Sie selbst störte sich an dieser Mitgift ebenso wenig wie an der Tatsache, dass sich ihr langes Haar nie zu einer ordentlichen Frisur bändigen ließ. An die Frage, ob andere sie hübsch fanden, verschwendete Sirrah keine Gedanken. Solche Unsicherheiten plagten nur das männliche Geschlecht.
Sirrahs Magen knurrte. „Hallo, ist jemand zu Hause?“, rief sie.
„Hier bin ich!“ Das runde Gesicht ihres Vaters erschien in der Durchreiche zur Küche. Seine Wangen waren gerötet, und sein spärliches Blondhaar probte den Aufstand. „Ihr kommt gerade rechtzeitig, das Abendessen ist gleich fertig. Könntest du Arneb sagen, dass er endlich den Tisch decken soll? Dieser Faulpelz hat sich schon wieder verkrümelt!“
„Ich mach das schon!“, rief Isa und sauste die Treppe hinauf.
„Was gibt’s eigentlich zum Essen?“ Sirrah guckte in die Küche. Die Kochexperimente ihres Vaters waren immer für eine Überraschung gut. Sie erinnerte sich an das geschmorte Gemüse, das er an Adharas Geburtstag serviert hatte. Die brennend scharfe Soße hatte ihr und der gesamten Verwandtschaft die Tränen in die Augen getrieben.
Menkar wischte sich die Hände an seiner Schürze ab und begrüßte Sirrah mit einem Lächeln. „Ich hoffe, du hast Appetit auf Gemüseauflauf!“
Sirrah atmete auf. Auflauf gehörte zu den Gerichten, die ihr Vater hervorragend hinbekam. Als er die Ofentür öffnete, stieg Sirrah ein verführerischer Duft in die Nase. Sie spülte sich im Küchenwaschbecken den Staub von den Fingern und schnappte sich einen Löffel. Während sie ein Stück Frühlingsrübe aus dem Auflauf fischte, betraten Isa und Arneb die Küche. Isas Wangen glühten, und Arnebs Gesicht zierte ein glückliches Lächeln.
„Was treibst du nur so lange da oben?“, schimpfte Menkar. „Vor einer halben Ewigkeit habe ich dich gebeten, den Tisch zu decken!“
„Wieso kann Sirrah das nicht mal machen?“
„Weil dasch Jungscharbeit ischt“, nuschelte Sirrah mit vollem Mund.
Arneb holte Geschirr und Getränke aus der Küche und trug sie ins Wohnzimmer. Menkar stellte den dampfenden Auflauf auf den Tisch und häufte jedem eine große Portion auf den Teller. „Lasst es euch schmecken!“
Sirrah ließ sich auf einen Stuhl fallen und schob sich einen Löffel Auflauf in den Mund. "Mmh, lecker!“
Arneb zog die Augenbraue hoch. „Man hört’s!“
„Klappe“, murmelte Sirrah und spülte den Bissen mit einem Schluck Obstsaft hinunter.
„Könnt ihr nicht einmal aufhören mit dem Gezänk?“ Menkar schüttelte den Kopf. „Sirrah, wie war eigentlich dein letzter Schultag?“
„Langweilig.“ Die Schule war das Letzte, worüber sie sich unterhalten wollte. „Wo ist Mutter eigentlich?“
„Wenn du mir hin und wieder zuhören würdest, wüsstest du es. Ich habe dir schon mindestens dreimal erzählt, dass sie auf diesem Landwirtschaftstreffen ist.“ Menkar nahm sich noch eine Portion Auflauf. „Hättest du etwas von ihr gebraucht?“
„Ich wollte sie noch einmal wegen der Akademie fragen!“
Arneb verdrehte die Augen. „Nicht schon wieder!“
Sirrah schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln. Sie ahnte, was ihn wirklich wurmte: Dass seine eigene Zukunft nie zur Debatte stand.
„Isa, was machst du eigentlich nach der Prüfung?“, fragte Arneb.
„Ich gehe auf die Kunsthochschule“, antwortete Isa. „Gestern habe ich die Zusage bekommen.“
Arnebs Gesicht bekam einen wehmütigen Ausdruck. „Ich habe letzte Woche etwas Neues gezeichnet. Möchtest du es dir ansehen?“
„Gerne!“ Wieder hatte Isa diese leichte Röte im Gesicht. Sirrah kicherte, als die beiden nach oben verschwanden.
Menkar sah seine Tochter fragend an. „Weißt du etwas, das ich nicht weiß?“
„Ich glaube nicht, dass du schon ein Rezept für die Hochzeitstorte brauchst“, antwortete Sirrah. „Übrigens, wann kommt Mutter eigentlich wieder?“
„Wenn der Zug pünktlich ist, morgen Mittag.“
Sirrah zog einen Flunsch. „Nie ist sie da, wenn man sie mal braucht!“
„Du weißt, dass sie viel Arbeit hat!“ Eine steile Falte bildete sich auf Menkars Stirn. „Dieser Tatsache verdanken wir unser sorgenfreies Leben. Nicht alle haben so viel Glück. Denk nur einmal an Mizar!“
Sirrah kannte das. Bei solchen Diskussionen musste immer Mizar als mahnendes Beispiel herhalten. Schon oft hatte ihr Vater erzählt, wie verzweifelt Mizar ausgesehen hatte, als er vor fünfzehn Jahren hier aufgetaucht war. Ein Witwer ohne Ausbildung, der ein kleines Kind zu versorgen hatte. Adhara gab ihm trotzdem Arbeit, und seitdem bewohnte er zusammen mit seinem Sohn Tihal ein kleines Haus in der Obstplantage.
Inzwischen war Tihal genauso alt wie Arneb, aber da endeten die Gemeinsamkeiten auch schon. Tihal war anders als alle Jungs, die Sirrah kannte. Weder kümmerte er sich um Benimmregeln, noch interessierte er sich für modische Kleidung. Überhaupt schien er irgendwie nicht in diese Welt zu passen. Sirrah hatte Gerüchte über Tihals Herkunft gehört, doch ihre Mutter war der Meinung, dass es ihm lediglich an Erziehung fehlte. Allerdings sah Tihal ungewöhnlich aus, und dass es ihn und seinen Vater in diese abgelegene Gegend verschlagen hatte, erschien ihr seltsam. Wer zog schon freiwillig in diese Einöde?
Es war fast Mittag, als Adhara nach Hause kam. Sie trug einen ihrer dunklen Hosenanzüge für offizielle Anlässe und zog einen rumpelnden Rollkoffer hinter sich her. Er hinterließ eine deutlich sichtbare Schmutzspur auf den frisch geputzten Bodenfliesen. Menkar lächelte seine Frau nachsichtig an, bevor er mit einem leisen Seufzer einen Putzlappen holte.
Adhara küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange. Dann nickte sie den Mädchen zu, die soeben ihr verspätetes Frühstück beendet hatten. „Na, wie geht’s euch?“
„Bestens!“ Sirrah grinste. „Wir haben uns gestern mit Musik und Süßkram einen schönen Abend gemacht!“
„Da hattet ihr eindeutig mehr Spaß als ich!“ Adhara, der man ihre fünfzig Jahre sonst nicht ansah, wirkte heute müde und gestresst. Auch die grauen Strähnen in ihrem braunen Haar schienen ein wenig zahlreicher geworden zu sein.
„Was gibt es Neues?“, fragte Menkar.
„Nicht viel, außer dass man im Norden den Anbau einer neuen Getreidesorte ausprobiert hat. Hauptsächlich wurde über diese Unruhen gesprochen, die es neulich in der Hauptstadt gegeben hat.“
„Hast du inzwischen noch einmal darüber nachgedacht?“, fragte Sirrah. „Die halten mir den Platz auf der Akademie nicht ewig frei!“
„Ich bin doch gerade erst angekommen“, stöhnte Adhara. „Lass uns später darüber reden. Aber du könntest etwas für mich erledigen.“ Sie drückte Sirrah einen prall gefüllten Stoffbeutel in die Hand. „Ich werde die neue Getreidesorte testen. Möchtest du nicht mit Isa einen Spaziergang machen und das Saatgut Mizar geben? Er soll es auf dem kleinen Feld aussäen.“
Sirrah schluckte ihre Enttäuschung hinunter. Warum hatte ihre Mutter nicht wenigstens ein bisschen Verständnis für sie? Das dämliche Grünzeug war anscheinend alles, was ihr wichtig war.
Lustlos stopfte Sirrah die Getreidekörner in ihre Umhängetasche und machte sich mit Isa auf den Weg. Sie nahmen die Abkürzung durch den Garten, am Gewächshaus vorbei und über das angrenzende Rübenfeld. Dahinter standen in ordentlichen Reihen die Obstbäume, inmitten derer Mizar sein kleines Haus bewohnte.
„Kannst du dich eigentlich noch an Tihal erinnern?“, fragte Sirrah ihre Freundin, während sie über das Rübenfeld stapften.
„Klar. Das ist doch dieser schmächtige Junge, mit dem wir früher manchmal Pi-Tzi-Ball gespielt haben!“
Schmächtiger Junge? Sirrah lächelte in sich hinein. Isa würde sich wundern!
Fünf Minuten später erreichten die Mädchen Mizars Häuschen, dessen weiß getünchte Wände zwischen den Apfelbäumen hervorleuchteten. Es bestand aus drei Zimmern: Einer großen Wohnküche im Erdgeschoss und zwei kleineren Räumen im Obergeschoss, zwischen die noch ein winziges Badezimmer hineingequetscht war. Um etwas zusätzlichen Platz zu schaffen, hatte Mizar vor einigen Jahren eine überdachte Veranda angebaut, die mittlerweile von einer blühenden Kletterpflanze überwuchert war.
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