„Mir scheint, er ist ein ungewöhnlicher Mensch“, sagte Qedyr. „Aber ich kenne nicht viele Menschen, möglicherweise irre ich mich.“
„Nein, Ihr irrt Euch nicht“, sagte Jerusha, und ihr Herz klopfte stolz und warm.
***
Nach dem langen Ritt fühlte es sich gut an, seinen Körper zu strecken – und ja, auch einen Moment allein sein zu können. Kiéran entschied, als Drill diesmal den Ardosth Carh durchzugehen, einen Schwerttanz, den er vor einigen Jahresläufen in Larangva gelernt hatte. Er nahm die Anfangpose ein – Schrittstellung, das Schwert mit beiden Händen horizontal in Kopfhöhe gehalten – sammelte seine Gedanken und spannte jeden Muskel an. Dann glitt er hinein in die Bewegung, und die Klinge war ein Teil von ihm.
Nach den Übungen wusch sich Kiéran an einem Bach in der Nähe und kehrte ans Lagerfeuer zurück, wo die Eliscan beieinander hockten und sich leise unterhielten. Ein Stück entfernt unter einer Pinie schrieb Jerusha anscheinend einen Brief und sandte ihn mit einem Botenvogel ab, dann breitete sie ihren Umhang aus. Ihre Bewegungen waren langsam und kraftlos, wahrscheinlich war sie zum Umfallen müde.
Kiéran wünschte den anderen heitere Träume, obwohl er nicht wusste, ob Anderwesen überhaupt träumten, und überprüfte kurz, ob es den Pferden gut ging. Dann richtete er neben Jerusha sein Nachtlager. „Wem hast du geschrieben, deiner Schwester?“, fragte er.
Sie nickte. „Wenn Liri nicht wäre, würde ich meine Familie gar nicht vermissen – ist das nicht ein furchtbarer Gedanke?“
Kiéran zuckte die Schultern. Seine Eltern waren schon seit einigen Jahren tot, und Geschwister hatte er keine. Anscheinend fiel Jerusha das nun auch ein, denn sie sagte rasch: „Entschuldige, das war taktlos ... du hast ja nicht mal eine Familie, die du vermissen könntest, das ist viel schlimmer.“
Sie küssten sich kurz und etwas verlegen, weil sie nicht wussten, ob die Eliscan sie beobachteten, und rollten sich eng beieinander in ihre Decken.
Doch es fühlte sich eigenartig an, unter den Blicken der Eliscan schlafen zu müssen; obwohl Kiéran erschöpft war, schaffte er es nicht wegzudämmern. Vielleicht hat etwas in mir sie immer noch als Feinde eingestuft, und in Gegenwart von Feinden schläft man nicht.
„Sind sie immer noch wach?“, flüsterte er Jerusha ins Ohr.
„Ja“, hauchte sie zurück.
„Ist es nicht toll, wie sie auf uns arme, schwache Menschen Rücksicht nehmen?“
Jerusha seufzte ganz leise. „Sie sehen auf den ersten Blick aus wie wir … aber sie sind doch ganz schön anders .“
Mit offenen Augen blickte Kiéran in die Dunkelheit, deshalb merkte er, dass sich der Schattenspringer näherte – als er ihn zum ersten Mal bemerkt hatte, hatte er sich auf dieses silberne Wabern der Luft keinen Reim machen können.
„Grísho, alles in Ordnung?“, fragte er, fast ohne die Lippen zu bewegen, doch der Schattenspringer hörte es. Seine Stimme war wie ein Windhauch in den Bäumen, als er antwortete.
„Soll ich sie für euch belauschen?“
„Nein!“, sagte Jerusha erschrocken und lauter als nötig. Alarmiert legte Kiéran ihr eine Hand auf den Mund. Empört ergriff Jerusha seine Hand und zog sie weg. Na toll. Womöglich dachten die Eliscan jetzt, dass er seiner Gefährtin Gewalt antun wollte!
Innerlich seufzend drehte er sich auf den Rücken und starrte in den Himmel, in dem er nie wieder Sterne sehen würde. Grísho und Jerusha unterhielten sich noch einen Moment lang fast unhörbar, dann wandte sich Jerusha wieder ihm zu. „Schlaf jetzt“, wisperte sie und küsste ihn rasch. „Alles wird gut.“
Das sollte wahrscheinlich ein Witz sein.
Leider war Kiéran gerade nicht nach Lachen zumute.
Der Schrecken der Gasthäuser
Jerusha arbeitete rasch – sie wollte nicht riskieren, dass jemand vorbeikam und sie hörte. Mit genau dosierter Kraft ließ sie den Hammer auf das schmale Eisen niedersausen, das sie in der rechten Hand hielt, und meißelte die Konturen von Lilie und Drachen aus dem Granit. Das Zeug war verdammt hart, aber ein anderes Gestein gab es hier nicht.
Schon zum dritten Mal brachte sie unterwegs das Zeichen an, drei Tage lang waren sie nun unterwegs. Und langsam wurde es ernst. Sie waren bereits im Wald von Atordar, und das Dorf Oordak, wo sich angeblich der Zwischenfall mit den verletzten Eliscan ereignet hatte, würden sie noch an diesem Nachmittag erreichen. Die Eliscan reagierten sehr unterschiedlich darauf: Qedyr wirkte geradezu aufgekratzt, Colmarél hielt es kaum noch aus vor Erwartung und die ohnehin stille Rawelha wurde noch stiller. Sie trug ihr Schwert jetzt nicht mehr offen, sondern verborgen unter einer Art weitem Hosenrock, aber so, dass sie es jederzeit ziehen konnte. Wahrscheinlich machte auch sie sich Sorgen darüber, was sie in Oordak erwarten würde und ob drei Kämpfer genügen würden, um den König gegen eine hasserfüllte Menge zu verteidigen.
Doch eine solche Menge war vorerst nicht in Sicht, und als sie sich Oordak näherten, hatte Jerusha andere Sorgen als die seelische Verfassung ihrer Schützlinge. Es würde bald dunkel werden, und außerdem wuchsen am Himmel Wolken, die ihr ganz und gar nicht gefielen. Sie drehte sich im Sattel um und rief den anderen zu: „Ich bin dafür, dass wir in einem Gasthaus übernachten. Es wird nicht angenehm, wenn das Gewitter uns erwischt.“
Die Eliscan sahen sich an. Jerusha konnte sich denken, was ihnen durch den Kopf ging: Konnten sie wirklich als Menschen durchgehen? Und wollten sie es ausgerechnet hier auf den Versuch ankommen lassen?
„Ein Gasthaus brauchen wir sowieso“, gab Kiéran zu bedenken. „Das ist der beste Ort, um halbwegs unauffällig Fragen zu stellen. Bringen wir es hinter uns.“
Qedyr nickte. „So sei es. Aus diesem Grund sind wir schließlich hier.“
Colmarél wirkte erleichtert, er warf einen misstrauischen Blick zum Himmel. „Gute Idee! Blitz und Donner sind meine Freunde nicht.“
„In Wirklichkeit willst du einfach nicht nass werden“, zog Jerusha ihn auf. Damit hatte sie anscheinend ins Schwarze getroffen, sogar Rawelha musste lächeln. Doch auch sie schien sich vor dem aufziehenden Sturm zu fürchten, immer wieder blickte sie besorgt nach oben.
Das Wetter verschlechterte sich schnell. Windböen rüttelten die Kronen der Bäume, der Himmel wurde schwarz wie Schiefer, und Minuten später begannen die ersten Regentropfen zu fallen. „Legen wir mal einen Zahn zu“, schlug Kiéran vor, und obwohl ihn Colmarél verblüfft anschaute und „Was für einen Zahn denn?“ fragte, nickten Qedyr und Rawelha schon und forderten ihre Pferde zum Galopp auf. Die gewandten Eliscan-Pferde jagten über die Handelsstraße, ihre Hufe berührten kaum noch den Boden. Jerusha gab Damaris den Kopf frei, die Stute ließ sich ohnehin kaum zurückhalten, weil sie den anderen Pferden folgen wollte. Mit einem freudigen Wiehern setzte sie ihnen nach, und ihre Mähne flog Jerusha ins Gesicht.
Doch als sie sich umwandte, merkte sie, dass Kiéran Probleme mit seinem Ersatzpferd Louc hatte, und zügelte Damaris wieder. Louc war ein freundliches, zuverlässiges Tier, aber nicht gerade schnell. Kiéran versuchte ihn anzutreiben, doch über einen gemächlichen Galopp kam der Braune nicht hinaus.
„Ich hätte mir auf dem Pferdemarkt einen besseren Gaul kaufen sollen“, fluchte Kiéran, während Millionen Tropfen auf sie herunterprasselten. Jerusha sah kaum etwas, so dicht strömte das Wasser herab, und die Handelsstraße war innerhalb von kurzer Zeit eine einzige Pfützenlandschaft. Doch das Schlimmste war nicht, dass der Regen sie bereits völlig durchtränkt hatte – das Schlimmste war, dass die Eliscan außer Sicht waren.
„Hoffentlich warten die am nächsten Gasthaus auf uns“, sagte Jerusha, während sie nebeneinander her ritten.
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