„Wessen Idee?“ Selbstverständlich weiß ich wen er meint, aber verulken lassen möchte ich mich auch nicht, deswegen versuche ich den Spieß umzudrehen.
„Von Herrn Brandig.“ Seine Antwort kommt plötzlich.
„Wollen Sie seine Idee umsetzen?“
„Spricht etwas dagegen, also Ihrerseits?“
„Ja, natürlich. Es ist die dumme Idee eines Schauspielers, der sich nicht verstanden fühlt. Künstler müssen dadurch, sowas nennt man Berufsrisiko.“ Ich versuche mich weiterhin ruhig zu verhalten. Falls Edgar doch hinter diesem Anruf steckt, will ich mir auf keinen Fall anhören müssen, dass ich darauf reingefallen bin.
„Entschuldigung, aber wäre Herr Brandig daran interessiert seine Idee umzusetzen?“
„Wahrscheinlich. Genaueres weiß nur er selbst. Sind Sie sich denn sicher, dass es eine gute Idee ist sowas umzusetzen?“
„Darüber würde ich gerne mit Herrn Brandig persönlich sprechen.“
Es imponiert mir, dass er fordert, obwohl er sich noch immer wie ein eingeschüchterter Junge anhört. Mittlerweile bin ich mir sogar sicher, dass Edgar nicht dahinter steckt. Solch ein Charakter entspricht nicht seinen üblichen Filmfiguren.
„Herr Christlieb, sind Sie sich im Klaren darüber, was das bedeutet? Sie würden damit einem Schauspieler, der für seine Alkohol-Vergangenheit bekannt ist, die Chancen geben über das Land mitzubestimmen. Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie damit auch den Glauben freisetzen, dass jeder Alki mitbestimmen darf?“
„Liebe Frau Irsch, ist Ihnen bewusst, dass wir in einer Demokratie leben?“
Es scheint, als würde ich nun mit seinem bösen Zwilling telefonieren.
„Ja.“
„Hervorragend. Dann gehe ich stark davon aus, dass Ihnen die Bedeutung von Demokratie bekannt ist?“
„Absolut.“
„Der Bundeskanzler hat entschieden einen neuen demokratischen Weg einzuschlagen - eine Art Testphase, wofür Brandigs Idee wie gerufen scheint. Wir möchten diese Chance nutzen.
Wären Sie so freundlich mir seine Nummer zu geben? Oder möchten Sie Herrn Brandig vorher über dieses Telefonat informieren? In dem Fall schlage ich vor, dass Sie ihm meine Nummer aushändigen. Er möchte mich dann bitte zurückrufen, sobald er Zeit hat.“
Er legt eine kurze Pause ein, in der ich nicht zum Antworten komme. Anschließend fügt er hastig hinzu: „Vielen Dank Frau Irsch, für Ihre Kooperation. Der Bundeskanzler weiß Ihre Mühe zu schätzen.“
Ich bin sprachlos. Der einzige Mensch, der das normalerweise schafft ist Edgar.
Schnell notiere ich mir die Nummer, die mir nachfolgend durchgegeben wird.
„Falls Sie wirklich glauben, dass Sie damit etwas verändern können, dann tut es mir leid. Die Idee war garantiert eine Schnapsidee von Edgar und so schnell wie sie gekommen ist, so schnell wird sie auch scheitern. Verschwenden Sie besser nicht zu viel Zeit und Geld daran!“
„Vielen Dank Frau Irsch, für Ihre Zeit, Mühe und den ungewollten Bemerkungen. Alles Weitere bespreche ich fortan mit Herrn Brandig persönlich. Einen schönen Tag noch.“
Bevor er auflegt höre ich, wie er erleichtert aufatmet. Ihm muss ein Stein vom Herzen gefallen sein, was darauf schließen lässt, dass der Anruf echt war und nicht von Edgar geplant. Ein Schauspieler wäre nicht so schnell aus der Rolle gefallen und schon gar nicht mit einer Atmung, die die Anspannung verfliegen lässt.
Für Silvie bricht die letzte Schulstunde an. Lauter dreizehn- und vierzehnjährige Kinder warten auf die Anweisung Namensschilder zu schreiben. Zu Silvies Erstaunen funktioniert alles reibungslos und vergleichsweise ruhig.
„Ich weiß nicht, ob ihr es gestern mitbekommen habt oder ob eure Eltern denken, dass ihr für solche Nachrichten noch zu jung seid - ich dagegen finde, es ist ein guter Einstieg in eine künstlerische Diskussion. Gestern Abend hat ein Regisseur seinen neuen Film präsentiert und in einem Interview vorgeschlagen der Menschheit für einige Zeit die Kunst zu entziehen. Er ist der Auffassung, dass die Menschen kein Gespür mehr für Kunst haben.“
Es wird leise getuschelt und Silvie kann aus den Reihen heraus Edgars Namen hören.
„Was sagt ihr dazu? Was bedeutet Kunst für euch? Wie empfindet ihr sie? Was würde es mit euch machen, wenn man diesen Test durchführen würde?“
Tim Feierabend ist der erste der sich meldet.
„Tim, bitte“, fordert Silvie ihn zum Reden auf, glücklich darüber, dass wenigstens ein Kind den Mut findet den Anfang zu machen.
„Ich habe die Nachrichten gestern gesehen und mich im Internet über Edgar Brandig informiert, um nachzuvollziehen wie er auf so eine Idee kommt. Ich kann ihn verstehen. Nachdem was ich alles gelesen habe, muss er viele negative Kommentare einstecken. Teilweise gab es boshafte Meinungen, die auf seine Person angesetzt waren anstatt auf den Film. Das ist nicht so gut. Filme sind Geschmackssache und wenn ich einen Schauspieler nicht mag, dann sehe ich mir den gar nicht erst an.“
„Darum geht es doch gar nicht bei ihrer Frage, Tim“, schreit ein anderer Junge rein. „Hörst du nicht zu?“
„Das ist wahrscheinlich der Grund, wieso er im Unterricht nie redet“, lacht ein anderer.
Tim schließt den Mund, legt seine Hände ruhig auf dem Tisch ab und starrt beschämt nach unten.
„Da muss ich euch widersprechen. Ich möchte mit euch Diskutieren und Meinungen austauschen. Dazu gehört, dass alles was zu dem Thema beiträgt erwähnt werden kann - besonders wenn es darum geht, seine eigene Meinung zu verdeutlichen. Tim war auf einem guten Weg. Er hat sich mit der Person Edgar Brandig auseinander gesetzt, um dessen Perspektive nachzuvollziehen. Zudem scheint Tim jemand zu sein, der es völlig okay findet, wenn Menschen unterschiedlicher Meinung sind, richtig?“
Tim nickt stumm.
„Sebastian, wie stehst du zu dem Thema?“, fragt Silvie den Jungen, der Tim unterbrochen hat.
„Naja, also ich würde es ziemlich egoistisch finden, wenn er uns die komplette Kunst wegnimmt. Wenn er nur seine zurückzieht, wäre mir das egal, aber wenn er gleich alles streicht - das geht zu weit.“
„Und wieso?“
„Weil ihn die Kunst anderer nichts angeht. Wenn mir jemand Lieder schenkt und ich die annehme, kann sie mir doch kein Dritter wieder wegnehmen. Das ist Diebstahl!“
Einige Schüler klopfen auf die Tische und brüllen zustimmend. Es wird unruhig in der Klasse.
Erschreckend muss Silvie feststellen, dass Sebastian das Oberhaupt ist und er dadurch die Mehrheit von seiner Meinung begeistern kann. Keiner seiner Anhänger denkt eigenständig weiter, was ein schlechter Grundbaustein für einen Klassenzusammenhalt ist.
„Beleidigungen dulde ich hier nicht“, braust es aus Silvie heraus, während sie lautstark gegen die Tafel schlägt.
Die Jugendlichen zucken zusammen, versteifen sich auf ihren Stühlen und werden mucksmäuschenstill.
„Tim mag vielleicht nicht zu deiner Clique gehören, Sebastian, aber in meinem Unterricht spielen wir nach meinen Regeln, ist das klar? Sonst wirst du schneller von der Schule fliegen, als dir lieb ist - was bedeutet, dass deine Zukunft nicht so rosig aussehen wird. Das gilt übrigens auch für den Rest.“ Ihren bösen Blick lässt sie durch die Klasse schweifen. „Ihr müsst lernen ordentlich zu diskutieren. Besonders in der Kunst ist dies wichtig. Jemand, der andere mit Beleidigungen angreift, macht sich erst einmal selber gesprächsunfähig und schraubt sich gleichzeitig gesellschaftlich nieder. Wer seine Meinung vertreten möchte, muss weder lügen, anderen die Wörter im Mund umdrehen oder beleidigen. Das alles zeugt von Unwissenheit und wenig Intelligenz. Willst du als dummer Mensch durch die Welt laufen, oder gar für solch einen gehalten werden, Sebastian?“
Sebastian schüttelt den Kopf: „Nein.“
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