Der dritte Glatzkopf lag mit dem Rücken auf dem Tisch, die Beine hingen hinab. Seine Arme lagen ebenso auf dem Tisch, etwa einen halben Meter vom restlichen Körper entfernt. Knapp unterhalb der Schultern wurden die Arme abgetrennt, noch immer tropfte das Blut vom Tisch hinab. Weitere tiefe Schnitte, die willkürlich über den Körper verteilt waren, tauchten die Tischoberfläche in ein dunkles Rot. Von den Beinen tropfte das Blut auf den Parkettboden. Die dazugehörige Wunde war leicht ausfindig zu machen. Im Schritt der ehemals hellblauen Jeans war ein großer Blutfleck zu sehen, der sich nach unten fortzog.
Hans Martin strich ungläubig über sein Gesicht. Der Raum war voller Blutspritzer, die sich über den Boden, die Möbel und die Wände verteilten. Von einer Wand war eine Fahne heruntergerissen worden. Bei näherer Betrachtung erkannte Hans Martin, dass es sich um eine Hakenkreuzfahne handelte. An ihrer Stelle hatte der Schwertmörder eine Nachricht mit dicken Buchstaben aus Blut hinterlassen: REMEMBER YVONNE
»Ich muss raus, mir wird schlecht«, flüsterte der jüngere Kollege des Einsatzteams betroffen und rannte aus der Wohnung.
»Wer auch immer das war, er hat zu viel ‚Kill Bill‘ gesehen. Das ist ja krank«, stellte ein weiterer Kollege kopfschüttelnd fest.
»Was für ein Schlachtfeld. Wie kann das sein, die Wohnung wurde doch überwacht?«, fragte Manfred Stabler entsetzt.
»Wir haben nur den Hauseingang überwacht. Das letzte Wärmebild stammt von halb sechs, also vor mehr als eine Stunde.« Hans Martin musste sich abwenden, er ging zurück in den Vorraum der Wohnung.
»Dieses Gemetzel ... es kann noch nicht lange her sein, vielleicht ein, zwei Stunden ...«
»Nein, maximal knapp mehr als eine halbe Stunde. Wir haben ja gesehen, wie der Letzte zu Besuch gekommen ist«, erinnerte Hans Martin den Mann.
»Das heißt ...? Innerhalb der letzten halbe Stunde, in der wir uns auf den Zugriff vorbereiteten, muss sich jemand Zutritt verschafft haben und ... und die Männer einfach abgeschlachtet haben.«
Manfred Stabler schüttelte den Kopf.
»Ich informiere die Spurensicherung und das Morddezernat.« Während Hans Martin sein altmodisches Klapphandy nahm und die Nummer der Spurensicherung suchte, sah er im Vorraum ein Gestell auf einem Schuhschrank. Auf diesem lag ein halb geöffnetes, knapp einen Meter langes Schwert. Es war die kleinere Ausgabe der Mordwaffe.
»Wer auch immer für diese Schlachtung verantwortlich ist, hat gleich beim Eintreten das Werkzeug vorgefunden«, murmelte er mürrisch.
Hans Martin fürchtete, dass er noch viel Arbeit mit diesem Blutbad haben würde.
Im kleinen Konferenzzimmer des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung waren alle Personen versammelt, die mit der Überwachung der rechtsradikalen Gruppe zu tun hatten. Insgesamt war ein achtköpfiges Team unter der Leitung von Hans Martin an der Operation beteiligt gewesen. Hans Martin stand vor seinen Leuten und berichtete von dem Blutbad in der Wohnung und dem Abschluss ihres Falls.
»Für uns ist die Operation damit vorerst erledigt. Wie wir vermuteten, war ein Anschlag auf ein jüdisches Lokal geplant. Aus Sicherheitsgründen wird diese Versammlung nun mit unauffälligem Polizeischutz abgehalten werden. Die genauen Umstände, was mit den drei Subjekten passiert ist, wird die Mordkommission zu klären haben.«
»Es tut mir leid, aber ich habe nicht gerade großes Mitleid mit diesen Nazischweinen, Chef«, meldete sich Omar, einer der Experten, wenn es um Telefon- und Internetüberwachung ging.
»Ich weiß Omar. Aber es wäre mir lieber gewesen, wir hätten sie noch befragen können. So muss man den Medien etwas geben, damit nicht zu viele Fragen gestellt werden.«
»Was sollen wir den Medien mitteilen?«, fragte Michaela, die für die Pressearbeit der Abteilung zuständig war.
»Im Moment gar nichts. Ich bin mir sicher, dass ein voll motiviertes Team aus der Mordabteilung sich des Falles annehmen wird und wir keine Arbeit mehr damit haben werden. Somit bleibt es eine Geheimoperation und wir haben keine Probleme mehr. Damit sind wir für heute fertig, gehen Sie heim und genießen Sie alle morgen einen freien Tag.«
Diese Nachricht wurde mit lautem Beifall aufgenommen.
Gabriele wartete, bis alle den Raum verlassen hatten, bevor sie zu Hans Martin ging.
»Gilt der freie Tag auch für mich?«
»Ja, Gabriele. Du hast erwähnt, dass Oliver auch frei hat, also macht Euch gemeinsam einen schönen Tag.«
»Vergiss nicht, morgen um 17 Uhr, bei uns. Du kannst Camilla gerne mitnehmen, wenn Du möchtest. Natürlich mitsamt Tochter.« Gabriele schmunzelte.
»Ich weiß noch nicht. Camilla und ich ... Sagen wir so, wir gehen es langsam an. Seit sie nicht mehr in der Bar arbeitet und den Kurs als Buchhalterin macht, ist sie sehr beschäftigt. Die Therapie für ihre Tochter hat zwar keine Wunder bewirkt, aber die Kleine kommt inzwischen sehr gut mit ihrem Rollstuhl zurecht.«
»Triffst Du sie heute noch?«, bohrte Gabriele nach.
»Ja. Hast Du noch mehr Fragen, oder willst Du endlich heim zu Deinem Oliver?«
»Schon gut Chef.« Gabriele setzte ein Lächeln auf. »Bis morgen Hans Martin.«
Sie war schon fast aus der Tür hinaus, als sie sich umdrehte.
»By the way, der freie Tag darf auch von Dir genossen werden.«
Dann war sie verschwunden.
Hans Martin packte alle Unterlagen zusammen und sortierte sie ein. Als er mit seinen Bürotätigkeiten fertig war, zeigte die Uhr schon nach 22 Uhr. Mit einem Glas Wasser und einer Zigarette in der Hand überlegte er, ob er Camilla noch anrufen sollte.
Er hatte sie vor längerem in einem Nachtlokal kennengelernt, als sie dort als Prostituierte arbeitete. Mit etwas finanzieller Unterstützung konnte er sie überzeugen, den Job aufzugeben und sich um eine gute Ausbildung zu kümmern. Camillas Tochter Juliana war seit ihrer Geburt an den Rollstuhl gefesselt, konnte aber mit ihren zehn Jahren bemerkenswert gut damit umgehen. Sie hatte Hans Martin ins Herz geschlossen und nahm ihn jedes Mal in Beschlag, wenn er zu Besuch kam. Auch ihm tat es gut, für einige Zeit den Beruf zu vergessen und ganz unbeschwert sein zu können.
Camilla war zwar noch wach, als er sie anrief, hatte aber einen anstrengenden Tag hinter sich und wollte nur noch ins Bett. Dafür hatte sie einen Vorschlag für Hans Martin.
»Ich habe Juliana versprochen, morgen den Tiergarten zu besuchen. Sie würde sich freuen, wenn Du mitkommst.«
»Warum nicht? Ich habe morgen allen frei gegeben, das gilt wohl auch für mich.«
»Ich würde mich natürlich auch freuen, außerdem ...«
Hans Martin hörte aus ihrer Stimme, dass sie etwas bedrückte.
»Was ist los, Camilla?«, fragte er besorgt.
»Es ist nichts ... Nur etwas, was ich mit Dir besprechen möchte.«
»Worum geht es, Du klingst, als würde Dir etwas Sorgen machen.«
Camilla schwieg einige Sekunden.
»Es ist wegen Juliana. Ihr Erzeuger hat sich gemeldet.«
Hans Martin wurde hellhörig. Er wusste nur wenig von dem Mann, den Camilla aus ihrer Zeit in der Slowakei kannte. Julianas leiblicher Vater war noch vor ihrer Geburt verschwunden. Er war in diverse kriminelle Machenschaften verwickelt, von Drogen bis zu Menschenhandel. Camilla wollte sich damals von ihm nicht hineinziehen lassen und brach jeden Kontakt ab. In den Jahren in Victors Bar konnte sie auf die Hilfe und den Schutz durch Victor, und vor allem seine beiden Türsteher Igor und Sergie, zählen.
»Er hat mich heute angerufen und will mich sehen«, erzählte sie.
»Und Du?«
»Ich will ihn nicht in meinem Leben haben. Juliana kennt ihn nicht. Sie ... Sie hat zu mir gesagt, sie braucht keinen Papa.«
Hans Martin hörte, wie Camilla schmunzelte.
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