Sirrah erwachte von den üblichen Geräuschen im Haus: Geschirrgeklapper und Stimmen, die sich etwas zuriefen.
Seufzend schwang sie ihre Beine über den Bettrand. Irgendetwas war doch heute los. Natürlich, Isa kam zu Besuch. Und am Abend würde es Sternschnuppen regnen!
„Guten Morgen, Arneb!“ Sirrah setzte sich an den Frühstückstisch und nahm sich ein Stück Früchtebrot. „Würde es dir etwas ausmachen, Isa von der Haltestelle abzuholen?“
„Wenn du möchtest.“ Arneb warf ihr einen argwöhnischen Blick zu. Die Sache musste einen Haken haben.
„Wenn du keine Zeit hast, gehe ich selbst!“
„Kein Problem, ich bin fast fertig!“ Flink wie ein Pfeifhase verschwand Arneb in der Küche.
Menkar unterdrückte ein Grinsen.
„Ist Mutter schon wieder unterwegs?“, fragte Sirrah ihren Vater.
„Sie wollte zur Landwirtschaftsvereinigung, wegen der Helfer für die Obsternte. Vielleicht hast du Glück und sie schicken uns ein paar hübsche junge Männer!“
„Könnt ihr nicht endlich damit aufhören, mich zu verkuppeln?“
„Ich vergaß, dein Herz ist ja schon vergeben!“
„Da ist gar nichts vergeben. Ich möchte zur Raumflotte, oder hast du das schon vergessen?“
„Ich hatte gehofft, das legt sich wieder!“
Sirrah seufzte. Ihr Vater konnte sich vermutlich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie sehr sie sich nach einem anderen Leben sehnte. Sie kam sich vor wie der Vogel ihrer Großmutter. Er lebte zwar in einer riesigen Voliere, in der sogar Platz zum Fliegen war. Trotzdem kam er nie hinaus.
„Ihr habt doch alle keine Ahnung“, sagte sie trotzig. „Ich könnte dort eine glanzvolle Karriere machen!“
„Meinst du nicht, das könnte ein wenig einsam werden?“, fragte Menkar. „Und Tihal wäre bestimmt auch nicht begeistert, wenn du von hier weggehst.“
„Was versteht der schon davon“, brummte Sirrah.
Die Haustür fiel rumpelnd ins Schloss. Arneb und Isa betraten kichernd das Wohnzimmer. Zweifellos war Isa die Einzige, die Arnebs Scherze witzig fand.
„Hallo Sirrah!“, rief Isa. „Na, wie geht’s dir?“
„Mir graust es jetzt schon vor der Büffelei!“ Sirrah zog die Nase kraus. „Möchtest du vorher noch eine Tasse Tee?“
Isa schüttelte den Kopf. „Bringen wir es so schnell wie möglich hinter uns!“
Sirrah schaltete ihren Bildschirm an. „Womit fangen wir an, Mathe oder Physik?“
Isa verzog das Gesicht. „Das ist wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera!“ Schließlich entschied sie sich für Physik. Die Differentialgleichungen zur Berechnung von Fallgeschwindigkeiten waren etwas, das Isa sich partout nicht merken konnte.
Am Nachmittag konnte Isa mit ihrem Wissen glänzen. Angestrengt versuchte Sirrah, Isas Vortrag über die berühmten Anführerinnen vergangener Tage zu folgen. Wie konnte sich Isa diesen ganzen Quatsch nur merken?
Nur mühsam unterdrückte Sirrah ein Gähnen. „Sag mal, was weißt du eigentlich über die Bewohner von Nardo?“
Isa sah ihre Freundin irritiert an. „Hörst du mir überhaupt zu?“
„Schon, das ist mir nur gerade so eingefallen!“
„Besonders viel geben die Datenbanken dazu nicht her. Wie du hoffentlich selbst weißt, stammen sie von denselben Vorfahren ab wie wir. Allerdings sind sie im Gegensatz zu uns fürchterliche Barbaren. Stell dir nur vor, sie züchten Tiere, um sie zu essen! Außerdem sind sie nicht gerade friedlich. Vor einem halben Jahrhundert haben sie wegen einiger Grenzstreitigkeiten beinahe einen Krieg mit uns angefangen!“
„Wenn sie es schaffen, Raumschiffe zu bauen, können sie nicht völlig unzivilisiert sein“, schlussfolgerte Sirrah.
„Seit wann interessierst du dich eigentlich so für unseren Nachbarplaneten? Glaubst du etwa diese Gerüchte über Tihal?“
„Keine Ahnung.“ Sirrah zuckte ratlos mit den Schultern. „Übrigens hat er mich gefragt, ob ich heute Abend mit ihm zusammen die Meteoriten beobachten möchte.“
„Und, gehst du?“
„Ich weiß auch nicht. Irgendwie geht mir das alles zu schnell!“
„Du solltest endlich herausfinden, was du für ihn empfindest!“
„Wäre es sehr unhöflich von mir, dich abends mit Arneb allein zu lassen?“
Isa kicherte. „Ich werde mich schon nicht langweilen!“
Die Mädchen beschlossen, mit dem Lernen aufzuhören. Draußen dämmerte es bereits, und Isas Magen knurrte.
„Sehen wir nach, wie weit das Abendessen ist“, schlug Sirrah vor. „Arneb hat bestimmt was Leckeres für dich gezaubert!“
Sirrah lag mit ihrer Vermutung richtig. Ihr Bruder hatte bereits den Tisch gedeckt, und aus der Küche drang ein verführerischer Duft.
Nach dem Hauptgang setzten sich alle auf die Terrasse, wo Arneb den Nachtisch servierte. Er brachte ein großes Tablett voller Törtchen, die er liebevoll mit Früchten und Streuseln garniert hatte.
„Isa, du kannst gerne öfter zu uns kommen“, sagte Menkar lächelnd. „Sonst ist Arneb nämlich nicht so fleißig. Da muss man ihm in den Hintern treten, damit er wenigstens einen einfachen Rührkuchen macht!“
Arneb überhörte die Bemerkung seines Vaters. Er setzte sich neben Isa auf eine Gartenbank und warf ihr verliebte Blicke zu, während sie seine Backkünste lobte.
„Die sind wirklich nicht übel!“, sagte Sirrah nach dem dritten Törtchen. „Falls ihr beide einmal heiraten solltet, wird Isa auseinandergehen wie Brotteig!“
„Das glaube ich kaum. Sie ist nämlich nicht so verfressen wie du!“, stichelte Arneb.
„Du solltest endlich lernen, die Klappe zu halten. Sonst wirst du nie ein perfekter Ehemann, und Isa lässt dich sitzen!“
„Könnt ihr euch nicht einmal vertragen?“, stöhnte Isa.
Sirrah grinste. „Du möchtest doch gerne zu dieser nervtötenden Familie gehören. Also gewöhne dich lieber gleich dran!“
Inzwischen war es dunkel geworden. Sirrah stand auf und begann, im Dielenschrank zwischen Schuhen und Putzmitteln herumzuwühlen. Eine Metalldose fiel scheppernd zu Boden. Sirrah fluchte leise. „Wo habt ihr nur wieder die Taschenlampe hingeräumt?“
„Die muss irgendwo im Schrank sein!“, rief Menkar aus dem Garten. „Wozu brauchst du sie?“
„Tihal hat mich eingeladen.“
„Ausgerechnet heute, wo deine Freundin zu Besuch ist?“
Sirrah war endlich fündig geworden und probierte die Lampe aus. „Arneb ist ja da. Isa fühlt sich also bestimmt nicht einsam!“
„Aber du anscheinend“, bemerkte Arneb grinsend.
„Das geht dich gar nichts an!“ Sirrah verdrehte die Augen. „Außerdem ist es nur ein Besuch aus reiner Höflichkeit!“
„Ich wünsche dir trotzdem einen schönen Abend!“, sagte Menkar lächelnd.
Sirrah knipste seufzend die Lampe an und machte sich auf den Weg. Warum musste diese Familie sich nur ständig in alles einmischen? Hin und wieder wäre es wirklich praktisch, Einzelkind und Halbwaise zugleich zu sein.
Mit flotten Schritten marschierte Sirrah über das abgeerntete Feld. Bald tauchten im Schein ihrer Lampe die ersten Obstbäume auf, und fünf Minuten später hatte sie Mizars Haus erreicht.
„Schön, dass du uns besuchen kommst!“, sagte Mizar. „Möchtest du eine Tasse Tee?“
Sirrah stieg die wenigen Stufen zur Veranda hinauf. „Ja, gern!“
Mizar verschwand im Haus, und Sirrah setzte sich neben Tihal auf Mizars selbst gezimmerte Holzbank.
Tihal grinste über das ganze Gesicht. „Ich wusste, dass du mir nicht widerstehen kannst!“
„Bilde dir bloß nichts ein!“ Sirrah verspürte den Wunsch, ihm wie eine Vierjährige die Zunge herauszustrecken. „Ich komme nur, weil ich nicht dabei zusehen möchte, wie Arneb und Isa sich anhimmeln!“
„Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich dich ein bisschen anhimmle!“
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