Der Herr Barbár jedoch hatte die Angelegenheit äußerst diskret behandelt und war nicht mit einer Enthüllungsgeschichte an die Presse gegangen, was wohl jeder andere an seiner Stelle getan hätte. Tschusch sah dies im Nachhinein zwar als einen Riesenfehler an, hätte er sich doch mit dem Geld, das ihm gewisse Medien garantiert geboten hätten, eine goldene Nase verdient und sich seiner finanziellen Nöte entledigt. Er hatte es sich selbst nicht erklären können, warum er sich so entschieden hatte. Wahrscheinlich hatte ihm die Frau des Politikers einfach leidgetan und Frauen waren nun mal seine große Schwäche.
Von all dem wusste Carola Schröder freilich nichts, als sie sich dem Detektiv anvertraute, in der Hoffnung, Edmund würde sie wenigstens mit einer Frau, am besten mit einer blutjungen Sexbombe betrügen und nicht mit einem Kerl. Tschusch indes stellte der potentielle Auftrag vor eine gewaltige Gewissensfrage. Immerhin war Edmund sein bester Freund, obendrein noch sein einziger. Es gab da zwar noch jemand, aber die Bekanntschaft mit dieser Person behielt er besser für sich. Er überlegte. Würde er den Job nicht annehmen, würde sich die Dame mit Sicherheit an einen Kollegen wenden und dann würde die Geschichte mies enden, falls Edmund tatsächlich fremdginge. Wenn er jetzt aber zusagte, könnte er wenigstens Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen und seinen Spezi möglicherweise warnen. Oder auch nicht.
„Gut, Frau Schröder“, sagte Tschusch. „Hier ist der Vertrag. Lassen Sie sich ruhig Zeit mit der Unterschrift. Wenn Sie möchten, nehmen Sie den Vertrag mit nach Hause und schlafen eine Nacht darüber. Dann können Sie immer noch ...“
„Nein, nein“, unterbrach sie ihn. „Wir regeln das jetzt gleich.“
Sie griff nach dem Kugelschreiber auf Tschuschs Schreibtisch und unterzeichnete die Vereinbarung, nachdem sie diese nur oberflächlich überflogen hatte. Jetzt hob sie den Kopf und blickte Tschusch tief in die Augen.
„Sie versprechen mir, dass Sie immer ehrlich zu mir sind, egal, was Sie herausfinden?“
Tschusch schluckte. „Natürlich. Ehrlichkeit ist eine meiner Grundprinzipien.“
Carola Schröder stand auf und streckte ihm die Hand entgegen, so energisch, dass Tschusch erschrak. Zaghaft nahm er ihre Hand und musste sich zurückhalten, keinen galanten Kuss darauf zu drücken, denn diese schmale zarte Hand war das edelste Körperteil, das er jemals angefasst hatte. So feine Knöchelchen, so butterweiches Fleisch, so samtige Haut ... Am liebsten hätte er diese Hand nie wieder losgelassen und errötete, als er merkte, dass er den Zeitpunkt artiger Konvention verpasst hatte. Als hätte er ein heißes Eisen angefasst, zog er seine Hand hastig zurück. Sie lächelte ihn an und wandte sich zum Gehen. An der Tür schien ihr noch etwas eingefallen zu sein. Sie drehte sich um und fragte Tschusch, ob er denn einen Vorschuss benötige, das sei doch wohl üblich.
„Aber nicht doch“, wehrte er generös ab, „wir sind ein seriöses Unternehmen, solch ein Geschäftsgebaren liegt mir fern.“
Als sie gegangen war, sank Tschusch in seinen Sessel und raufte sich die Haare. „Idiot“, schalt er sich, „verdammter Idiot.“
Der Vorschuss, selbstverständlich Vertragsbestandteil, war das einzige, was ihn über Wasser hielt. Er lebte von der Vorauskasse und das zunehmend schlecht. Drei Mieten war er bereits im Rückstand, zwei für die Wohnung und eine fürs Büro und wenn er nächste Woche nicht zahlen konnte, würden ihm die Stadtwerke den Strom abstellen. Und er? Spielte auch noch den Großkotz, unglaublich. Dann fiel ihm ein, dass es sicher Edmunds Geld gewesen wäre, denn soweit er sich erinnern konnte, arbeitete dessen Gattin nicht. Ein Stück Zufriedenheit kehrte ein, auch wenn er wusste, dass er sich wieder mal was vormachte. Irgendwann würde er Edmunds Geld nehmen müssen. Doch hatte er sich wenigstens für heute Ruhe vor seinem Ethos erkauft und das Gewissensgebiss war abmarschiert, jemand anders kneifen.
Er quälte seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche und zählte ein paar Münzen und einen letzten zehn Euro Schein. Für zwei Viertel und vielleicht mehr im „Halbmond“, seiner Stammkneipe, würde es reichen. Er konnte dort zwar anschreiben lassen, aber auf Dauer war das auch keine Lösung. Im Notfall könnte er seine Schwester Dragoslava anpumpen, beziehungsweise Judith, wie sie sich neuerdings nannte, nachdem sie vom orthodoxen Glauben zum Katholizismus konvertiert war und ihr Leben ganz in den Dienst der Heiligen Römischen Kirche stellte. Bei ihrem Bruder hieß sie seitdem nur noch Betschwester Judith, doch erfolgreiches Marketing hätte er sich von ihr gut und gerne abschauen können, denn seitdem sie das Kommando über die Gemeinde Sankt Martin übernommen hatte, konnte die Sonntagsmesse einen Besucherrekord nach dem anderen vermelden.
Tschusch aber zweifelte an ihren Managerqualitäten, seit er aus reiner Neugier einen der Gottesdienste besucht hatte. Seine Anwesenheit war bei den Gemeindemitgliedern auf geteiltes Echo gestoßen, nicht etwa, weil er als Privatdetektiv erkannt oder seine verwandtschaftliche Beziehung zu Judith ruchbar wurde. Nein, Tschusch hatte wieder mal provozieren müssen, sich eine Kippa aufgesetzt und, für alle sichtbar, eine gebundene Ausgabe des Koran mitgebracht, sodass er von Glück sagen konnte, nicht schon vor dem ersten Glöckchen Geläut von der groß gewachsenen Ministrantin hinausgeworfen zu werden. Die Ministrantin wiederrum entpuppte sich als Betschwester Judith und Tschusch begriff schnell, warum sich das Hochamt urplötzlich steigender Beliebtheit besonders bei Männern erfreute. Wo sonst nur alte Weiblein hockten und ihrer verstorbenen Gesponse oder wem auch immer gedachten, knieten nun mehr und mehr Herren gestandenen Alters, als wollten sie durch ihren Kniefall sich Judiths unverhohlener Erotik beugen.
Seine Schwester nämlich konnte machen, was sie wollte: auch unter dem bettlakenförmigen Ministranten Umhang waren ihre enormen Brüste nicht zu verstecken. Dass Judith darüber hinaus und speziell bei der Wandlung ihre kleinrosa Katzenzunge aus dem Mund hing und nur ein Schelm ihr dabei lüsternes Verhalten unterstellen konnte, mochte unfreiwillig zur dieser Art Peep-Show mutierten Heiligen Messe beigetragen haben. Tschusch aber wusste, dass Judith nicht absichtlich so handelte.
Schon während der Schulzeit, als sie im Ballett debütierte, war ihr beim pas de deux die Zunge herausgehangen und da konnte Mojca, ihre Mutter, im Publikum noch so oft die eigene Zunge herausstrecken, um ihr, ständig darauf deutend, nonverbal zu vermitteln, sie solle das Maul endlich schließen: Dragoslava alias Judith bestritt die komplette Aufführung, als probe sie für ein Sexfilm-Casting. Kein Wunder, dass sie später nach einer Probevorstellung beim Staatstheater nicht genommen wurde, selbst wenn die fouetté en tournants, Judiths wahnwitzige Pirouetten, die sogar einem tanzenden Derwisch die Sinne verwirrt hätten, von völliger Hingabe zeugten, ganz zu schweigen von ihren grand jettes, den großen Sprüngen, die zugegeben etwas Straußvogelhaftes an sich hatten und die meisten Tanzpartner panisch zur Seite hüpfen ließ, damit sie nicht von Judiths gewaltigen Beinmuskeln außer Gefecht gesetzt wurden.
Die gesetzten Herren indes, durch die Bank bislang kirchliche Abstinenzler, konnten sich offenbar nicht satt sehen an dieser Brunhilde im Ministranten Gewand und Judith sich nicht vor zweideutigen Angeboten retten. Gleichwohl hatte sie sich mit Leib und Leben dem Herrn Jesus verschrieben und so gingen die Lustknaben der ersten Reihen leider leer aus. Was für eine Verschwendung, mag da mancher geseufzt haben, war Judith doch anders als die meisten Kirchen- und Klageweiber durchaus gutaussehend, vorausgesetzt, man stand auf blasse Nonnengesichter.
Nur Tschusch ahnte den wahren Grund für Judiths ablehnende Haltung allem Geschlechtlichem gegenüber. Schon als sie noch Dragoslava war, hatte sie unter einer erstaunlichen Inkontinenz gelitten, einer Blasenschwäche, die sich unversehens freien Lauf verschaffen konnte und folglich für gewisse erotische Stellungen ungeeignet war.
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