erschaffen wirst. Eine neue magische Rasse reproduziert sich entweder über den natürlichen Weg, wie bei den Werwölfen zum Beispiel, oder über Weitergabe der Kräfte durch Infektion, wie beispielsweise bei den Vampiren.“
Meine Augen werden groß. „Ich werde dich nicht beißen, soviel ist klar!“
Der Druide lacht. „Na, das hoffe ich doch! Ich lasse mich nämlich nur ungern beißen, außer von Roberta natürlich, bei ihr ist das etwas anderes.“
Ich hebe abwehrend die Hände und verziehe das Gesicht. „Bitte verschone mich!“
Sein Lachen wird lauter und ich lasse mich davon anstecken. Es tut gut, in dieser schwierigen Situation ein wenig zu lachen. Es fühlt sich an, als hebe sich der dunkle Vorhang, gewebt aus Verantwortung und Erwartungen etwas. Das Licht, das nun hineinscheint, gibt mir neue Zuversicht.
„Okay“, sage ich schließlich und beuge mich zum Druiden vor. „Vielleicht versuchen wir es mal.“
Beim ersten Versuch sitzen wir uns draußen zwischen ein paar dicken Eichenbäumen im Schneidersitz gegenüber, fassen uns an den Händen und schließen die Augen. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch die Gedanken an die immer näherkommenden Druiden, meine verschwundene Mutter, und Darius´ ledrige Hände lenken mich ab. Ich gebe mein Bestes, all das auszublenden, mich mit den Elementen zu verbinden und all meine Kraft in die Weitergabe dieser besonderen Druidenhexenmagie zu legen, doch es klappt nicht. Alles, was ich vollbracht habe, ist ein aufziehender Sturm, Nieselregen und Risse im Erdboden.
„Spürst du schon etwas?“, frage ich und linse durch ein Auge zu Darius.
Er schüttelt mit dem Kopf und öffnet die Augen. „Nein. Aber wenn du so weitermachst, sind meine Hände bald verkohlt.“
Ich reiße beide Augen auf und drehe seine Hände um. Rote Striemen von meinen Blitzen sind darauf zu sehen. „Oh nein, das tut mir leid. Das wollte ich nicht“, sage ich und fühle mich schlecht.
„Nicht so schlimm. Versuch es noch einmal.“
Ich sehe die Gier in seinen Augen. Er will diese Macht unbedingt! Wenn ich mir vorstelle, dass bald hunderte seiner Art so vor mir stehen, wird mir beinahe übel.
„So wird es nicht funktionieren“, sage ich und lasse seine Hände los. „Mit Randolf habe ich auch nicht meditiert, und trotzdem hat er die Kraft bekommen.“
„Weil eure Seelen sich berührt haben.“
„Ja, aber ich kann doch jetzt nicht mit meiner Seele in jeden Druidenkörper steigen, um ihm diese Macht zu verleihen!“
Darius fasst sich nachdenklich an seinen Kinnbart und dreht die goldene Perle darin mit seinen Fingern. „Du hast seine Seele berührt und vorher deine Druidenmagie mit dem Druidikum gestärkt. Vielleicht brauchst du jetzt auch ein wenig Druidikum, damit du nicht mehr nur die Elemente mit deiner Hexenmagie beschwörst und deine magischen Blitze abfeuerst.“ Er greift in die Tasche seiner Leinenkutte und zieht ein halbvolles Fläschchen des speziellen Kräutertrankes hervor. „Hier, nimm etwas davon und dann versuchen wir es nochmal.“
Ich nehme ihm die Flasche ab, löse den Korken und gebe einen Tropfen der braunen Flüssigkeit auf meine Fingerspitze. Dann schließe ich die Augen und führe den Finger zu meinen Lippen. Sobald der Tropfen meinen Mund erreicht, wird mein Körper von seiner magischen Wirkung durchflutet. Alles um mich herum erstrahlt plötzlich. Grün ist nicht mehr einfach nur Grün, sondern zieht sich über die ganze Farbskala, von lindgrün, über moosgrün bis hin zu olivgrün. Doch es sind nicht einfach nur Farben, dahinter stecken Emotionen, Gefühle, ganze Geschichten.
„Scarlett?“ Die Stimme des Druiden reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe seinen habsüchtigen Blick, in dem eine Spur Ungeduld liegt. „Versuchst du es jetzt? Bitte?“
Er streckt mir seine Hände entgegen, doch ich schüttle mit dem Kopf. Jetzt, da sich ein Tropfen des Druidikums in meinem System befindet, kann ich plötzlich viel klarer denken. Es reicht nicht, einfach nur mit Darius zu meditieren. Ich muss seine Seele berühren, und zwar genauso, wie der fremde Druide es im Kerker mit mir gemacht hat, als er sehen wollte, ob sich wirklich die Druidenhexe im Körper dieses Werwolfes befindet.
Also strecke ich meine Hand aus und lege sie auf Darius´ Brust. Seine Augen funkeln vor Hoffnung und Vorfreude, ich mache meine zu und lasse meine Seele durch meinen Arm zu seinem Herzen wandern. Es geschieht ganz intuitiv, das Druidikum verstärkt meine Druidenkräfte und dieser Teil meiner Seele wird von Seinesgleichen magnetisch angezogen.
Plötzlich sehe ich Darius´ Seele vor meinem inneren Auge plastisch vor mir. Ich erkenne sie sofort, auch wenn sie seinem äußerlichen Körper in keiner Weise ähnlichsieht. Sie ist dunkelgrün, vernarbt, braun, mit tiefen Wunden und Tälern voller Güte und Mitgefühl. Ich sehe die Freude und das Leid, das er in seinem Leben erfahren hat. Schwarze Tupfen aus lang vergangener Zeit durchziehen seine Seele; Fehler, die er einst begangen hat und manche davon nun bereut. Blutrote Kleckse aus tief empfundener Liebe schwirren im inneren Nebel umher und mischen sich mit allem, was diesen Druiden ausmacht.
Langsam ziehe ich meine eigene Seele wieder zurück, lasse sie wieder in meinen Körper gleiten und nehme die Hand von seiner Brust.
Als ich die Augen wieder öffne und Darius anschaue, zucke ich erschrocken zurück und gebe einen quietschenden Schrei von mir. Seine sternförmige Narbe leuchtet, aber nicht in diesem Rotton, wie sie es tut, sobald er der weißen Hexenkönigin näherkommt, sondern in einem tiefen Schwarz! Es ist ein schwarzes Glimmen, das sich mit nichts auf der Welt vergleichen lässt.
„Was? Was ist los?“, fragt Darius, reißt die Augen auf und blickt sich um.
„Die… Deine Narbe!“
„Was ist damit? Leuchtet sie?“
Ich nicke und sehe geschockt zu, wie das schwarze Glimmen langsam versiegt. „Ja… Aber nicht rot, so wie bei Roberta.“
Wissend senkt er den Kopf und fährt mit den Fingerspitzen über den Stern auf seinem Skalp. „Schwarz, wie die Mitternacht.“
„Woher… Was… Was bedeutet das?“, stammle ich. „Hat es denn wenigstens funktioniert? Spürst du irgendwas?“
Darius blickt an sich herab, tastet seine Konturen ab und lässt dann die Schultern sacken. „Ich fühle mich nicht anders als sonst.“
„Aber deine Narbe hat geleuchtet, und ich habe deine Seele gesehen. Irgendwas muss geschehen sein“, sage ich ungeduldig. „Versuch´ doch mal was. Erschaffe einen Schutzkreis um dich herum, so wie Randolf es gemacht hat. Dann wissen wir, ob es funktioniert hat, oder nicht.“
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