Im Kaukasus und in Zentralasien geriet ich in fundamentale und existenzielle Auseinandersetzungen, die alle Ebenen und Bereiche des Lebens erfassten. Die militärischen Gefechte, die ich zu beurteilen hatte, waren nur ein Teil der gewaltigen Kämpfe. Die Gesetze der operativen Kunst und der Taktik schienen im Kaukasus und in Afghanistan nicht zu funktionieren. Vieles war anders, als in den Hörsälen der Militärakademien gelehrt wurde. Das Geschehene war so komplex und so anders, dass es nur möglich sein wird, Einzelaspekte anzudeuten.
So manche Nacht wache ich noch heute schweißgebadet auf. Ein Einschlafen ist dann nicht mehr möglich. Denn da läuft der „Film des anderen Lebens“ – des Lebens im Kaukasus oder am Hindukusch ab. Da ist die schreckliche Silhouette Grosnys, da erscheinen Murat, Selimchan, Achmet, Sawilbek, Muslim, Magomet, Ramsan, Ajdamar und die vielen anderen tschetschenischen Männer, aber auch Mutter Malkan und Lisa, die Frau Murats, unsere Köchin. Ich sehe die zerfetzten Leichen junger russischer Soldaten. Ich höre die barbarischen Flüche russischer Offiziere. Und ich werde das leidvolle Bild des kleinen paschtunischen Mädchens nicht los, das im Militärhospital in Kabul so sehr an den Schmerzen ihres von Splittern zersetzten Körpers litt. Da erscheinen mir aber auch die russischen Beamten der Ziviladministration und die Geheimdienstmänner. Alles scheint, als sei es gestern gewesen. Plötzlich sehe ich die schmerzverzerrten Gesichter der Tschetscheninnen nach dem Anschlag gegen das Verwaltungsgebäude in Grosny. Dann kommen mir die Erinnerungen an den verhassten Ami in Kabul, der die Waffe durchlud und gegen mich richtete. Ich denke an die Bettler von Kabul oder die schmutzverschmierten Kinder von Tarin Kowt. Da ist das Dröhnen und schrille Geräusch der Jagdbomber und Kampfhubschrauber, die ich mit voller Bewaffnung im Tiefflug über die Ruinenstädte und Dörfer Tschetscheniens und Afghanistans fliegen sah. Und das Schlimmste: Jagdbomber, Kampfhubschrauber und Kampfdrohnen fliegen noch immer und bringen den Menschen Angst, Tod und unendliches Leid – auf Befehl von gewissenlosen Menschen, die weder Konfliktkultur, noch Angemessenheit der Gewalt kennen.
Ich geriet in Widerspruch zu dem, was die Offiziellen in meinem Land verlautbarten und dem, was sich in mir sträubte. Ich fühlte mich unverstanden, Fehl am Platz, unerwünscht.
Dies war nicht mein Land, nicht meine Heimat – dies war ein fremdes Land! Die Mischung aus Arroganz und Ignoranz, mit der viele meiner Landsleute die Welt betrachteten, widerte mich an.
Immer klarer wurde mir, dass mein Großvater im Recht war, wenn er Krieg und Gewalt als unmenschlich verabscheute.
Meine Vorgesetzten wollten meine Kritik an den Einsätzen nicht zur Kenntnis nehmen und selbst viele meiner Freunde und Bekannten zeigten selten Interesse. War ich ein Außenseiter?
Meine Ehe ist vollkommen zerbrochen. Auch alte Freundschaften verödeten.
Hatte sich das Land geändert oder habe ich mich geändert? Egal: Ich und mein Land – das passte nicht mehr zusammen.
Was tun? Resignieren? Auswandern?
Die folgenden Schilderungen tragen autobiografische Züge. Hier sind bewusst Tatsachen mit Darstellungen vermischt, die sich so zugetragen haben könnten. Namen der vorkommenden Personen sind verändert.
Der Ernst des Lebens - Ankunft in der Hölle - Grosny 1995
Ich war bereits fast 25 Jahre Soldat, als ich den ersten Krieg erlebte – den Tschetschenien-krieg im Nordkaukasus. Und damit begann für mich der Ernst des Lebens. Bisher war mir alles wie im Spiele zu geflogen. Das Lernen, das Abitur, das Studium an einer Militärhochschule, den Dienst in den Einheiten und Stäben der Luftverteidigung im Norden Deutschlands und das Studium an einer Militärakademie bei Moskau meisterte ich wie im Spiel. Viele Jahre war ich Student – Lernender ohne Verantwortung für andere Menschen. Das war die Theorie. Doch bei Grosny und Kabul kam die Praxis. Und die unterschied sich wesentlich von der Theorie. Um es vorweg zu nehmen: niemand hat mich gezwungen, nach Tschetschenien oder Afghanistan zu gehen. Ich entschied mich zu diesem Schritt, weil ich eine echte Herausforderung suchte.
Des Soldaten Praxis ist der Krieg – was sonst. Darauf wird er vorbereitet – ausgebildet – gedrillt. Wozu braucht die Welt Soldaten? Für den Krieg! Haben wir keine Kriege, wenn es in einigen Ländern keine Soldaten gibt? Doch!
Im Dezember 1994 begann der Tschetschenienfeldzug der russischen Streitkräfte. Kurze Zeit später beschloss die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), eine Unterstützungsgruppe nach Grosny zu entsenden. Eine Anfrage nach interessierten Offizieren kam in meiner Dienststelle an. Ich äußerte meine Bereitschaft.
Eine sechsmonatige allgemeine Ausbildung zum Militärbeobachter sollte bald beginnen. Da die Bundeswehr noch kein Personal mit Erfahrungen in Krisen- und Kriegseinsätzen hatte, wurden wir von norwegischen und österreichischen Offizieren ausgebildet.
Die Lehrgänge zur Vorbereitung auf den Einsatz im russischen Nordkaukasus führten mich auch nach Bad Ems. Diese Stadt an der Lahn zeigt viele Spuren einer gemeinsamen deutsch – russischen Geschichte. Ich fühlte mich in dieser Stadt sehr wohl.
Ich dachte darüber nach, was mich in Tschetschenien erwarten würde. Russland war mir ja nicht fremd, aber der Nordkaukasus hatte schon seine Besonderheiten.
In der Phase der Vorbereitung auf die Entsendung ins Kriegsgebiet Tschetschenien und später nach Afghanistan erwartete ich eine konkrete Einweisung durch meine Vorgesetzten in meine Aufgaben, Rechte und Pflichten. Jedoch blieb diese Erwartung unerfüllt. Es begann sogar ein Streit, wem ich während meines Einsatzes unterstellt sein würde.
Die Vorbereitung umfasste allgemeine Unterrichtungen über das Einsatzgebiet und Verhaltensregeln.
Es gab politische Mandate für den jeweiligen Einsatz: die UN Sicherheitsratsbeschlüsse, ein Mandat der OSZE für die Unterstützungsgruppe in Tschetschenien, in deren Bestand ich arbeiten sollte. Für meine Einsätze in Afghanistan gab es Mandate des Bundestages. Aber all das war zu politisch und zu allgemein, um mir eine Leitlinie für den Alltag in Tschetschenien und in Afghanistan zu geben.
So erteilte ich mir selbst mein Mandat: Die Menschen achten!
Dieses Mandat soll aber auch eine Botschaft sein, die weiter getragen werden soll – an alle, die aus unserer Heimat in ein Krisen- und Kriegsgebiet gehen.
Alles, was wir Westler – unsere Entwicklungshelfer, unsere Diplomaten, unsere Soldaten oder Polizisten in anderen Kulturen tun, erfolgt im Namen unserer Tradition, unserer Werte und der Demokratie – ob dies gewollt ist oder nicht. Soll die Überlegenheit unserer Kultur überzeugen, müssen wir überlegen arbeiten und handeln.
Die Lehren meines Großvaters, wie man sich den Menschen gegenüber verhalten sollte, schienen lange Jahre für mich nicht relevant gewesen zu sein.
Dies änderte sich schlagartig, als ich mit Menschen zu tun bekam, die meinten, ein Mandat zum Töten anderer Menschen zu haben, die gottgläubig waren und sich selbst berufen fühlten, die Rolle Gottes bei der Bestimmung des Lebensendes anderer Menschen übernehmen zu können.
Ich hatte mein Gepäck für sechs Monate schon längst gepackt. Die beiden Tropenkisten standen zu Hause marschbereit im Korridor. Doch meine Entsendung nach Tschetschenien wurde mehrmals verschoben. Die letzten Tage vor dem Beginn meines Einsatzes in Tschetschenien waren vom Abschied geprägt. Dabei ging es weniger um den Abschied von Angehörigen und Freunden, sondern um den Abschied von meinen Wurzeln. Ich hatte das Bedürfnis, an die Stätten meiner Kindheit zurück zu kehren – allein. Ich wollte Abschied nehmen, indem ich die alte Dorfgasse entlang gehe, am Bach einhalte, das Haus und den Garten meines Großvaters sehe. Auch wenn sich vieles verändert hatte, Großvater schon lange gestorben ist und auch viele andere Leute, Nachbarn, ehemalige Klassenkameraden das Dorf verlassen haben, da gab es noch genügend Raum für Erinnerungen. Das Bergholz, Teile des Kammerforstes mit den angrenzenden ausgedehnten Wiesen sind einem Braunkohlentagebau gewichen. Selbst der Verlauf des alten Schnauderbaches ist verlegt worden. Diese Erinnerungen taten mir gut und ich konnte in der Ferne wenig später auf die frischen Bilder zurückgreifen. Dies verlieh mir Kraft.
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