Ich wiederhole mein Pendeln an immer größer werdenden Karten, und endlich bei einer Karte von Europa schlägt es schwach über West-Frankreich aus. Immer weiter grenze ich das Gebiet ein, wo das Pendel eine sachte Regung anzeigt. Es zittert nur so schwach, dass ich es fast nicht erkennen kann, aber dieses kleine Zucken des Pendels ist alles was ich habe, um meine Mutter zu finden. Ich schaffe es, den Ort immer weiter einzugrenzen und zu meiner Überraschung endet die Spur in einem winzig kleinen Ort im Westen Frankreichs.
Ich überprüfe noch ein paar Male, ob ich das Pendel nicht vielleicht missverstanden habe, doch da ich als einzige Reaktion von ihm nur immer ein leichtes Zittern über genau diesem Ort erhalte, notiere ich mir den Namen der Gegend und klappe den Atlas zu.
Chris und ich werden also einen Ausflug nach Frankreich unternehmen.
Ich will gerade wieder nach oben gehen, um ihn über unsere Reisepläne in Kenntnis zu setzen, als es an der Haustür klopft.
Ein wenig verwundert über solch einen frühen Besuch öffne ich die Tür und begrüße Darius.
„Darius? Was machst du denn hier?“, frage ich, sichtbar irritiert und blicke an ihm vorbei. „Ist Roberta auch hier?“
„Nein, ich bin allein“, antwortet er und hält seinen mit Schnörkel verzierten Druidenstab umklammert.
„Okay. Willst du reinkommen?“, frage ich, als ein hellblauer Fiat Panda, dessen Fahrer ihn offenbar für einen Offroad-Wagen hält, über den Waldweg brettert und auf unser Haus zuhält. „Wer ist das denn?“
Darius dreht sich zum Geräusch des dröhnenden Motors um und ist ebenso irritiert wie ich es bin.
„Noch mehr Besucher zu dieser frühen Zeit?“, frage ich laut, zucke mit den Schultern und grinse.
„Es werden bald noch viel mehr sein“, prophezeit Darius mit Blick in Richtung des hellblauen Wagens und mein Grinsen gefriert.
„Wie meinst du das?“, hake ich nach, doch sein Blick ruht auf dem Auto, das vor unserer Garage parkt und dem mit einem gluckernden Hicks der Motor abgewürgt wird.
Die Türen schwingen auf und Naomi und Kitty steigen aus. Verwundert rufe ich ihre Namen. Naomi wirft die Autotür zu und kommt über den Kiesweg auf uns zu gerannt. Kitty jedoch ist damit beschäftigt, ihr weißes Kleid von Fusseln und Krümeln zu befreien und dabei ein möglichst angewidertes Gesicht aufzusetzen.
„Scarlett, Scarlett“, ruft Naomi aufgeregt und wirkt von dem kleinen Spurt völlig aus der Puste. „Ist alles in Ordnung? Geht es euch gut?“
„Ähm… Ja?“, antworte ich und frage mich, was das alles zu bedeuten hat. „Was ist denn los?“
Bevor sie antworten kann, schiebt Darius sich an mir vorbei ins Innere des Hauses und ich bitte Naomi und Kitty ebenfalls hinein. Naomi presst ihren braunen Lederrucksack dicht an ihre Brust und folgt Darius, während ich die Tür weiterhin für Kitty offenhalte, die in ihrem weißen Kleid den Kiesweg entlangschreitet, als wäre sie eine Braut auf dem Weg zum Altar.
„Was ist los?“, frage ich sie, als sie meine Höhe erreicht hat.
„Offenbar weniger als wir dachten“, antwortet sie und betritt das Haus.
„Wie meinst du das?“
Kitty seufzt und blickt sich im Wohnzimmer um. Sie schließt die Augen, zeigt mit den Handflächen nach oben und zieht die Stirn kraus, wie sie es immer macht, wenn sie die Antennen ihrer medialen Sinne ausstreckt.
Darius nimmt auf dem Ledersessel Platz. „Ein Kaffee wäre nicht schlecht.“
Naomi kniet sich vor den Wohnzimmertisch, kippt den Inhalt ihres Rucksackes darauf aus und sucht ihre Tarotkarten zusammen.
Ich starre sie mit offenem Mund nacheinander an. „Dürfte ich bitte erfahren, warum ihr drei zu solch früher Stunde unser Haus stürmt?“
„Was ist da unten los? Scarlett?“, dringt Chris´ Stimme nach unten und ich höre ihn die ersten Treppenstufen hinabsteigen.
„Wenn ich das nur wüsste!“
Unten angekommen reißt er für einen kurzen Moment beim Anblick unserer Gäste die Augen auf, fängt sich aber schnell wieder. „Ist alles in Ordnung? Gibt es einen Notfall?“
„Ja und nein“, antwortet Darius mystisch.
„Hey Chris…“ begrüßt Naomi meinen Gefährten, ohne den Blick von ihren Karten zu nehmen, die sie mittlerweile zu einem Stapel sortiert hat und auf dem Tisch auszulegen beginnt. „Wir wissen es noch nicht genau, aber irgendwas ist im Anmarsch.“
„Nicht irgendwas“, bemerkt Darius.
„Was? Wovon sprecht ihr?“, will ich wissen und bemerke selbst die Gereiztheit in meiner Stimme.
„Sie kommen“, murmelt Kitty mit geschlossenen Augen und wedelt mit der Hand in der Luft. „Sie kommen, und es sind viele.“
„Wer kommt?“
„Psst“, macht Kitty und legt den Finger auf ihre violett angehauchten Lippen.
„Chris!“ Ich spreche seinen Namen langsam aus, betone den Vokal mehr, als es nötig tun würde.
Er stellt sich an meine Seite, blockiert damit meinen Blick auf Kitty und wendet sich an Darius. „Darius, was können wir für dich tun? Was ist der Grund deines Besuches?“
Der Druide dreht seinen Druidenstock und blickt nüchtern zu uns hoch. „Die Druiden kommen. Sie sind unterwegs. In Scharen. Tausende von ihnen, von überall.“
„Moment… Was? Wieso?“, will ich wissen.
„Es sind Druiden?“, fällt Naomi mir ins Wort und sieht zu Darius. „Kitty hatte die Vision einer Gruppe und ich las in den Karten von einer Art Völkerwanderung. Aber es sind Druiden?“
„Ja, es sind Druiden. Sie kommen, damit die Prophezeiung sich erfüllt“, antwortet Darius.
„Schon wieder diese Prophezeiung, ich fass es nicht!“, rufe ich genervt aus und werfe die Hände in die Luft. „Die Prophezeiung hat sich doch schon erfüllt, Roberta ist Hexenkönigin, meine Güte, und das für immer! Was soll denn noch passieren?“
Nun fixiert der Druide mich allein mit seinen dunklen Augen und ein Gefühl der Vorahnung überkommt mich. „Sie wollen das, was du Randolf geschenkt hast. Und ich ebenfalls.“
Kitty löst ihre Konzentration auf und kommt zu uns. „Was hat sie Randolf geschenkt? Und wer ist dieser Randolf überhaupt?“
„Sie wollen was ?“ Ich stemme die Hände in die Hüfte und drehe mich kopfschüttelnd um. „Wissen die denn nicht, dass ich momentan ganz andere Sorgen habe?“
Während ich weiterhin kopfschüttelnd die Wand anstarre, klärt Chris Kitty und Naomi auf. „Randolf ist Robertas Liebhaber. Scarlett hat sich seinen Körper ausgeliehen, um die Libelle zu unterwandern, und dabei sind scheinbar ein paar ihrer Druidenkräfte auf den Werwolf übergegangen.“
„Wie bitte?“, kreischt Kitty und reißt Mund und Augen weit auf. „Sie hat ihm ihre Kräfte gegeben?“
„Nein“, stöhne ich und drehe mich wieder zu der Gruppe um. „Ich habe meine eigenen Kräfte behalten, aber Randolf konnte plötzlich so eine Art Schutzwall aus Lianen herbeizaubern, als ich wieder zurück in meinem eigenen Körper war.“
„Der Werwolf hat die Kräfte allerdings mittlerweile wieder verloren, worüber er auch ganz glücklich ist. Sie waren nicht für seine Art bestimmt, er ist froh, sie wieder los zu sein“, teilt Darius uns mit. „Aber die Druiden kommen, Scarlett. Sie warten seit Jahrhunderten darauf, dass sich die Prophezeiung erfüllt… Die ganze Prophezeiung.“
Alle Blicke im Raum sind auf den Druiden gerichtet. „Wie lautet die ganze Prophezeiung“, stellt Chris nun die Frage, die ich mich nicht zu fragen traute.
„Sie Wort für Wort zu übersetzen, würde wenig Sinn ergeben, da sie auf Altdruidisch verfasst wurde, und wie ich vermute, spricht keiner von euch noch diese alte Sprache.“
„Wie lautet sie?!“ Chris´ Stimme ist dunkel und seine Worte werden von einem dunklen Knurren aus seinem Inneren untermal.
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