Isa tappte im Schlafanzug die Treppe hinunter. „Gab es Verletzte?“
„Zum Glück nicht. Die Explosion hat zwar die halbe Wartehalle verwüstet, es hat sich jedoch niemand dort aufgehalten.“
Sirrah setzte sich an den Frühstückstisch, bekam jedoch nichts hinunter. Irgendetwas schnürte ihr die Kehle zu.
Später überließ sie es Arneb, Isa zur Haltestelle zu begleiten. Sirrah setzte sich in den Garten und starrte wie hypnotisiert in Menkars Blumenbeet. Doch sah sie weder die zarten Blütenknospen noch hörte sie das Summen der Insekten. Alles verblasste hinter einer Frage: Warum in aller Welt zündete jemand einen Sprengsatz im Bahnhof?
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Adhara endlich nach Hause. Erst jetzt war Sirrah wirklich sicher, dass alles in Ordnung war.
Der Druck in ihrer Kehle löste sich, und sie begrüßte ihre Mutter mit einer herzlichen Umarmung. „Schön, dass du wieder da bist!“
„Wie habe ich denn das verdient?“, fragte Adhara.
„Ich war so erschrocken, als mir Vater von diesem Anschlag erzählt hat!“
„Du hättest dir keine Sorgen machen müssen!“ Adhara strich ihrer Tochter sanft über die Wange. „Ich habe davon kaum etwas mitbekommen. Der Sicherheitsdienst hatte schon alles abgeriegelt, bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte. Und die beiden Verrückten, die dafür verantwortlich sind, wurden bereits verhaftet. Lass uns also lieber über die guten Nachrichten reden: Ab morgen haben wir zwei Helfer für die Obsternte!“
Adhara musterte ihre Tochter nachdenklich. „Willst du wirklich auf diese Raumfahrtakademie?“
„Es gibt nichts, was ich mir mehr wünsche!“ Sirrah hielt den Atem an.
„Du weißt, dass es mir lieber wäre, wenn du auf die Landwirtschaftsschule gehen würdest“, sagte Adhara. „Aber wenn dein Herz so sehr daran hängt, dann will ich deinen Wünschen nicht länger im Wege stehen. Nach der Obsternte werde ich eine Praktikantin anfordern, die uns hilft. Aber versprich mir, bis dahin noch einmal gründlich darüber nachzudenken. Du wirst uns hier nämlich sehr fehlen. Und ich meine damit nicht die Arbeit!“
Sirrah traute ihren Ohren kaum. Ihr Herz machte einen Hüpfer, und in ihrem Kopf schwirrte es plötzlich wie in einem Bienenschwarm. Sie musste unbedingt mit den Prüfungsvorbereitungen beginnen. Sie musste sich über die Anmeldung informieren. Sie musste mindestens tausend Sachen erledigen! Sirrah machte den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Wenn sie jetzt etwas sagte, würde sie vor Freude anfangen zu heulen. Stattdessen fiel sie Ihrer Mutter wortlos um den Hals.
„Zuerst gibt es jedoch noch eine Menge zu tun!“ Adhara löste sich sanft aus Sirrahs Umklammerung. „Geh bitte zu Mizar und sag ihm, dass er morgen die beiden Erntehelfer einquartieren muss. Außerdem soll er die Baumrüttler überprüfen. Erledigst du das für mich?“
„Ich bin schon weg!“ Mit beschwingten Schritten marschierte Sirrah über das abgeerntete Feld. Mit einem Mal fühlte sie sich unsagbar frei, fast meinte sie, sie könnte fliegen.
Sie fand Mizar in der Krone eines Apfelbaumes, der unter dem zusätzlichen Gewicht bedenklich ächzte.
„Guten Morgen, Sirrah!“ Mizar kletterte behände die Leiter hinunter. „Die sind beinahe reif. Wir sollten unbedingt mit dem Pflücken anfangen!“
Eile war geboten, damit das Obst nicht an den Bäumen verdarb. Folglich zeigte sich Mizar sichtlich erleichtert über die zu erwartende Hilfe. „Das ist überhaupt kein Problem. Die Erntehelfer können bei mir in der Küche schlafen. Um die Baumrüttler soll sich Tihal kümmern. Sagst du ihm das bitte? Ich nehme an, er ist noch im Haus.“
„Klar, mach ich!“
Als Sirrah zu Mizars Haus kam, hörte sie Tihal durch das offene Fenster eine fröhliche Melodie pfeifen. Sie trat ein, und Tihal strahlte sie überrascht an. „So früh habe ich dich gar nicht erwartet!“
Er nahm ihre Hand und blickte ihr tief in die Augen. „Weißt du noch, was du mir gestern versprochen hast?“
Sirrah spielte die Ahnungslose. „Was denn?“
„Du schuldest mir noch einen Kuss!“
„Den können wir nachholen!“ Sirrah zog Tihals Gesicht zu sich heran. Tief in ihrem Inneren versetzte ihr etwas einen Stich. Der Sturm ihrer Begeisterung verkam zu einem lauen Lüftchen. Wie sollte sie ihm nur erklären, dass sie bald von hier wegging?
„Jetzt hast du mich total durcheinander gebracht“, sagte Sirrah. „Eigentlich sollte ich dir ausrichten, dass du nach den Baumrüttlern sehen sollst, weil morgen die Erntehelfer anrücken!“
„Das ist wohl mein Glückstag heute! Wenn wir nicht wieder alles alleine machen müssen, haben wir zwei viel mehr Zeit für uns!“ Tihal schnappte sich seine Provianttasche. „Ich fange gleich an. Hilfst du mir dabei?“
„Warum nicht?“ Sirrah hatte schon oft mit diesen Maschinen gearbeitet und wusste, was zu tun war: Batterien aufladen, Antriebsketten nachziehen und Auffangnetze ausbessern.
Tihals gute Laune war ansteckend. Schon auf dem Weg zur Maschinenhalle alberte Sirrah übermütig herum. Die Frage, wie sie Tihal die Sache mit der Akademie beibringen sollte, verbannte sie in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins.
„Weißt du, wo die Auffangnetze geblieben sind?“, fragte Sirrah.
„Warte, ich hole sie!“ Tihal verschwand hinter einem Regal und tauchte mit einem bunten Durcheinander auf dem Arm wieder auf. Lachend wickelte er Sirrah in eines der Netze. Wie durch Zufall berührten sich ihre Lippen.
„So werden wir nie fertig!“, stellte sie fest. Und tatsächlich dauerte es den ganzen Nachmittag, bis sämtliche Arbeiten erledigt waren.
„Was machst du heute Abend?“, fragte Tihal. „Kommst du auf einen Sprung zu mir rüber?“
„Wir könnten uns auch am Teich treffen“, schlug Sirrah vor.
„Gute Idee!“ Tihal grinste über das ganze Gesicht.
Sirrah konnte ihm ansehen, wie sehr er sich auf einen romantischen Abend freute. Ich muss es ihm sagen, dachte sie.
Zu Hause bereiteten Menkar und Arneb die Verpflegung für die Erntehelfer vor. Arneb saß hinter einem Berg von Hülsenfrüchten und löste mit verbissenem Gesichtsausdruck die Bohnen aus den Schoten.
Sirrah rümpfte die Nase. „Ich hoffe, die gibt’s nicht zum Abendessen!“
Arneb warf eine Schote nach ihr. „Kannst ja selber kochen, wenn’s dir nicht passt!“
„Die gibt es morgen, wenn die Erntehelfer kommen“, erklärte Menkar. „Heute gibt es gefüllte Teigtaschen. Die isst du doch gern!“
Beim Abendessen verputzte Sirrah den Inhalt ihres Tellers mit rasantem Tempo.
Adhara zog verwundert die Augenbrauen hoch. „Hast du Angst, dass dir jemand etwas wegisst?“
„Ich will nachher noch mal raus!“
„Triffst du dich mit Tihal?“
Sirrah stopfte die letzte Teigtasche in ihren Mund. „Mhm!“
„Vielleicht findest doch einen Grund, hier zu bleiben“, sagte Adhara lächelnd. „Lass es nicht so spät werden. Du musst morgen früh raus!“
„Ja, ich weiß schon.“ Sirrah stellte den Teller auf die Anrichte und machte sich auf den Weg.
Tihal erwartete sie bereits. Sie ertappte ihn dabei, wie er kleine Steinchen ins Wasser warf und die Wellenringe betrachtete, die sich auf der Oberfläche ausbreiteten. Sie reflektierten die letzten Sonnenstrahlen und ließen den Teich funkeln wie einen Diamanten.
Als Tihal Sirrahs Schritte hörte, drehte er sich zu ihr herum. Ein glückseliges Grinsen erhellte sein Gesicht.
Erneut beschloss Sirrah, ihr Geständnis noch ein wenig hinauszuschieben. Dies war eindeutig nicht der richtige Moment für schlechte Nachrichten.
Sirrah setzte sich zu Tihal auf den Steg. Sie fühlte seine Wärme, spürte den Hauch seiner Atemzüge und roch den frischen Duft von Mizars selbstgemachter Kräuterseife.
Plötzlich überkam sie ein ungeahntes Verlangen. Konnte Küssen womöglich süchtig machen? Zärtlich, aber bestimmt, zog sie ihn an sich. Als sie seine Lippen auf ihren spürte, wünschte Sirrah, den Fluss der Zeit für eine Weile anhalten zu können. Warum erfand eigentlich niemand eine Zeitmaschine, mit der man Unliebsames einfach überspringen und gleichzeitig zu den schönsten Erlebnissen in der Vergangenheit zurückkehren konnte?
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