Petra Gugel - Sirrah

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In ferner Zukunft leben zwei junge Menschen auf einer matriarchalen Welt: Sirrah, Tochter einer Gutsbesitzerin, und Tihal, Sohn eines Landarbeiters. Während Sirrah alle Wege offen stehen, bleibt Tihal nur das Leben auf den Feldern. Tihal umgibt ein Geheimnis, das Sirrahs Interesse weckt. Die beiden kommen sich näher, ihre Liebe zerbricht jedoch an Sirrahs Zukunftsplänen. Als Sirrah eine Karriere bei der Raumflotte anstrebt, verlässt Tihal seine Heimat und schließt sich einer Rebellengruppe an. Zunächst verdrängt Sirrah die Ungerechtigkeit des Gesellschaftssystems und stürzt sich mit Eifer in ihre Ausbildung. Als sie jedoch herausfindet, dass Tihal die Zwangsarbeit auf einem unwirtlichen Planeten droht, schmiedet sie einen waghalsigen Fluchtplan.

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„Wie, nicht wie wir?“

„Na ja, es gibt da so ein Gerücht.“

Isa wurde hellhörig. „Was für ein Gerücht?“

„Mein Vater hat es von einem Nachbarn gehört, und der weiß es wiederum von seinem Schwager.“

„Lass dir doch nicht alles aus der Nas ziehen!“

„Das ist wirklich eine schräge Geschichte. Angeblich ist vor einem halben Jahrhundert ein Raumschiff aus Nardo hier in der Nähe abgestürzt. Nur ein Besatzungsmitglied hat überlebt, und in den Mann soll sich Tihals Großmutter verliebt haben. Wenn das stimmt, dann haben wir die Erklärung für die schwarzen Haare und die dunklen Augen.“

„Du solltest unbedingt herausfinden, ob an der Geschichte was dran ist!“

Sirrah seufzte. Hätte sie bloß nichts gesagt.

„Jetzt müssen wir aber wirklich los!“ Isa warf ihren Apfelbutzen ins Gebüsch und zog ihre Schuhe an.

Sirrah zog es vor, barfuß zu gehen. Sie hatte fast vergessen, wie gut sich das anfühlte. Der Waldboden war angenehm kühl unter den Füßen und federte bei jedem Schritt ein wenig nach.

Nachdem sich Isa kichernd und flüsternd von Arneb verabschiedet hatte, begleitete Sirrah ihre Freundin noch bis zur Haltestelle.

„Melde dich bald wieder bei mir. Ohne dich ist es hier todlangweilig!“

„Also, mir wäre an deiner Stelle ganz sicher nicht langweilig!“ Isa stieg in ihr Abteil und sah grinsend aus dem Fenster.

Sirrah winkte ihr nach, bis der Zug verschwunden war. Nachdenklich stand sie am Bahnsteig. Wie kam Isa nur darauf, dass sie eifersüchtig sei? So ein Blödsinn! Und überhaupt, wenn ihre Mutter ihr erlaubte, auf die Akademie zu gehen, dann wären solche Dinge ohnehin nicht mehr wichtig.

3. Ferien

Am frühen Morgen klapperte Arneb lautstark mit dem Frühstücksgeschirr. Sirrah vergrub den Kopf unter dem Kissen. Aus ihrem wichtigsten Vorhaben für die Ferien, morgens lange zu schlafen, schien nichts zu werden. Mürrisch tappte sie ins Badezimmer und gönnte sich eine ausgiebige Dusche. Als sie in ihren Wohlfühlklamotten die Wendeltreppe hinunterschlurfte, waren Menkar und Arneb mit dem Frühstück längst fertig.

Menkar goss seiner Tochter eine Tasse Tee ein und legte ihr ein Stück Obstkuchen auf den Teller. „Guten Morgen, du Langschläfer!“, begrüßte er sie fröhlich.

Wie man am frühen Morgen schon so gut gelaunt sein konnte, war Sirrah rätselhaft. „Von wegen Langschläfer. Ihr habt einen solchen Radau veranstaltet, der würde sogar einen Toten aufwecken!“

Arneb schnitt eine Grimasse. „Entschuldigung, dass du dich durch unsere Arbeit belästigt fühlst!“

Sirrah biss lustlos in ihren Kuchen. Sie hasste Gebäck vom Vortag. Die Früchte waren matschig und der Teigboden durchgeweicht.

„Übrigens, eure Mutter hat eine wichtige Aufgabe für dich und Arneb“, erklärte Menkar. „Die Gemüsepflanzen im Gewächshaus sind von Fliegenraupen befallen. Dagegen muss dringend etwas unternommen werden. Also beeil dich mit dem Frühstück, die Raubkäfer warten schon!“

Sirrah verzog das Gesicht. Sicher, die einfachste Methode der Schädlingsbekämpfung war, die Schmarotzer von ihren natürlichen Feinden beseitigen zu lassen. Trotzdem fand sie es grausam. Die Raubkäfer legten ihre Eier in die Fliegenraupen, und wenn die Käferlarve schlüpfte, fraß sie ihren Wirt bei lebendigem Leib auf. So elend sollte niemand zu Grunde gehen, nicht einmal ein Pflanzenschädling.

Sirrah war der Appetit vergangen. Sie ließ den Kuchen liegen und schob den Teller beiseite.

„Schon fertig? Dann könnt ihr ja gleich loslegen!“, stellte Menkar ungerührt fest. Er gab Sirrah und Arneb je einen Korb voller durchsichtiger Behälter, in denen es von schwarzen Käfern nur so wimmelte.

Seufzend machte sich Sirrah auf den Weg. Sie öffnete die Tür des Gewächshauses und stöhnte, als sie die schier endlosen Pflanzenreihen erblickte. Wahrscheinlich würde es den halben Tag dauern, die Raubkäfer zu verteilen.

Draußen rumpelte der Roder über das Rübenfeld. Sirrah sah hinüber. Tihal saß auf dem Fahrersitz und lenkte das lärmende Ungetüm mit einer Hand über die Ackerfurchen. Er trug ein abgetragenes Hemd und dazu eine ausgefranste Hose. Arneb hätte in diesem Aufzug vermutlich nicht einmal den Müll hinausgetragen.

Als ob er ihren Blick gespürt hätte, drehte sich Tihal herum und lächelte sie an. Die gigantische Staubwolke, die ihn einhüllte, schien er nicht wahrzunehmen.

Tihal brachte die Erntemaschine vor den Geschwistern zum Stehen. Er ignorierte die Leitersprossen, die zum Hinabsteigen angebracht waren, und sprang mit einem gewandten Satz hinunter. „Na Sirrah, wie steht’s mit der Revanche?“

Arneb machte ein fragendes Gesicht. „Welche Revanche?“

„Hast du ihm das gar nicht erzählt?“ Tihal sah Sirrah spöttisch an. „Du möchtest wohl keine Zuschauer bei deiner Niederlage haben!“

„Niederlage? Wovon träumst du eigentlich nachts?“

Tihal grinste spitzbübisch. „Na, von dir natürlich!“

„Dann hoffe ich sehr, dass es Albträume sind!“, giftete Sirrah. Doch ohne dass sie es verhindern konnte, machte sich ein seltsames Kribbeln in ihrer Magengegend bemerkbar. Sie fragte sich, wie das möglich war. Tihal gab sich ja nun wirklich keine Mühe, ihr zu gefallen.

„Worum geht’s eigentlich?“, fragte Arneb.

Als Sirrah es ihm erklärte, konnte sie ihm ansehen, wie er mit sich kämpfte. Dass seine Schwester mit ihrer großen Klappe einmal den Kürzeren ziehen könnte, wäre für ihn bestimmt eine Genugtuung. Andererseits ahnte er wohl das Dilemma, das auf ihn zukam. „Lass mich da bloß raus. Ihr fangt immer an zu streiten, und wenn ich nicht auf deiner Seite bin, bist du wieder tagelang sauer auf mich!“

„Sei kein Spielverderber!“

„Ich hab ’nen Haufen Käfer zu verteilen“, murmelte Arneb und verdrückte sich eilig ins Gewächshaus.

Doch so einfach kam er nicht davon. Sirrah ließ Tihal auf dem Acker stehen und stellte ihren Bruder zwischen Bohnenranken und Eierfruchtpflanzen zur Rede.

„Stell dich nicht so an! Da ist doch nichts dabei, wenn du den Schiedsrichter spielst. Außerdem brauche ich dich zum Trainieren!“

„Von wegen, du bist sowieso besser als ich!“

„Damit hast du ausnahmsweise sogar einmal Recht. Aber ich muss gewinnen, das fordert die Familienehre!“

„Du spinnst ja. Es ist doch piepegal, wer von euch besser in diesem blöden Spiel ist!“

Sirrah verkniff sich das Schimpfwort, das ihr auf der Zunge lag. Hier war Taktik gefragt. „Isa wird nicht gerade begeistert sein, wenn ich ihr erzähle, dass du mich im Stich gelassen hast. Schade, ich hätte ihr gerne etwas Nettes über dich gesagt! Ich könnte sie sogar zu uns einladen, wenn wieder Sternschnuppenzeit ist. Dann könnt ihr euch zusammen auf die Terrasse setzen und zusehen. Stell dir nur vor, wie romantisch das wird!“

Sirrah verdrehte die Augen und machte einen Schmollmund, ihrer Meinung nach das typische Aussehen eines schmachtenden Verehrers. Sie wusste, dass jedes Jahr zur Erntezeit ein großer Meteorstrom an ihrer Heimatwelt vorbeizog. Viele dieser Gesteinsbrocken wurden von der Schwerkraft des Planeten eingefangen und verglühten als leuchtende Sternschnuppen in der Atmosphäre. Dieses Feuerwerk am nächtlichen Himmel durften zwei Frischverliebte keinesfalls verpassen.

Arneb begann zu verhandeln. „Das mit dem Schiedsrichter kannst du vergessen. Aber ich trainiere mit dir. Dafür reservierst du mir den Platz neben Isa!“

„Mann, muss Liebe schön sein!“ Sirrah verzog das Gesicht. „Hoffentlich ist das nicht ansteckend!“

Am Ende der Woche hatte sie es geschafft: Das letzte Getreidefeld war abgeerntet. Sirrah parkte den Mähdrescher in der Maschinenhalle und betrachtete die Flut aus Getreidekörnern, die sich aus dem Laderaum in den Container ergoss. Wenn dies nur die letzte Erntezeit wäre, die sie zu Hause verbrachte!

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