Die Tür stand offen, und die Mädchen traten ein. Nach dem blendenden Sonnenschein draußen konnten sie in dem dämmrigen Raum kaum etwas sehen. Doch Mizars Wohnküche hätte Sirrah sogar in völliger Dunkelheit erkannt. Der intensive Duft nach Kräutern und Gewürzen war unverwechselbar, die milde Süße getrockneter Apfelblüten vermischte sich mit dem würzigen Aroma wilden Pfeffers.
Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel, und die Einrichtungsgegenstände nahmen Gestalt an: Eine altmodische Küchenzeile, ein schlichter Holztisch mit vier unterschiedlichen Stühlen und eine große Regalwand. Die Dosen und Schachteln, die sich auf den Brettern stapelten, waren mit getrockneten Kräutern, Wurzeln und Rinden verschiedenster Arten gefüllt. Mizar kurierte damit alle möglichen Krankheiten. Sirrah konnte sich nicht erinnern, dass er oder sein Sohn jemals eine Arztpraxis aufgesucht hätte. Sie fand es ein wenig seltsam, dass sich die beiden so konsequent von sämtlichen öffentlichen Einrichtungen fernhielten.
Sirrah mochte dieses Haus. So hatte sie sich als Kind die Häuser der Zauberer und Feen aus ihren Märchen vorgestellt. Mizar hatte jedoch nichts mit einem unheimlichen Magier gemeinsam. Er war ein kräftiger Mann und von der ständigen Arbeit im Freien so braun gebrannt, dass seine Haut beinahe dieselbe dunkle Farbe wie das Holz der Obstbäume hatte. Die hellen Haare auf seinem Kopf wurden zu seinem Leidwesen jedes Jahr weniger, seine blauen Augen blitzten jedoch noch immer so jugendlich wie früher.
Als Mizar die Mädchen rufen hörte, kam er von der Veranda herein und lächelte sie freundlich an. „Kann ich euch etwas anbieten?“
„Eigentlich haben wir gerade erst gefrühstückt.“ Sirrah gab ihm den Beutel mit den Getreidekörnern. „Meine Mutter schickt mich. Du sollst das Saatgut auf dem kleinen Feld aussäen.“
„Mach ich“, versicherte Mizar. „Ihr könnt aber doch nicht schon wieder gehen. Trinkt wenigstens eine Tasse Tee mit mir. Ein alter Knabe wie ich bekommt ja leider nicht so oft Besuch von jungen Damen!“
Er holte eine grüne Kanne und dazu Tassen in verschiedenen anderen Farben. Sirrah unterdrückte ein Grinsen. Ihr Vater hätte niemals ein solches Durcheinander auf dem Tisch geduldet.
Mizar schienen solche Details nicht zu stören. Er goss den dampfenden Kräutertee ein und stellte eine Schale mit Gebäck auf den Tisch. Die Mädchen setzten sich auf die Holzstühle, die genauso wenig zueinander passten wie die Tassen, und tranken den aromatischen Kräutertee. Dazu knabberten sie die knusprigen Kekse, die nach einem Hauch Minze schmeckten.
Die Mittagshitze trieb auch Tihal nach Hause. Er hatte kein Hemd an und stapfte, nur mit einer ausgefransten Hose und einem Paar abgetragener Schuhe bekleidet, in die Küche. Schwungvoll wuchtete er einen riesigen Korb voller Äpfel auf die Anrichte.
Isa starrte ihn überrascht an. Aus dem schlaksigen Jungen, der Unmengen von Essen verputzen konnte und doch nie zuzunehmen schien, war ein gut aussehender junger Mann geworden. Er hatte von der Feldarbeit kräftige Muskeln bekommen und war ebenso groß und sonnengebräunt wie sein Vater. Nur die strahlend blaue Augenfarbe hatte er nicht von ihm geerbt. Tihals mandelförmige Augen waren genauso dunkel wie sein tintenschwarzes Haar. Es schien, als würden seine Augen das einfallende Licht geradezu verschlucken.
„Sieh an, wir haben Besuch! Einen schönen guten Tag, die Damen“, begrüßte Tihal die Freundinnen.
„Hallo, Tihal“, sagte Isa lahm. Sie verschluckte sich an ihrem Kräutertee, und ein feines Rinnsal lief über ihr Kinn.
„Isa, mach den Mund wieder zu! Du wirst Arneb doch nicht untreu werden“, stichelte Sirrah. Irgendetwas an Isas Gesichtsausdruck störte sie.
„Eifersüchtig?“ Tihal grinste Sirrah herausfordernd an. „Bevor ich die Damen noch restlos verwirre, hole ich mir lieber etwas zum Anziehen!“
„Bilde dir bloß nichts ein!“, rief Sirrah ihm hinterher.
Zweifellos fehlte es ihm nicht nur an Erziehung, sondern auch an Bescheidenheit.
„Was sich neckt, das liebt sich, heißt es immer“, sagte Mizar zu Isa. „Wenn das stimmt, dann hat es Sirrah schlimm erwischt. Einmal hat sie sogar Juckkäfer in Tihals Bett versteckt.“
Isa gluckste vor Vergnügen.
„Da war ich erst zehn!“ Sirrah verzog das Gesicht. Musste Mizar unbedingt diese uralte Geschichte aufwärmen? „Außerdem hat er beim Pi-Tzi-Spielen geschummelt, da ist Rache erlaubt!“
„Ist doch gar nicht wahr!“ Tihal kam in einem frischen Hemd die Treppe herunter. „Die Einzige, die dabei immer mogelt, bist du!“
„Du kannst es nur nicht ertragen, dass ich besser spiele als du!“
„Ich stehe jederzeit zur Verfügung! Dann kannst du beweisen, dass du auch ohne Schummeln gewinnst!“
„Du wirst dein blaues Wunder erleben!“, brummte Sirrah.
„Wir werden sehen.“
„Nächste Woche, abgemacht?“ Irgendjemand musste diesen Kerl in seine Schranken weisen. Im nächsten Moment bereute es Sirrah, dass sie sich zu dieser Dummheit hatte hinreißen lassen. Sie nahm sich vor, mit Arneb zu trainieren. Gegen Tihal ein Pi-Tzi-Spiel zu verlieren wäre eine zu große Blamage.
„Darf ich zusehen?“, fragte Isa.
Das fehlte gerade noch. „Wir müssen leider los!“ Sirrah stand auf und zog ihre Freundin vom Stuhl.
„Warte, ich gebe dir noch einige von den neuen Äpfeln für deine Mutter mit“, sagte Mizar. „Aber esst sie unterwegs nicht alle auf!“
„Ich bin doch nicht Tihal und denke den ganzen Tag nur ans Essen!“
„Stell dir vor, ich denke hin und wieder auch an etwas anderes!“
„Kümmere du dich um deine Obstbäume und überlasse das Denken den Frauen!“
„Jetzt hört schon auf, ihr beiden!“ Mizar gab Sirrah einige Äpfel, die sie in ihrer Tasche verschwinden ließ. „Sag deiner Mutter einen schönen Gruß von mir!“
Sirrah nickte und machte sich mit Isa auf den Weg. Da sie es nicht wirklich eilig hatten, unternahmen sie noch einen Spaziergang durch das Wäldchen hinter der Obstplantage. Es war ein Überbleibsel der endlosen Wälder, die sich einst über die gesamte Tiefebene erstreckt hatten. Die Stämme der Urwaldriesen wirkten wie die Säulen einer Kathedrale, deren Gewölbe aus armdicken Ästen und einem undurchdringlichen Blättergewirr bestand. Die Flechten, die wie wirres Haar von den Ästen hingen, verliehen dem Wald ein verwunschenes Aussehen.
Früher hatte Sirrah ihn deshalb ein wenig unheimlich gefunden. Doch gerade die Hoffnung, dass sich womöglich etwas Gruseliges darin verbergen mochte, hatte sie immer wieder hinein gelockt. Hier draußen war es für sie der einzige Ort, der ein wenig Spannung verhieß.
Sirrah kannte einen schmalen Pfad, der sich zwischen den Farnbüscheln hindurchwand. Unter dem schützenden Blätterdach war es kühler als auf den schattenlosen Feldern, und es roch angenehm nach Moos und Pilzen.
Der Weg führte an einem Teich vorbei, dessen glitzernde Oberfläche zu einem Bad einlud. Die beiden Mädchen beschlossen, eine Rast zu machen und den Geschmack der Äpfel zu testen. Sie setzten sich auf den hölzernen Steg und tauchten die Zehen ins kalte Wasser.
Genüsslich biss Isa in das saftige Fruchtfleisch. „Also, Tihal hat mit dem dünnen Kerlchen, das er früher einmal war, ja nicht mehr viel gemeinsam“, stellte sie kauend fest.
„Das habe ich gemerkt, dir sind ja beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen!“
„Na und? Bist du etwa doch eifersüchtig?“
„Du spinnst ja. Diese Nervensäge hat mir gerade noch gefehlt!“
„Warum reagierst du dann so komisch?“
„Ich bin gar nicht komisch! Ich will nur nicht über ihn reden, er geht mir sowieso schon ständig auf den Keks. Er ist so, ach, ich weiß auch nicht. Irgendwie anders als Jungs sein sollten.“ Sirrah wusste nicht, wie sie es Isa erklären sollte. „Liegt vielleicht daran, dass er nicht ganz so ist wie wir.“
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