„Ganz wie Sie wünschen. Dann nehmen wir eben den komplizierten Weg, auch wenn ich eigentlich dafür keine Zeit habe. Ich sitze gerade hier mit ihnen zusammen und biete ihnen einen höchst interessanten und dazu noch lukrativen Job an, nur die Einzelheiten dazu gibt es später. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass Sie äußerst zufrieden sein werden…“
Claudio räusperte sich.
„Das ist mir allerdings dann doch ein bisschen wenig an Informationen, Herr Staatssekretär.“
Von Sanden stand auf, gestikulierte heftig mit beiden Händen, sagte etwas von Vertrauen, suchte nach einer neuen Zigarette und setzte sich wieder. Claudio genoss es sichtlich, dass er den vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Mann aus der Fassung gebracht hatte. Er legte sogar noch einen drauf.
„Sie können doch schlecht von mir verlangen, dass ich einzig und allein auf ihr Wort vertraue. Warum sollte ich das wohl tun?“
Von Sanden kochte vor Wut. Mit so viel Gegenwehr hatte er nicht gerechnet. Anderseits war es wirklich etwas dürftig, was er bisher an Informationen gegenüber Claudio herausgelassen hatte. Er zündete sich die neue Zigarette an, die er immer noch in der Hand hielt, inhalierte den Rauch und versuchte sich innerlich zu beruhigen.
„Sie sollen uns einen kleinen Dienst erweisen, mehr nicht.“
„Soll ich für Sie in Peru etwa nach dem El Dorado suchen?“ fragte Claudio ins Blaue hinein.
„Sicher nicht“, antwortete Von Sanden todernst.
„Das war nur ein Scherz Herr Staatsekretär!“
Von Sanden ignorierte die Antwort. Stattdessen fragte er: „Also, was ist nun? Kann ich auf Ihre Mitarbeit zählen?“
Claudio überlegte angestrengt, doch er kam zu keinem Ergebnis. Er wusste einfach nicht, was er von dem Staatssekretär und seinem Angebot halten sollte. Es klang alles ein bisschen zu verlockend.
„Warum gerade ich“, fragte er schließlich.
„Weil ich da draußen einen guten Mann brauche.“
„Mit da draußen meinen Sie die peruanische Hauptstadt Lima?“
Von Sanden nickte vorsichtig. „Genau so ist es mein lieber Herr Guerrero. Glauben Sie mir, wir haben sie ganz schön unter die Lupe genommen. Sie kennen Südamerika wie kaum ein Zweiter. Außerdem sprechen Sie die Landessprache und verstehen etwas von den alten Kulturen und Bräuche der Einheimischen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann ist ihnen sogar Quetchua, die alte Sprache der Inkas geläufig, nicht wahr?“
„Donnerwetter!“ Claudio grinste. „Da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht.“
Von Sanden schnippte die Asche von der Zigarette. Wie kleine Staubwölkchen segelte sie zu Boden. „Sehen sie, Herr Guerrero. Ich habe Sie kommen lassen, weil ich für eine delikate Aufgabe einen guten Mann benötige. Jemanden, der besondere Fähigkeiten und Kenntnissen besitzt und ich weiß, was Sie können! Und nun hoffe ich nur, dass Sie einen gültigen Reisepass und saubere Kleidung besitzen. Ihr Flieger geht in 24 Stunden und Sie haben einen ziemlich weiten Weg vor sich.“
Auf einmal war es wieder da und Claudio spürte die Veränderung in seiner Magengegend. Das Kribbeln, eine zunehmende Nervosität. Er war wieder ganz der Alte und fühlte sich wie vor der ersten Verabredung mit einer schönen Frau.
Gegen sechs Uhr hatte er den Koffer fertig gepackt. Da sein Magen eindeutige Geräusche verursachte, schlurfte er in die Küche und zog eine Plastikhülle mit einem gefrorenen Etwas aus dem Gefrierfach seines Kühlschranks. Danach stellte er den Ofen auf die angegebene Temperatur und verfrachtete das Fertiggericht auf die mittlere Schiene des Metallrostes. Während sich dieses Etwas in eine Delikatesse verwandelte, ging er nach oben und gönnte sich eine ausgesprochen intensive Dusche. Er war gerade wieder zurück, als der Signalgeber des Ofens anfing zu brummen. Er nahm die duftende Mahlzeit aus dem Ofen und verspeiste sie im Stehen. Dazu benutzte er eine Plastikgabel anstelle eines der im Wohnzimmer eingelagerten Silberbestecke. Zum Schluss warf er die gepresste Aluminiumform in den Abfalleimer und verließ sein Haus für eine kurze Stippvisite im Onkel Nestor.
Elias befand sich wie gewöhnlich hinter dem wuchtigen Tresen und hatte bereits eine Flasche von dem herben einheimischen Rotwein geöffnet, als Claudio das Lokal betrat und sich auf dem letzten, noch freien Barhocker niederließ. Mancher der Gäste hatte bereits einige Kurze intus und lallten vor sich hin. Claudio schenkte ihnen keine nähere Beachtung sondern wandte sich direkt an den Wirt.
„Tut mir leid Elias. Eigentlich wollte ich schon viel früher bei dir vorbeischauen, aber mir ist etwas dazwischen gekommen. Ich gehe auf große Reise.“
Der Wirt schaute ihn an. Sie waren mittlerweile recht gute Freunde geworden. Beide waren sie Zugezogene. Und das sagte in der Eifel bereits alles.
„Man kann es dir ansehen“, versuchte Elias ihn aufzuziehen. „Es hat dich wieder einmal gepackt. Wo soll es denn hingehen?“
„Nach Peru.“
Elias streckte seinen Daumen in die Höhe. „Dann brauchst du mir weiter gar nichts zu erklären, mir ist schon alles klar.“
Trotzdem erzählte ihm Claudio von seinem Treffen mit dem Staatssekretär in Bonn. Einzelheiten erwähnte er selbstverständlich nicht.
„Claudio Guerrero reist im Staatsauftrag nach Peru! Mensch hört sich das irre gut an! Das ist doch genau das richtige für dich und riecht doch nur so nach Abenteuer. Ansonsten hättest du das Thema wohl auch gar nicht erst zur Sprache gebracht, alter Schlawiner. Und jetzt erwarte bloß nicht von mir, dass ich versuchen werde, dir den Trip wieder auszureden!“
„Das erwarte ich auch gar nicht von dir. Ich glaube es ist am besten, ich spüle den ganzen Auftrag einfach mit einem Glas von deinem guten Wein hinunter. Vielleicht bekomme ich so meinen Kopf wieder frei?“
Mit einem Zug leerte er sein Weinglas und stellte es demonstrativ vor Elias auf den Tresen. Mittlerweile waren die ersten Musiker aufgetaucht und schleppten Instrumentenkoffer, Notenständer und diverse musikalische Utensilien in den Schankraum. Wie an jedem Abend bot Elias seinen Gästen ein ständig wechselndes Musikprogramm. Heute war Jazz an der Reihe.
„Na dann wünsche ich dir einen angenehmen Flug.“
„Danke Elias, ich kann`s gebrauchen. Damit überließ er Elias seinen Musikern und deren erste Akkorde.
Am Tag darauf stand er zeitig mit seinem Flugticket in der Hand vor dem Abfertigungsschalter der LAN Airlines und wartete darauf, dass sein Flug aufgerufen wurde. Plötzlich hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Die Stimme gehörte Peter Baumann, den er nicht sofort erkannte, weil er eine Sonnenbrille trug.
„Hallo Claudio“, sagte er. „Gut, dass ich dich hier noch antreffe. Staatssekretär von Sanden ist mächtig nervös geworden. Er hat von mir verlangt, dass ich dich noch einmal in die Pflicht nehme und dich an die delikaten Umstände deiner Aufgabe zu erinnern.“
„Und deshalb bist du extra nach Frankfurt gekommen?“
„Unter anderem.“
„Da kann ich dich voll und ganz beruhigen. Mir ist schon klar, dass ich in einer südamerikanischen Großstadt einen Mörder suchen soll, ohne dass dabei die wesentlichen Details an die Öffentlichkeit geraten dürfen.“
„Nicht gerade ein Traumjob, was?“
Baumann sah ihn mit einem mitleidsvollen Lächeln an. „Und bitte denk immer daran: Diskretion, Diskretion und nochmals Diskretion! Und vertrauen darfst du nur deinem unmittelbaren Kontaktmann. Er heißt Garcia und ist der leitende Capitan bei der PIP.“
„Ist ja nett, dass ich auch schon davon erfahre.“ Claudio zog eine Grimasse, als wollte er grinsen, aber Baumann wusste, dass er es ernst meinte.
„Natürlich hast du in Lima einen Kontaktmann! So ganz alleine wollen wir dich da unten nun doch nicht herumhantieren lassen. Und hüte dich vor allem vor den Journalisten. Zu niemandem ein Wort, hörst du?“
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