„Was machst du, Hauptmann?“, fragte Friedrich. „Bleibst du?“
„Amerika.“
Draußen auf dem Platz ertönte Geschrei. Friedrich ging zum Fenster und blickte auf den Platz. „Da ruft einer, die Truppen wären am Stadtrand. Sollen am Tengelbach stehen.“
Karl sah Wenzel an. „Warum Amerika?“
„Ist weit weg“, knurrte Wenzel. „Außerdem haben sie dort den englischen König ordentlich verprügelt. Die haben eine Demokratie und Freiheit.“
„Auch Pferde?“
Gustav Wenzel sah Karl irritiert an. „Wieso Pferde?“
Karl legte sein Baker-Gewehr auf den Schreibtisch. „Ich mag halt Pferde.“ Er musste sich allerdings eingestehen, dass sein lädiertes Hinterteil seine Sympathien für diese Tiere hatte schrumpfen lassen.
Wenzel blickte nachdenklich auf die drei Brüder und griff hinter den Schreibtisch. Sie erkannten die Fahne, die sie am Flaggenstock des Rathauses vermisst hatten. Wenzel faltete sie sorgfältig und schob sie unter sein Wams. „Ja, da gibt es auch Pferde. Und viel Land, wo man sich frei entfalten kann. Jeder kann tun, was er will.“
Hans sah ihn mit offenem Mund an. „Jeder?“
„Ich muss Friederike sehen“, sagte Friedrich leise. „Sie muss wissen, was hier geschieht.“ Er sah die anderen entschlossen an. „Wenn ich gehen muss, dann nehme ich sie mit.“
„Meinst du, sie wird mitkommen?“
„Natürlich. Wir sind einander versprochen“, erwiderte Friedrich Baumgart mit größerer Selbstsicherheit, als er tatsächlich empfand.
Karl zuckte die Achseln und Hauptmann Wenzel sah sie auffordernd an. „Was auch immer ihr zu tun beabsichtigt, ihr solltet euch beeilen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Ich wünsche euch Glück. Vielleicht sehen wir uns in Amerika wieder.“
Eigentlich glaubten sie das alle nicht, aber sie nickten dem Wenzel zu, als dieser hastig aus dem Raum ging.
Unsicher blickte Hans auf sein abgelegtes Gewehr. „Und nun?“
„Friederike.“ Friedrich strich durch seinen Vollbart. „Sie hat sich vorübergehend ein Zimmer in der Ellbogengasse genommen. Kommt, lasst uns hingehen.“
Sie verließen das Rathaus. Auf dessen Vorplatz herrschte noch hektisches Treiben, als die letzten Mitglieder der Freischar ihr Hab und Gut in Sicherheit brachten, wobei der Begriff des persönlichen Eigentums durchaus großzügig ausgelegt wurde.
„Ist kaum noch einer auf den Straßen“, stellte Hans fest.
„Meinst du, die wollen in letzter Minute noch uns oder den königlichen begegnen?“, knurrte Karl missmutig, während sie zur Ellbogengasse eilten. „Nachher, wenn keine Gefahr mehr ist, da werden sich alle aus den Fenstern lehnen und die preußischen Farben schwenken, damit nur ja jeder sieht, das sie schon immer loyale Königstreue waren.“
Karl spuckte verächtlich auf das Kopfsteinpflaster.
Minuten später erreichten sie die enge, verwinkelte Gasse und Friedrich klopfte mehrmals an die Tür, bevor sie undeutliche Schritte hörten. Er drängte die ältere Frau zur Seite, schob sich an ihr vorbei in den Flur. „Friederike! Friederike!“
Als sie oben am Treppenabsatz erschien, sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. „Du musst packen, Liebste. Uns bleibt nicht viel Zeit.“
Friedrich hatte erwartet, seine Verlobte werden nun rasch ihre Sachen packen und ihm bereitwillig folgen. Mit zart geröteten Wangen dem Geliebten aufgeregt ins neue Land folgen. Doch Friederike stand oben auf dem Treppenabsatz und wirkte merkwürdig unentschlossen. „Friederike“, drängte er, „du musst dich eilen.“
Friederike Ganzweiler biss sich unbewusst auf die Unterlippe, bevor sie zögernd den Kopf schüttelte. „Ich… es geht nicht, Friedrich.“
„Um des Herrgottes Willen, warum nicht?“ Er sah sie fassungslos an, während Karl herein kam und drängend an seinem Ärmel zupfte. „Aber, Friederike, wir… wir lieben uns.“
„Ja, wir lieben uns“, sagte sie merkwürdig tonlos. Unsicher schlug sie die Hände vors Gesicht. „Friedrich, ich kann nicht. Nicht jetzt.“
Nicht jetzt. Später. Oh wie er dieses Wort verabscheute, wenn es aus ihrem Mund kam. Friedrich versteifte sich. „Warum nicht?“
„Ich kann doch jetzt meine Eltern nicht im Stich lassen.“ Sie kam ein paar Stufen die Treppe hinab und sah ihn bittend an. „Friedrich, das musst du verstehen. Ich kann jetzt einfach nicht mit dir kommen.“
Friedrich spürte Trauer und Enttäuschung, die in ihm aufstiegen.
Erneut zog Karl an seinem Ärmel. „Wir müssen los, verdammt“, knurrte der Bruder erregt. „Die Preußen werden bald da sein.“
„Ich… ich werde nachkommen“, sagte Friederike hastig und kam noch ein paar Stufen herunter. „Meine Eltern wollen auch nach Amerika. Mit dem Karl Schurz. Aber sie müssen noch vieles vorbereiten. Den Besitz auflösen und transferieren. Das verstehst du doch, nicht wahr?“
Nein, das verstand Friedrich überhaupt nicht, doch er nickte. „Ja, sicher.“
„Vater sagte, wir würden nach New York gehen. Dort… dort werden wir uns wiedersehen, ja?“
Es war halb Hoffnung und halb Versprechen, die ihn wortlos nicken ließ. Für einen flüchtigen Moment umarmten sie einander und fanden sich ihre Lippen. Friedrich schmeckte salzige Tränen und wusste nicht zu sagen, ob es die seinen oder die von Friederike waren.
Karl packte seine Schulter. „Kommt, Brüder. Wir müssen gehen. Ich kann das Königsbanner sehen.“
Friedrich wandte sich von Friederike ab. Die anderen glaubten Spuren von Feuchtigkeit auf Wangen und Bart zu erkennen. Während sie durch die Gasse hasteten, sah Friedrich das Bild seiner Verlobten vor Augen. Wie sie mit tränenüberströmtem Gesicht auf der Treppe stand. So endete für die Brüder Baumgart, Anfang August 1849, der Kampf um Freiheit und Demokratie.
Kapitel 2 Der lange Marsch
Obwohl Gottfried Wenzel ihnen davon abgeraten hatte, wollten die Brüder sich von ihren Eltern verabschieden. Auch wenn einer von ihnen in der nächsten Zeit ohnehin den Hof hätte verlassen müssen, da dieser nicht genug Ertrag brachte, so fiel es ihnen doch gleichermaßen schwer, Hof und Heimat aufzugeben. Friedrich wäre es leichter gefallen, wenn Friederike ihn begleitet hätte, doch so erschien es den drei Brüdern, als sollten sie nun die letzte Brücke zur Heimat hinter sich abschlagen. Ihren Eltern würde es sicher nicht anders ergehen. Daher mussten sie zu diesen, um zu beweisen, dass es ihnen gut ging, und dass die Brüder halt in die ungewisse Fremde mussten, damit es aller Wahrscheinlichkeit nach auch so blieb.
Die Brüder Baumgart machten sich keine besonderen Sorgen um die eigene Zukunft, denn sie sagten sich, ein paar kräftige Arme werde man halt überall brauchen können. Auf dem Hof der Eltern wollten sie ein paar Sachen packen. Ein wenig Wäsche zum Wechseln, etwas für den Schnappsack, vielleicht hatte ihr Vater sogar ein paar Pfennige für sie. Letzteres glaubten sie kaum, denn vom Ertrag des kargen Bodens fraß die Steuer den größten Teil. Dabei hatte ihr Vater noch Glück gehabt kein Pachtbauer zu sein. Nach dem großen Krieg gegen den Kaiser der Franzosen war er mit einer Auszeichnung und der Besitzurkunde für das Land heimgekehrt.
Doch aus ihrem Vorhaben wurde nichts.
Schon von Weitem sahen sie ungewöhnliches Blitzen auf dem Hof. Als sie vorsichtig näher ritten, erkannten sie eine kleine Patrouille preußischer Kürassiere, die hier ein Biwak aufgeschlagen hatten. Sie konnten die langen Rosshaarschweife der Helme und die metallenen Brustpanzer der Reiter deutlich sehen.
„Wir sollten warten, bis sie abgezogen sind“, schlug Karl vor. „Sie können ja nicht lange bleiben.“
Friedrich erkannte ihren Vater, der mit einem Kürassier sprach. Der Anblick schmerzte ihn. Zu gerne wäre er einfach hinüber gegangen und hätte seinen Vater in die Arme genommen. Der Reiter schien Offizier zu sein.
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