Während die beiden Sonnen hinter den Bäumen verschwanden, kuschelte sich Sirrah in Tihals Arme. Beide sahen dem Farbenspiel des Abendhimmels zu, auf dem sich hinter einer einsamen Wolke das flammende Orange langsam in ein fahles Violett und schließlich in ein dunkles Nachtblau verwandelte. Die ersten Sterne zeigten sich. Zuerst glommen nur einige verstreute Pünktchen, doch nach einiger Zeit überzog eine strahlende Galerie den gesamten Nachthimmel.
Sirrah erinnerte sich an die Geschichten, die Mizar über die Sternbilder erzählt hatte, als sie und Tihal noch Kinder waren. „Wer wohl auf den Planeten wohnt, die zu diesen Sternen gehören?“, fragte sie.
„Mit Sicherheit niemand, der so sehr verliebt ist wie ich“, flüsterte Tihal. „Du hast mir mein Herz gestohlen! Damit du das nicht vergisst, möchte ich dir etwas geben, das dich immer daran erinnert!“
Er drückte Sirrah einen kleinen, in ein buntes Stückchen Stoff gewickelten Gegenstand in die Hand. Als sie den Stoff auseinanderfaltete, kam ein glänzender, beinahe vollkommen wie ein Herz geformter Stein zum Vorschein.
„Danke!“ Sirrah war überrascht. Mit einem Geschenk hatte sie nicht gerechnet.
Sanft strich sie über die glatte Oberfläche des Steines. Er war so dunkel wie Tihals Augen, die sich unübersehbar von denen aller anderen Bewohner dieses Planeten unterschieden. War an den Gerüchten doch etwas Wahres? „Weißt du, was mich schon immer interessiert hat? Ich meine, du siehst deinem Vater unheimlich ähnlich. Nur deine Augenfarbe ist vollkommen anders. Hast du sie von deiner Mutter geerbt?“
Tihal zögerte ein wenig mit seiner Antwort. „Leider kann ich mich nicht an sie erinnern. Ich war noch sehr klein, als sie starb. Mein Vater hat aber eine Aufzeichnung von ihr. Auf den Bildern hat sie genauso dunkle Augen wie ich.“ Er lächelte Sirrah unergründlich an. „Deine grünen finde ich allerdings viel schöner!“
Er lieferte keine weitere Erklärung. Und wenn schon, dachte Sirrah. Irgendwann würde sie es schon herausfinden. Inzwischen war es spät geworden. Sie musste sich verabschieden.
„Ich hasse es, wenn du nach Hause gehst“, seufzte Tihal. „Jetzt liege ich wieder die halbe Nacht wach und komme um vor Sehnsucht!“
Sirrah schnitt eine Grimasse. „Mit deiner Dramatik könntest du glatt zum Theater gehen!“
„Keine schlechte Idee!“ sagte Tihal grinsend. „Die Damen würden mir zu Füßen liegen, und du wärst hoffentlich furchtbar eifersüchtig!“
„Das würde dir so passen!“ Sirrah gab ihm einen Stoß in die Rippen. „Sei nicht so frech! Sonst bekommst du wieder keinen Abschiedskuss.“
„Stell dir vor, ich frage erst gar nicht!“ Tihal hielt Sirrah fest und küsste sie blitzschnell. Als er sie wieder losließ, wich er geschickt ihrem Schlag aus.
„Hau bloß ab, bevor ich dir die Ohren langziehe!“, rief Sirrah. Tihal machte sich lachend aus dem Staub.
Du hättest es ihm sagen sollen, mahnte die Stimme der Vernunft.
Morgen ist auch noch ein Tag, sagte der innere Schweinehund.
Kaum war es hell, klopfte Menkar an ihre Tür.
„Nur noch fünf Minuten!“, murmelte Sirrah. Konnte man diese dämlichen Äpfel nicht eine Stunde später pflücken? Die liefen doch nicht weg!
Als Arneb loszog, um die Erntehelfer abzuholen, saß Sirrah noch immer muffig am Frühstückstisch. Menkar schien dagegen bester Laune zu sein. In blumigen Worten malte er seiner Tochter aus, welch hübsche Jungs ihr bestimmt gleich ins Haus schneien würden. Sirrah verdrehte die Augen. Wer interessierte sich zu dieser Unzeit schon für Jungs?
Trotzdem war sie enttäuscht, als Arneb die beiden Männer vorstellte. Atik und Errai waren zwei heruntergekommene Gestalten, deren Jugend ebenso lang zurücklag wie ihr letztes Bad. Atik, der kleinere der beiden, machte zudem nicht den Eindruck, als würde er für schwere Arbeit taugen. Seine mageren Arme hingen genauso schlaff hinunter wie seine aschblonden Haare, die ihm in fettigen Strähnen ins Gesicht fielen.
Errai war zwar kräftiger, allerdings hätte auch ihm etwas Körperpflege nicht geschadet. Sein braunes Haar war struppig, und die buschigen Augenbrauen verliehen ihm ein finsteres Aussehen. Außerdem verströmte er einen eigentümlichen Geruch nach Desinfektionsmittel und alten Socken.
Nachdem Atik und Errai nicht besonders gesprächig waren, sparte sich Adhara die üblichen Höflichkeitsfloskeln und schickte die beiden kurzerhand zu Mizar. Je früher sie mit der Arbeit begannen, desto besser. Arneb riss die Terrassentür auf und atmete tief durch.
„Von wegen, hübsche Jungs!“ Sirrah schnitt eine Grimasse. „Mit denen könnte man Pfeifhasen verscheuchen!“
„Ist doch egal, wie sie aussehen“, meinte Adhara schulterzuckend. „Sie sind schließlich zum Arbeiten und nicht zum Ansehen hier!“
Tihal steckte den Kopf zur Terrassentür herein. „Wer ist zum Arbeiten und nicht zum Ansehen da?“
„Du bist selbstverständlich für beides gut“, flachste Sirrah. „Was suchst du eigentlich hier?“
Tihal grinste sie an. „Ich soll die Baumrüttler holen und könnte dabei etwas Hilfe brauchen!“
Günstige Gelegenheiten sollte man nicht ungenutzt verstreichen lassen! Sirrah verschwand mit Tihal in der Maschinenhalle und küsste ihn, kaum dass sie außer Sichtweite waren.
„Hast du auch so schlecht geschlafen?“, fragte Tihal. „Ich habe dich so vermisst, dass ich kein Auge zubekommen habe!“
„Du Armer!“ Sirrah strich Tihal lächelnd übers Haar. „Dann sollten wir besser die Baumrüttler holen, bevor du noch aus Entkräftung zusammenbrichst!“
In der Halle warteten zwei dieser Maschinen auf ihren Einsatz. Ihre Funktionsweise war ebenso einfach wie wirkungsvoll. Mittels eines Gurtes, der um den Stamm geschlungen wurde, versetzten sie die Bäume in Schwingungen. Die herunterfallenden Früchte landeten sanft in den darunter aufgespannten Netzen. Von dort rollte das Obst in eine Sammelvorrichtung, die man bequem in einen Container umfüllen konnte.
Sirrah ließ die Rüttler auf eine Transportplattform fahren. Ihre Finger huschten über das Display der Steuerkonsole, worauf sich die Plattform einen halben Meter in die Luft hob. Durch einen weiteren Tastendruck setzte sich der Lastentransporter allmählich in Bewegung. Sirrah steuerte ihn zur Obstplantage, wo die Arbeiter bereits auf ihren Einsatz warteten.
Den ganzen Vormittag fuhren sie mit den Rüttlern durch die Baumreihen, während Sirrah und Arneb die Sammelbehälter leerten und die Früchte in bereitstehende Container kippten. Gegen Mittag wischte sich Sirrah zum wohl hundertsten Mal den Schweiß von der Stirn. Sie hatte aufgehört zu zählen, irgendwann im Laufe des Vormittags.
Als ihr Vater zur Mittagspause einen Imbiss und kalte Getränke brachte, erschien ihr die Kühlbox wie eine Oase in der Wüste. Sirrah setzte sich neben Tihal in den Schatten. Irgendwo aus der Ferne ertönte leises Donnergrollen. Ein Gewitter um diese Jahreszeit? Das verhieß nichts Gutes. Sirrah suchte am Horizont nach Wolken, doch es war nichts zu sehen.
Am Abend fühlte sie sich wie gerädert. Nicht einmal eine kalte Dusche konnte ihre bleierne Müdigkeit vertreiben. Sirrah schlurfte auf die Terrasse, wo Menkar bereits den Tisch für das gemeinsame Abendessen hergerichtet hatte. Sie ließ sich neben Tihal auf einen Stuhl fallen und verzog das Gesicht. „Den ganzen Tag darf man schuften, und zur Belohnung gibt es Eintopf!“
Arneb knallte den Schöpflöffel auf den Tisch. „Vielleicht bekommst du auf deiner Akademie ja was Besseres!“
Sirrah hielt den Atem an. Es kam ihr so vor, als stünde sie im Epizentrum eines Erdbebens, dessen zerstörerische Schockwellen sich unaufhaltsam in alle Richtungen ausbreiteten. Dann ein Funken Hoffnung. Vielleicht hatte Tihal nicht zugehört. In Zeitlupentempo wanderten ihre Augen zur Seite.
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