Von den unzähligen Einwänden betrafen die meisten die Diskriminierung der Alten und Kranken in der Gemeinde durch die Isolierung von den anderen Bewohnern Kratsteins. Aber Dr. Bungrat erklärte es eindringlich, dass das nichts mit einer Diskriminierung bezüglich des Alters zu tun hatte, sondern die einzige Möglichkeit wäre, gefährdete Personen zu schützen. Denn es war eben eine Frage der Funktionsfähigkeit des Immunsystems und nicht des Alters, ob einem das Virus gefährlich werden konnte. Andererseits offenbarte die Tatsache, dass im Altenheim jeder der Bewohner im Schnitt sieben, teils starke Medikamente, pro Tag zu sich nahm, den insgesamt äußerst gefährdeten Gesundheitszustand der meisten Bewohner dort. Gerne könnten sich diejenigen älteren Mitbewohner, die zu Hause wohnten, sich bei seinen Kollegen oder ihm beraten lassen, ob bei ihrem Gesundheitszustand eine freiwillige Quarantäne ratsam wäre. Oder ob ihr Immunsystem durch viele überstandene Grippeinfektionen oder -Impfungen nicht vielleicht besser als von so manch jungem Menschen war, wodurch sie getrost dem möglichen Angriff des Virus durch alltägliche Kontakte, wie bisher in der Grippezeit, entgegensehen könnten.
Natürlich passten die Beschlüsse nicht allen. Viele hielten sie für total überzogen, als sie noch in Fahrgemeinschaften am Samstag nach Zarg pilgerten, um endlich wieder den Beginn der Fußballsaison live im Stadion mitzuerleben. Zwei junge Pflegehelferinnen kündigten, weil sie die Maßnahmen nicht mittragen wollten. Sechs Familien nahmen ihre verwandten Bewohner aus dem Heim und dem ambulanten Pflegedienst, und brachten sie in den nächstgelegenen Einrichtungen anderswo unter. Elena und Dora hatten ihre Pfleger und die Bewohner sowie deren Angehörige für den Tag X vorbereitet. Sie hatten genügend Notbetten organisiert für all diejenigen, die dann im Heim schlafen mussten. Glücklicherweise hatten sie einen großen Garten, sodass die Bewohner genügend Platz hatten, sich im Freien bewegen zu können. Es wurde eine Stelle am Bach ausgewählt, der als sicherer Begegnungsort für die Zeit der Quarantäne eingerichtet werden sollte. Wo sich, durch den Bach getrennt, Bewohner und Personal im Freien, in sicherer Entfernung voneinander, mit ihren Angehörigen treffen und sehen konnten, um sich über den Bach hinweg miteinander zu unterhalten. Es wurden genügend Computer und Bildschirme für bevorstehende Skype Treffen organisiert und eingerichtet. Theis war rund um die Uhr mit Vorbereitungen aller Art und der Beobachtung der Situation im Internet und allen verfügbaren Quellen beschäftigt.
Am 27. Februar fuhr Peter nach Kratstein, um Dora, Herbert und die Kinder zu besuchen. Zwei Stunden, bevor er ankam, wurde von den Ärzten und dem Bürgermeister die Reißleine gezogen und der geplante Notfallplan für Covid 19 ins Leben gerufen. Peter verbrachte das Wochenende mit Herbert und den Kindern. Am Samstagabend trafen sie sich im Gasthof Meinert mit Hermann und dessen Frau Sigrid, die recht müde wirkten. Im Laufe des Abends taute die Stimmung aber auf. Alle prosteten sich, und gedanklich den nicht anwesenden Freunden und im Besonderen ihren Frauen, zu, denn sie waren sich alles sicher, etwas Gutes unternommen zu haben. Vor allem aber freuten sie sich, dass sie dabei einen so starken Zusammenhalt in der Gemeinde hatten. Peter traf Dora am Sonntag nur für zehn Minuten am Bach. Sie war müde, weil sie natürlich wenig geschlafen hatte. Sie hatte ihr Gästebett in ihrem Büro aufgeschlagen. Sie weinte, als sie sich von Herbert und den Kindern am Sonntagnachmittag verabschiedete. Herbert brachte dann die Mädchen zu Hedwig, einer der Pflegerinnen vom Heim, die zur zweiten Schicht gehörte. Dort bezogen sie für die nächsten paar Tage eines der Kinderzimmer, das ihnen Hedwigs Tochter überließ. Sie waren gar nicht traurig, weil das für sie ein Riesenabenteuer war. Herbert musste am Sonntag zur Spätschicht ran.
Peter ahnte noch nicht, dass dies das letzte Mal für sehr lange Zeit war, dass er sie alle sehen würde. Theis van Kieft betrank sich an diesem Sonntagabend ziemlich heftig mit seinem Freund, dem Bürgermeister Hermann List, in dessen wunderbarer Kellerbar. Hermann hatte natürlich schon Bedenken, ob sie später nicht mal von den Bewohnern für ihren ziemlich radikalen Alleingang mit Schimpf und Schande ausgepeitscht oder sogar verklagt würden, weil sich alles ganz anders entwickeln oder herausstellen würde. Aber Theis beruhigte ihn, dass das ganz sicher keine falsche oder schlechte Taktik war, sondern Teil einer Strategie, eine bevorstehende Epidemie bestmöglich zu überstehen.
„Und was machen wir mit den anderen, wenn das Virus uns in der Gemeinde befällt?“, fragte Hermann.
„Na, am besten gesund bleiben“, antwortete Theis nachdenklich.
„Und hast du dafür auch schon eine Taktik, wie wir das anstellen sollen, Herr Doktor?“
„Da lass ich mir schon noch ein paar taktische Maßnahmen einfallen, mach dir keine Sorgen. Aber die Strategie musst auf Dauer durchhalten können. – Und da hilft nur, so gesund wie möglich sein und bleiben. Weil die taktischen Spielchen, die die Politiker und die Leute da jetzt mit allen möglichen Maßnahmen treiben? Das ist immer nur die gleiche alte Geschichte: Duschen ohne Nasswerden. Und du weißt, davon halt ich nix“, antwortete Theis zum würdigen Abschluss, und dann betranken sie sich ordentlich.
Management by Warzenschwein
„Weißt du, das ist wie Management by Warzenschwein“, rief Peter seinen Kollegen bei einem ihrer Telefonate wie so oft entgegen, als sie nur noch telefonisch miteinander kommunizieren durften. Sie mussten natürlich lachen, weil sie dieses Synonym kannten, das Peter gerne zum Gefallen aller, auch bei sich selbst in der Firma benutzte. Ja, die Warzenschweine sehen oder riechen irgendeine Gefahr aus einer Richtung, reagieren sofort und rennen wild entschlossen davon. Alle anderen Warzenschweine in der Umgebung folgen dem nächsten, ohne zu wissen warum. Fünfzig Meter weiter bleiben sie dann stehen, weil sie nichts mehr riechen. Dieses Schauspiel wiederholt sich alle paar Minuten. Die Richtungen, in die sie laufen, lassen sich nicht vorhersehen und sind völlig wirr.
„Ach, du übertreibst“, hatten aber die meisten Kollegen noch abgewiegelt, als der ganze Zauber losging. „Komm Peter, das ist höchstens Management by Nilpferd, wie immer und überall, wenn’s um was Großes geht. Da muss halt jeder von den Großkopferten das Maul so weit aufreißen, wie’s geht. Ja mei, was sollnsn‘ auch machen? Wenn die Virologen und Experten auch sagen, dass man jetzt einmal sofort alles unternehmen muss, um den exponentiellen Anstieg der Ausbreitung zu stoppen.“
Es war ja toll, wenn diese, ach so logisch einleuchtende Schlussfolgerung wie ein Geistesblitz für alle Warzenschweinmanager und die, die ihnen so gerne folgten, klang. Die dann mit diesem Geruch in der Nase blind losrannten. Mit dem Bild des steilen riesigen Berges, der sich durch entschlossenes reaktives Handeln der Politiker und aller ihrer dafür unerlässlichen Erlässe, in diesen langen, flachen Berg verwandeln würde. Um mit aller Kraft sofort in Richtung maximale Abschottung von allen zu stürmen, durch maximale Absperrung von allem. Bis hin zum Individuum, das am besten mit Atemschutzmaske zu Hause am desinfizierten Sofa sitzen sollte. Um sich permanent im Fernsehen über die Schreckensnachrichten aus aller Welt so lange zu informieren, bis es gänzlich erniedrigt aus Angst und Schrecken vor dem Apparat niederkniete. Um betend seinen neuen Superheldenpolitkern für deren entschlossenes Handeln zu danken. Schwörend, dass man ihnen ab jetzt immer sofort folgen würde, wohin auch immer sie rennen mögen. Aber deshalb musste diese kurzsichtigste und primitivste aller Schlussfolgerungen noch lange nicht richtig sein!
„Weißt du, alle Leute einsperren, bringt, glaube ich nichts. Du kannst ein Virus nicht einsperren und einen Pass hat es auch nicht, dass dir eine Grenzsperrung wirklich hilft“, hatte Theis Peter schon letzte Weihnachten, als sie sich noch bei Dora und Herbert zu Hause unterhalten hatten, erklärt.
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