Ziellos wanderte ich durch die Bahnhofshallen, um mir die Zeit bis zum Ende der Mittagspause irgendwie zu vertreiben, und stand dann pünktlich um 12:45 Uhr vor dem vertrauten Schalter. Zu meinem Erstaunen saß hinter dem Schalter eine ganz andere Frau. Ich reichte ihr die Fahrkarte und fragte verwirrt:
„Wo ist denn Tanja, die hier noch vor der Mittagspause saß?“
„Tanja hat den Schwangerschaftsurlaub angetreten“, antwortete die etwas jüngere Frau und teilte mir vertrauensvoll etwas meiner Meinung nach vollkommen Überflüssiges mit: „Sie erwartet Drillinge. Das wird lustig, wenn sie zur Welt kommen! … Was möchten Sie denn? Stimmt etwas mit der Fahrkarte nicht?“
„Mit der Fahrkarte …“, wiederholte ich gedehnt, immer noch mit der Nachricht beschäftigt. „Ach so, die Fahrkarte. Ich wollte eine Fahrkarte für morgen haben, Tanja hat mir aber eine für heute verkauft. Ich habe morgen Geburtstag und möchte die Fahrkarte umtauschen, damit ich mit meinen Freunden noch feiern kann.“
„Ihre Fahrkarte ist vollkommen in Ordnung“, teilte mir die neue Kassiererin mit, die laut ihrem Namensschild Lida hieß, und warf mir durch das Glas einen spitzbübischen Blick zu. „Das ist der letzte Zug. Laut Stundenplan fährt morgen kein Zug nach Swiburg.“
„Wann kommt denn der nächste? Übermorgen wahrscheinlich?“ Ich wollte nicht aufgeben.
„Den nächsten will er haben“, murmelte Lida hinter dem Schalter, wobei sie etwas auf dem Bildschirm ihres Computers suchte. „Der nächste fährt erst nach Silvester, im Januar also.“
„Was heißt hier im Januar?“, fragte ich bestürzt. „Gibt es bis Januar gar keine Züge mehr?“
„Mal schauen“, antwortete die freundliche Lida bereitwillig. „Es gibt schon Züge, aber Sie müssten umsteigen. Sie wollen doch nicht umsteigen?“
„Doch“, antwortete ich gereizt. Ich fand diese Geschichte gar nicht lustig. „Doch, ich will umsteigen, falls Sie mir mitteilen würden, wie oft und wo und wie viel Zeit mir dadurch verloren geht.“
„Ja, ja, selbstverständlich“, sagte die Kassiererin Lida, und ihre gepflegten Finger mit den farbig lackierten Nägeln begannen, hastig auf der Tastatur zu trommeln. Irgendwann machte sie den letzten Anschlag, worauf aus dem Drucker ein Blatt Papier mit den Antworten auf alle meine Fragen erschien. „So. Wenn Sie einmal umsteigen wollen, fahren Sie über Moskau.“
„Wie, über Moskau?“, wunderte ich mich. „Bis Moskau ist es von hier aus zweimal so weit wie bis Swiburg. Ist das kein Fehler?“
„Wir machen keine Fehler“, sagte Lida eingeschnappt. „Man steigt immer in Moskau um. Das muss man doch wissen. Moskau ist die Hauptstadt unseres Landes, jeder sollte sich das hinter die Ohren schreiben.“
„Schon gut, schon gut“, sagte ich beschwichtigend, „ich habe es mir hinter die Ohren geschrieben. Gibt es weitere Varianten?“
„Wir bieten immer Alternativen an, da wir mit modernsten Technologien arbeiten. Schauen Sie, wir haben sogar ein Qualitätszertifikat.“ Stolz wies sie mit ihrem Finger auf etwas hinter ihrem Rücken. Dann schaute sie erneut in ihre Liste, fand die nächste Zeile und blickte zu mir auf: „Wobei ich nicht glaube, dass die zweite Variante Ihnen gefallen würde.“
„Nur zu“, erwiderte ich ungeduldig. „Schießen Sie los!“
„Also gut. Von Iwanowo fahren Sie nach Moskau, von dort aus nach Warschau, und dann direkt nach Swiburg, ohne umzusteigen.“
„Sagen Sie mal, Warschau ist doch schon Polen?“ Ich kam mir wie ein Trottel vor.
„Ja, Warschau ist die Hauptstadt Polens“, glänzte Lida mit ihren Erdkundekenntnissen und fügte hinzu: „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie erhalten von uns einen Voucher für die Transitreise durch Polen. Sie dürfen bloß nicht aus dem Zug aussteigen, aber Sie können sich Warschau durch das Fenster anschauen. Das ist eine sehr schöne Stadt.“
Ihre laut gestellte Frage rettete mich aus meinem schockähnlichen Zustand:
„Nun, was möchten Sie denn? Ein Ticket über Warschau?“
„Wie lange dauert eine Fahrt mit Umsteigen?“, erkundigte ich mich etwas ratlos.
„Also, Sie würden am 11. August losfahren und am 14. August ankommen. Insgesamt sind das sechzig Stunden. Sie können sich glücklich schätzen, da es ein Schnellzug ist, der rasch vorwärtskommt.“
„Lida, ich danke Ihnen für die Informationen, aber ich fahre doch lieber heute“, beschloss ich.
„Das ist eine richtige Entscheidung. Wozu sechzig Stunden für die Fahrt verschwenden, wenn es von hier aus nach Swiburg bloß dreihundertfünfzig Kilometer sind! Aber verpassen Sie den Zug nicht – und packen Sie alles Notwendige ein.“
Ich dankte der jungen Frau und entfernte mich von dem Schalter. Nachdem ich die Fahrkarte ganz tief in die Innentasche gesteckt hatte, steuerte ich den Ausgang an. Es gab noch viel zu tun: Ich musste in der Redaktion vorbeischauen, um einige Formalitäten zu erledigen, meine Freunde anrufen und mich für die platzende Geburtstagsfeier entschuldigen, zu Hause meinen Koffer raussuchen, der erst noch gepackt werden wollte …
Am Abend bestellte ich telefonisch ein Taxi, ging hinunter und lehnte mich in Erwartung des Wagens an einen Baum, der in der Nähe des Hauseingangs wuchs. Nach der Hitze, die am Tag geherrscht hatte, kam jetzt ein leichter Wind auf, der den Wetterumschwung ankündigte. Es war warm und still. Das Taxi kam um die Ecke und näherte sich so leise, dass ich es nicht bemerkte.
„Wollen Sie zum Bahnhof?“, donnerte es unerwartet in mein Ohr. Ich zuckte überrascht zusammen, nickte und knurrte verärgert:
„Sie brauchen nicht zu brüllen, ich bin ja nicht taub.“
„Aber ich! – eine Quetschung aus Tschetschenien, seitdem höre ich schlecht.“
„Dann entschuldigen Sie bitte, das konnte ich ja nicht wissen.“
„Macht nichts, Kumpel, du bist nicht der Erste“, dröhnte es fröhlich neben mir, und der Taxifahrer knallte die Tür zu. Bevor er den Motor anließ, musterte er mich wie einen Schüler und fragte besorgt:
„Hast du alles eingepackt, nichts vergessen?“
„Ich habe alles eingepackt, was ich brauche“, sagte ich mit gespielter Ruhe. Die Sorge, mit der zuerst Kassiererinnen am Bahnhof und nun ein Taxifahrer mein Leben zu umhüllen suchten, schien mir übertrieben.
„Sei mir nicht böse, ich habe einfach so gefragt – vielleicht hattest du einen schlechten Tag und hast etwas vergessen. Wenn du nichts vergessen hast, ist das doch prima.“
Das Auto fuhr los in Richtung Bahnhof. Ich merkte, dass der Taxifahrer zum Plaudern aufgelegt war, es aber nicht wagte, das zwischen uns entstandene Gleichgewicht zu zerstören. Schließlich konnte er sich aber doch nicht mehr zurückhalten:
„Sag mir, warum ist das Leben so ungerecht: Blinde dürfen am Steuer sitzen, Taube aber nicht?“
„Was heißt hier, Blinde dürfen?!“ Ich war dermaßen verwundert, dass ich seine laute Stimme außer Acht ließ.
„Ganz einfach. Guck doch in der Straßenverkehrsordnung nach: Wenn du dir Räder, ich meine Gläser, auf die Nase setzt, auch die dicksten, kannst du in alle Himmelsrichtungen aufbrechen. Wenn du aber den Hörtest nicht bestanden hast – fertig, leg deinen Lappen hin! Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Ein Kollege von mir kann ohne Brille gar nichts sehen, ich musste ihn nach Hause bringen, als seine Brille kaputtgegangen war, aber den Führerschein will man mir entziehen – angeblich höre ich schlecht.“
„Was soll ich da sagen ...“
„Nun, sag doch, Kumpel, würdest du mit mir fahren, wenn ich dich mit dem Fahrrad zum Bahnhof bringen würde? Fahrradfahrer brauchen ja keinen Führerschein.“
„Ich weiß es nicht.“
„Keiner weiß es. Ich habe auch gar kein Fahrrad … Wir sind da. Steig aus.“
Ich bezahlte, nahm meinen Koffer, setzte mich in Bewegung und hörte plötzlich im Rücken:
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