Sie weiß, was ich gemacht habe. Sie kennt mich viel zu gut. Meine Tat ist nicht in ihrem Sinne, das ist mir durchaus bewusst - doch was wäre anders? Sie kennt die Abwesenheit durch meine Drehtage. Sie ist es gewohnt - hat gelernt damit zu leben. Es geht auch hier um meine Arbeit, das muss sie verstehen und akzeptieren.
Silvie Erbach schüttet sich den letzten Rest Tee in ihre Tasse als sie die Nachrichten einschaltet. Um sie herum liegt ein Stapel Papier - Arbeiten von Schülern, die sie noch benoten muss. Als Kunstlehrerin fällt es ihr leicht, die Benotungen während ihrer Lieblingsserie vorzunehmen, die täglich nach den 18-Uhr-Nachrichten läuft.
Lena Nöthe flimmert auf Silvies Fernseher auf und die Themen werden eingespielt. Die meiste Sendezeit gehört Edgar Brandig und der Premiere seines neuen Films.
Silvie hält nicht viel von Brandigs Filmen, nicht weil sie nicht gut gemacht sind, sondern weil es nicht ihrem Genre entspricht. Brandig ist ihr zu melancholisch, obwohl es sich stets um Komödien handelt. Sie dagegen ist ein Arthouse-Fanatiker. Der Grund dafür mag ihr Großvater sein, der sie früher in diese Filme mitgenommen hat.
Als Silvie von Brandigs Idee hört, den Menschen auf Probe die Kunst zu entziehen, starrt sie wie gebannt auf den Fernseher.
Was würde das für sie bedeuten, wenn man diesen Test wirklich durchführen würde? Besonders für ihren Beruf? Dürfte sie dann nicht mehr unterrichten?
Lena Nöthe macht noch einen kecken Spruch, bevor die Nachrichten sich dem Ende neigen.
In Gedanken bleibt Silvie bei Edgar Brandig hängen, dessen Ansicht sie durchaus nachvollziehen kann. Wie scharf Filme, Lieder und Bücher mittlerweile kritisiert werden, ist auch Silvie bereits aufgefallen. Oft packt sie diese Artikel kopfschüttelnd zur Seite und widmet sich wieder den Malereien ihrer Schüler.
Die Kunst der Kinder ist so frei und grenzenlos. Obwohl sie immer ein Thema vorgegeben bekommen, gleicht kein Bild dem anderen. Weder von den Farben, Formen, Ideen, noch von der Themeninterpretation. Das spannende an ihrem Beruf sind eindeutig die präsentierten Ergebnisse. Diese Kunst benoten zu müssen, ist dagegen eine unzumutbare Aufgabe, denn immerhin kann man Kunst nicht mit Noten bewerten. Kunst ist vielfältig und wird durch jedes Auge unterschiedlich betrachtet.
Das Edgar Brandig sich angegriffen fühlt, kann sie sehr gut nachvollziehen. Nichts muss für einen Künstler schlimmer sein, als das Gefühl, dass man sich nicht mal darum bemüht ihn zu verstehen. Die gekränkten Gesichter der Kinder spiegeln dieses Gefühl, sobald ein unfertiges Projekt frühzeitig verurteilt wird.
Während ihre Lieblingsserie läuft und sie die letzten Bilder mit einer Eins benotet, fällt ihr schlagartig ein, wie sie die erste Stunde mit ihrer neuen Klasse einläutet, welche sie von einer erkrankten Kollegin über einen längeren Zeitraum übernehmen wird.
Laura Herz steht vor der Haustür der Familie Brandig und Horsch, auf dessen Klingelschild noch immer ihr gebürtiger Name steht. Bevor sie ihren Schlüssel in der Handtasche findet, wird ihr von innen geöffnet.
„Pünktlich wie immer, mein Schatz“, winkt ihre Mutter sie hinein und gibt ihr einen Kuss auf die Wange, ehe sie wieder in der Küche verschwindet.
„Ihr seid aber ebenfalls pünktlich“, gibt Laura verwundert an ihre Mutter zurück.
„Ich haben die After-Party früh beendet“, antwortet diese aus der Küche heraus.
„Warst du überhaupt da?“, fragt Laura, die ihre Jacke an der Garderobe aufhängt.
„Ja, etwa eine halbe Stunde. Edgar ist länger geblieben, sollte aber jede Minute eintreffen.“
Laura schlendert ins Wohnzimmer. Der Esstisch ist noch nicht gedeckt. Um nicht untätig rumzustehen, sucht sie die benötigten Utensilien zusammen und verteilt sie auf dem Tisch.
„Tut mir übrigens wahnsinnig leid, dass du mit uns Fotografen zu kämpfen hattest.“
Julia Horsch beobachtet ihre Tochter kurz, welche sich entschuldigt und dabei das Besteck verteilt.
„Ich hätte dir nicht zurufen sollen. Die anderen haben sich danach regelrecht auf dich gestürzt. Wirklich, hätte ich das gewusst, dann wäre ich still geblieben und hätte dir die Zeit gelassen dich kurz auf uns vorzubereiten.“
Jetzt schaut ihre Tochter sie an. Julia lächelt und reagiert freudig: „Ist schon okay. Es war ganz gut so. So wurde ich wenigstens daran erinnert, wieso ich damals unbedingt zum Theater wollte und nicht zum Film.“
Laura kennt die Geschichte ihrer Mutter und weiß zu schätzen, dass sie ihr nicht böse ist.
Die Haustür geht auf.
„Hallo! Ist es nicht schön, nach so einem erfolgreichen Tag, den Abend mit seinen beiden Lieblingsfrauen zu verbringen?“
Julia und Laura grinsen übers ganze Gesicht, während sie Edgar mit einem Schulterzucken antworten.
„Kam schon etwas in den Nachrichten?“, fragt er hastig, nachdem er beiden einen Kuss aufgedrückt hat.
„Ich hatte den Fernseher noch nicht an“, antwortet Julia und verschwindet wieder in der Küche.
Laura folgt ihrer Mutter schweigend und hilft ihr beim Servieren um schnellstmöglich ihr Anliegen anzusprechen, bevor Edgar die Nachrichten einschalten kann.
„Edgar, magst du bitte den Fernseher noch kurz aus lassen?“, fragt Laura vorsichtig.
„Selbstverständlich. Brennt dir was auf der Seele?“ Edgar kennt seine Stieftochter nach all den Jahren gut genug. Mit einer schnellen Bewegung dreht er sich zu ihr, um ihr seine volle Aufmerksamkeit zu schenken.
„Denkst du ernsthaft darüber nach, den Menschen die Kunst wegzunehmen? Also, würdest du es wirklich für eine gute Idee halten?“
„Was?“ Julia fällt der Löffel aus der Hand, mit dem sie sich gerade Kartoffeln aufgefüllt hat und sieht erschrocken zu Edgar.
„Jeder sollte mal darüber nachdenken, wie wichtig Kunst für ihn ist.“
„Aber stelle dir mal vor, du würdest die Chance bekommen und man würde es testen wollen - würdest du es wirklich durchziehen?“ Laura weiß selber noch nicht so recht, was sie von dem Thema halten soll.
„Ein Versuch wäre es wert, oder nicht? Wenn die Mehrheit dafür stimmen würde, wieso nicht? Natürlich müsste man das demokratisch entscheiden. Ich alleine kann so etwas nicht veranlassen. Reizt dich die Idee etwa nicht?“
Julia sieht zwischen den beiden hin und her. Sie weiß gar nicht, worum es geht und klingt sich kurzerhand ein: „Kann mich bitte jemand aufklären?“
Laura greift zur Fernbedienung und schaltet im richtigen Moment ein - Ursula Hennings stellt gerade die entscheidende Frage.
Julia fällt die Kinnlade herunter, als sie sich im Hintergrund sieht. Von dem ganzen Thema hat sie auf der Premiere gar nichts mitbekommen, obwohl sie nur wenige Meter von ihrem Mann entfernt stand und fotografiert wurde.
„Das läuft bereits den halben Tag in den Nachrichten. Dadurch wurde es auch Thema bei uns. Nur so habe ich davon erfahren“, versucht Laura sich bei ihrer Mutter zu rechtfertigen, welche sie irritiert ansieht.
Schweigen herrscht am Tisch, weil sowohl Julia als auch Laura Zeit zum Nachdenken brauchen. Edgar akzeptiert es und schlingt gierig das leckere Essen in sich rein, während die Frauen verunsichert auf ihrem Teller herumstochern. Erst das Klingeln von Edgars Handy durchbricht die leise Kulisse.
„Störe ich?“, frage ich, obwohl es mich nicht interessiert. Noch immer brodelt die Wut in mir.
„Nein, absolut nicht“, antwortet Edgar heiter. „Was gibt es?“
„Was es gibt? Fragst du mich das ernsthaft?“, zische ich.
„Du hast die Nachrichten gesehen, richtig? Bist du deswegen aufgebracht?“
„Sollte ich etwa nicht aufgebracht sein?“
Читать дальше