Mizar brachte Sirrah eine Tasse Gewürztee. „Ihr zankt euch doch hoffentlich nicht schon wieder!“
„Wir doch nicht!“
„Dann bin ich ja zufrieden“, sagte Mizar. „Was habe ich mit euch beiden nicht schon alles erlebt!“
„Weißt du noch, als sie mir die Farbe in die Haare gesprüht hat?“, erinnerte sich Tihal. „Es hat Wochen gedauert, bis die wieder rausging!“
„Ich finde, dass dir das Grün sehr gut gestanden hat“, bemerkte Sirrah schmunzelnd.
„Seht“, rief Mizar. „Die erste Sternschnuppe!“
Sirrah und Tihal blickten zum Himmel. Die Ankunft der Meteoritenschauer war jedes Jahr ein besonderes Ereignis. Hunderte davon verglühten in der Atmosphäre, und jeder hoffte, möglichst viele dieser Sternschnuppen zu sehen.
„Ich habe auch eine gesehen!“, rief Tihal.
„Dann hast du einen Wunsch frei! Allerdings darfst du nicht sagen, was es ist. Sonst geht er nicht in Erfüllung.“
Tihal sah Sirrah in die Augen. „Du weißt, was ich mir wünsche!“
„Ich bin mir nicht sicher, ob es dann auch funktioniert“, murmelte Sirrah verlegen.
„Da, noch eine!“, rief sie.
„Hast du dir auch etwas gewünscht?“, fragte Mizar.
Sirrah nickte.
„Ich hoffe, dass dein Wunsch in Erfüllung geht“, sagte Mizar. „Ich nehme an, ihr seid mir nicht böse, wenn ich mich schlafen lege. Ich habe morgen viel Arbeit!“
Sirrah und Tihal wünschten ihm eine gute Nacht. Eine Weile hörten sie ihn noch im Haus rumoren, dann löschte er das Licht. Die beiden saßen allein im Dunkel auf der Veranda und zählten Sternschnuppen, die wie ein glühender Funkenregen vom Nachthimmel fielen. Nach einiger Zeit rutschte Sirrah unruhig auf der Bank herum und griff nach ihrer Lampe.
„Du willst doch wohl nicht schon gehen?“, fragte Tihal.
„Ich muss ja noch nach Hause laufen!“
Tihal sah sie mit einem erwartungsvollen Blick an. „Bitte, bleib noch ein wenig hier!“ Sanft berührten seine Fingerspitzen ihre Wange.
“Was machst du denn da?“, flüsterte Sirrah.
„Ich weiß nicht. Eigentlich warte ich darauf, dass du endlich etwas machst. Aber ich fürchte, vorher werde ich alt und grau!“
Unsicher strich Sirrah über Tihals Haar. Der wirre Schopf fühlte sich unerwartet weich an, wie die Blätter des Seidenfarnes. Sirrah schloss die Augen. Irgendwie trafen ihre Lippen auf seine. Sie war sich nicht sicher, wer hier nun eigentlich wen geküsst hatte, aber letztendlich war es ihr auch egal. Alles, was sonst ständig in ihrem Kopf herumspukte, war plötzlich weit weg. Die wenigen noch arbeitenden Gehirnzellen ließen sie vermuten, dass Küssen womöglich eine Art Blutleere im Kopf verursachte, die einem auf wundervolle Weise den Verstand raubte.
Langsam öffnete Sirrah ihre Augen und blickte in die von Tihal. Im fahlen Sternenlicht erschienen sie ihr noch dunkler als sonst. Sie erinnerten Sirrah an jene geheimnisvollen schwarzen Löcher, die im Zentrum beinahe jeder Galaxie zu finden waren und um die alle Sterne kreisten, bis sie irgendwann hineingezogen und unwiderruflich verloren waren. Für einen Moment wünschte sie sich, an einem Ort wie in diesen Schwerkraftfallen zu sein. Denn dort, wo Raum und Zeit aufhörten zu existieren und Sekunden zur Unendlichkeit wurden, würde dieser rauschhafte Zustand ewig andauern.
Sirrah hatte es geahnt. Ihr klopfendes Herz und ihr rasender Puls brachten ihr das Bewusstsein viel zu schnell zurück. Zu den auf sie einstürmenden Gedanken gesellte sich auch die leidige Frage, was in aller Welt sie jetzt nur sagen sollte. Vermutlich war das der Grund, warum sich Verliebte so oft küssten. Man musste nichts sagen und konnte damit doch all das ausdrücken, wofür man keine Worte fand.
„Kaum zu glauben, wie schnell das mit dem Wunsch funktioniert hat!“ Tihal lächelte Sirrah überglücklich an. Er sah aus wie ein Kind, das nach langer Zeit vergeblichen Wartens endlich das ersehnte Geschenk bekommen hat.
„Ich darf doch, oder?“ Er wartete ihre Antwort nicht ab, legte den Arm um sie und lehnte mit einem zufriedenen Seufzer seinen Kopf an ihren.
Verliebtsein ist ein schönes Gefühl, dachte Sirrah. Es fühlte sich wegen ihrer glühenden Wangen und dem Herzrasen zwar beinahe wie eine Krankheit an, nur dass sie von dieser Krankheit möglichst niemals geheilt werden wollte. Sie spürte seinen Arm an ihrer Taille und genoss das feurige Schauspiel der Meteoriten, die noch immer in der Atmosphäre verglühten.
„Ich hoffe, dein Wunsch geht auch in Erfüllung“, flüsterte Tihal.
Etwas in Sirrah verkrampfte sich. Tihal hatte von ihren Plänen keine Ahnung. Wie würde er reagieren, wenn sie ihm sagte, dass sie möglicherweise bald von hier wegging? In ihrer Vorstellung sah sie bereits sein unglückliches Gesicht. Ein wenig fühlte sie sich wie eine Verräterin.
„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte Sirrah.
„Keine Ahnung“, murmelte Tihal. „Wen interessiert das schon?“
„Irgendwann muss ich nach Hause gehen!“
„Aber jetzt doch noch nicht!“
„Die anderen werden bestimmt schon auf mich warten. Glaub mir, es macht keinen guten Eindruck, wenn ich noch allzu lange hier bleibe. Ich kann mir die blöden Sprüche schon lebhaft vorstellen!“
„Dann bleib hier und warte, bis alle schlafen. Oder geh erst nach dem Frühstück nach Hause. Ich würde sogar ausnahmsweise mein Bett mit dir teilen und versprechen, dass ich nicht schnarche!“
„Du bist unmöglich!“
Tihal grinste. „Was machst du morgen, hast du Zeit?“
„Ich denke schon, wenn Isa wieder nach Hause gefahren ist. Und was ist mit dir, hast du gar nichts zu tun?“
„Die Obsternte beginnt ja erst in paar Tagen. Und für dich habe ich immer Zeit!“
Sirrah wand sich aus Tihals Arm. „Ich muss jetzt wirklich los!“
Er fasste sie an der Hand. „Ich begleite dich noch ein Stück!“
Sie machten sich auf den Weg und überlegten lachend, was Isa und Arneb wohl den ganzen Abend gemacht hatten.
Vor dem Garten blieb Sirrah stehen. „Gute Nacht“, flüsterte sie. Sie wandte sich um, doch Tihal hielt ihre Hand fest.
„Was ist denn?“
Er fasste auch nach ihrer anderen Hand. „Du willst mich doch nicht schon wieder ohne Abschiedskuss stehen lassen?“
Sirrah lächelte. „Du hast doch heute schon einen Kuss bekommen. Hat dir das nicht gereicht?“
Tihal zog Sirrah näher zu sich heran. „Nein, hat es nicht!“
Grinsend drückte ihm Sirrah einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.
„War das etwa schon alles?“, fragte Tihal enttäuscht.
„Dann hast du etwas, worauf du dich freuen kannst“, neckte ihn Sirrah. „Bis morgen, und träum was Schönes!“
„Ich werde kein Auge zu bekommen!“ Nur widerstrebend ließ er ihre Hand los. „Also dann, bis morgen!“
Kurz darauf hatte ihn die Dunkelheit verschluckt.
Irgendetwas war anders als sonst. Sirrah drehte sich auf die linke Seite. Isa lag neben ihr auf der Matratze und sah genauso unausgeschlafen aus, wie Sirrah sich fühlte.
„Guten Morgen“, nuschelte Isa. Doch es war nicht die Anwesenheit ihrer Freundin, die Sirrah als ungewöhnlich empfand. Es war die Stille im Haus.
Waren Arneb und Menkar womöglich noch im Bett? Sirrah schlich die Treppe hinunter. Doch, in der Küche rührte sich etwas!
„Guten Morgen!“, rief Sirrah. „Warum seid ihr so still, hat es euch die Sprache verschlagen?“
Arneb steckte den Kopf durch die Durchreiche. „Du wirst nicht glauben, was passiert ist! Es gab einen Anschlag, auf den Bahnhof in der Hauptstadt!“
Das Blut wich aus Sirrahs Gesicht. „Ist Mutter etwas passiert?“ Dass jemandem aus ihrer Familie etwas zustoßen könnte, war ihr bisher noch nie in den Sinn gekommen.
„Es geht ihr gut!“, beruhigte sie Menkar. „Sie hat mir vorhin eine Nachricht geschickt. Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis sie eine Zugverbindung bekommt!“
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