Petra Gugel - Sirrah

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In ferner Zukunft leben zwei junge Menschen auf einer matriarchalen Welt: Sirrah, Tochter einer Gutsbesitzerin, und Tihal, Sohn eines Landarbeiters. Während Sirrah alle Wege offen stehen, bleibt Tihal nur das Leben auf den Feldern. Tihal umgibt ein Geheimnis, das Sirrahs Interesse weckt. Die beiden kommen sich näher, ihre Liebe zerbricht jedoch an Sirrahs Zukunftsplänen. Als Sirrah eine Karriere bei der Raumflotte anstrebt, verlässt Tihal seine Heimat und schließt sich einer Rebellengruppe an. Zunächst verdrängt Sirrah die Ungerechtigkeit des Gesellschaftssystems und stürzt sich mit Eifer in ihre Ausbildung. Als sie jedoch herausfindet, dass Tihal die Zwangsarbeit auf einem unwirtlichen Planeten droht, schmiedet sie einen waghalsigen Fluchtplan.

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Das Rauschen des Korns übertönte seine leisen Schritte. „Na, hast du inzwischen fleißig trainiert?“ Wie aus dem Nichts erschienen, stand Tihal plötzlich vor ihr.

„Brauch ich nicht.“ Sirrah straffte die Schultern. „Arneb habe ich neulich fünf zu eins besiegt!“ Warum hatte Tihal das blöde Spiel nicht einfach vergessen?

„Tatsächlich?“ Mit einem liebenswürdigen Lächeln lehnte er sich an den Container. „Dein Bruder ist allerdings auch kein ernsthafter Gegner!“

„Das können wir gerne nachprüfen. Ich bin hier gleich fertig, du kannst schon mal einen Ball holen!“

„Ist bereits erledigt!“ Tihal hielt Sirrah einen kleinen, elastischen Ball vor die Nase.

Misstrauisch betrachtete sie ihn von allen Seiten. „Du hast damit doch nicht irgendwas angestellt?“

„Du weißt, dass ich das nicht nötig habe!“

Sirrah ließ die Luke des Containers mit einem Knall zufallen. Was nahm sich dieser Kerl bloß heraus? Ihre Großmutter würde jetzt vermutlich sagen, dass er die einem jungen Mann geziemende Zurückhaltung vermissen ließ.

Sirrah stieß das Tor der Maschinenhalle mit einem Fußtritt auf. Entschlossen stiefelte sie zu dem Spielfeld, das Adhara vor vielen Jahren für ihre Kinder hatte anlegen lassen. Tihal folgte Sirrah mit einem zuversichtlichen Grinsen.

Pi-Tzi war ein Ballspiel, das die ersten Siedler aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten. Man benötigte dazu ein rechteckiges Spielfeld von mindestens sechs Metern Länge und drei Metern Breite, das an den Längsseiten von dreieinhalb Meter hohen Mauern begrenzt wurde. Dort war in zwei Metern Höhe je ein Ring mit dreißig Zentimetern Durchmesser angebracht, der das Ziel darstellte. Zwei Spieler oder zwei Mannschaften mussten nun versuchen, einen kleinen Ball durch einen der beiden Ringe zu schießen. Um diese Aufgabe etwas schwieriger zu gestalten, durfte man den Ball jedoch nicht mit den Händen berühren. Erlaubt waren nur alle anderen Körperteile wie Arme, Beine und Hüften. Somit war bei diesem Spiel reine Körperkraft weniger ausschlaggebend als Ausdauer und Geschicklichkeit.

„Du bekommst den ersten Wurf!“, rief Sirrah großzügig.

Tihal eröffnete das Spiel mit einem kräftigen Wurf an die Seitenwand. Doch der Ball prallte in die falsche Richtung ab, und Sirrah erwischte ihn noch vor Tihal mit dem Arm. Mit einer sicheren Bewegung beförderte sie den Ball durch den Zielring.

Sie grinste Tihal spöttisch an. „Weißt du eigentlich, dass in grauer Vorzeit die unterlegene Mannschaft den Göttern geopfert wurde?“

„Mach dir keine falschen Hoffnungen. Wir haben ja gerade erst angefangen!“

Das Spiel ging in die nächste Runde. Diesmal hatte Sirrah weniger Glück, und Tihal machte seinen ersten Treffer mit einem gut gezielten Kopfball. „Wird wohl nichts mit dem Opfer!“

„Freu dich bloß nicht zu früh!“ Lässig lupfte Sirrah den Ball mit dem rechten Bein nach oben, zielte jedoch nicht genau genug und verfehlte den Ring um einen halben Meter. Der Ball kullerte über die Bodenplatten und blieb außerhalb des Spielfeldes liegen.

„Ball im Aus!“, rief Tihal.

„Das sehe ich selber, du Schlaukopf!“

Als Sirrah den Ball aufhob, löste sich ein Schweißtropfen von ihrer Stirn. Er hinterließ einen dunklen Fleck auf dem Boden. Ihre Zunge klebte am Gaumen, und ihr Rachen fühlte sich an wie Schleifpapier. Warum hatte sie bloß nicht daran gedacht, etwas zu trinken mitzunehmen?

Sie warf den Ball zurück auf das Spielfeld, wo Tihal ihn mit dem Arm erwischte und mit traumwandlerischer Sicherheit durch den Ring schoss.

„Zwei zu eins!“, rief er grinsend.

Sirrah biss sich auf die Lippe. Jetzt bloß nichts anmerken lassen!

Die nächste Runde begann. Doch obwohl sie von einer Seite des Spielfeldes auf die andere hetzte, konnte sie keinen Treffer erzielen. Endlich flog der Ball in ihre Richtung. Sirrah machte eine Faust und schoss den Ball mit aller Kraft durch den Ring.

„Handspiel!“, reklamierte Tihal.

„Quatsch!“

„Ich hab’s genau gesehen!“

„Dann lass dir die Augen untersuchen. Ich hab den Ball mit dem Gelenk getroffen!“

„Von wegen, du schummelst schon wieder. Das ist vermutlich auch der einzige Grund, warum du gegen deinen Bruder gewinnst!“

„Was bildest du dir eigentlich ein?“ Diesmal war er eindeutig zu weit gegangen.

„Du siehst richtig hübsch aus, wenn du dich so aufregst!“ Aus seinem überheblichen Grinsen war ein verlegenes Lächeln geworden.

„Willst du mich verarschen?“ Sirrah schnappte nach Luft. „Oder ist das am Ende der Grund, warum du mir ständig auf die Nerven gehst?“

Tihal blickte sie treuherzig an. „Was soll ich denn sonst anstellen, damit du mal Notiz von mir nimmst?“

Anscheinend meinte er es ernst. Sirrah wusste nicht, ob sie ihn erwürgen oder umarmen sollte. „Warum hast du mich nicht einfach auf eine Tasse Tee eingeladen? Macht man das nicht normalerweise so?“

„Wärst du denn gekommen?“

„Keine Ahnung“, antwortete Sirrah ehrlich. „Ich kenne dich einfach schon so lange. Irgendwie bin ich daran gewöhnt, mit dir zu streiten!“

„Siehst du? Für dich bin ich doch schon ein Teil des Inventars, wie der alte Rübenernter!“

„Das stimmt nicht“, sagte Sirrah lachend. „Außerdem siehst du wesentlich besser aus als das rostige Ding!“

„Bist du jetzt nicht mehr sauer auf mich?“

Sirrah sah ihm an, wie verlegen er war. Er verbarg es zwar hinter einem schiefen Lächeln, doch sein unsicherer Blick verriet ihn. Wie konnte jemand nur so frech und gleichzeitig schüchtern sein? Diese Mischung gehörte eindeutig verboten. Sie machte jede Art von Gegenwehr unmöglich.

„Ich verzeihe dir, wenn du mir etwas zu trinken holst!“ Inzwischen schwitzte Sirrah dermaßen, dass ihre Bluse am Körper klebte, und ihr Herz klopfte so schnell, als wollte es sich selbst überholen. Sirrah war sich nicht sicher, ob es an der Anstrengung oder an Tihals Geständnis lag.

Tihal spurtete los und kam kurz darauf mit seiner Provianttasche zurück. Er gab Sirrah einen Becher Wasser, den sie in einem Zug leerte.

„Hättest du Lust, zum Teich zu gehen?“, schlug Tihal vor. „Etwas Abkühlung könnte nicht schaden!“

„Warum nicht?“ Sirrah drückte ihm den leeren Becher in die Hand. „Warte einen Moment, ich bin gleich wieder da!“

Sirrah lief in die Küche, wo Menkar am Herd stand und in einem großen Topf herumrührte. „Ich komme heute Mittag nicht zum Essen. Kannst du mir vielleicht etwas Kaltes einpacken?“

Menkar verschloss den Topf mit einem Deckel. „Möchtest du dich vor dem Gemüseeintopf drücken?“

„Nein. Mir ist nur so heiß, deshalb wollte ich zum Teich.“

„Gehst du mit Arneb hin?“

„Nein.“

„Nur du ganz allein?“

„Ist das ein Verhör?“

„Geht’s dir nicht gut?“ Menkar sah Sirrah besorgt an. „Du bist so rot im Gesicht!“

„Warum willst du eigentlich immer alles wissen? Ich war mit Tihal Pi-Tzi spielen, und dabei ist uns eben heiß geworden. Deshalb wollten wir uns am Teich etwas abkühlen. Bist du nun zufrieden?“

Menkars verwirrter Ausdruck wich einem wissenden Lächeln. Er packte Sirrah einige Stücke Rührkuchen und eine Flasche Saft ein. „Ich wünsche euch beiden einen schönen Nachmittag!“

4. Freundschaft

Sie gingen den schmalen Pfad entlang, der zum Teich führte. Sirrah fand, dass der Wald heute irgendwie schöner aussah als sonst. Die wenigen Sonnenstrahlen, die den Weg durch das dichte Blätterdach fanden, malten ein leuchtendes Muster auf den Waldboden, und die Libellen, die über den Teich hinwegbrummten, schimmerten wie polierte Edelsteine.

Sirrah setzte sich neben Tihal auf den Steg und streckte die nackten Zehen ins Wasser. Sie leerte ihre Tasche und stellte fest, dass ihr Vater außer Kuchen und Saft auch Teller, Becher und Servietten eingepackt hatte. Es war beinahe ein richtiges Picknick.

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