Doktor Humpe, der sich unbeeindruckt gab, musterte mich eine ganze Weile, dann sagte er: „Das ist allerhand“, und ich bestätigte, dass sich auch nach meinem Verständnis einiges angehäuft hatte, das Leben mir schwer und fremd geworden war, und Doktor Humpe sah mich jetzt mit dem Ausdruck unterdrückter Verwunderung an, als er sagte: „Na ja, so viel ist es auch wieder nicht.“
Er hatte einiges mit mir vor, in den kommenden Wochen. Er sagte, er wolle meine Selbstwahrnehmung als Mann stärken, und ich erwiderte: „Aha“. Er beabsichtigte, meine Ängste aktiv und „von Angesicht zu Angesicht“ anzugehen, und vermutlich sagte ich erneut „aha“, während ich kaum wahrnehmlich in meinem Lehnsessel absackte. Es folgte eine Liste mit Hausaufgaben, die ich in den kommenden Wochen zu absolvieren hatte: Ich mußte Briefe schreiben, an mich als kleiner Junge und an Shirin, Frauen im Haus sollte ich fragen, wie sie mich fanden, vorzugsweise schriftlich verfaßt oder von mir protokolliert, Sport. Gleich am nächsten Tag hatte ich in die Laufgruppe zu gehen, am darauffolgenden zur Rückengymnastik und am Tag danach zu Yoga, jeweils um sechs Uhr morgens, und ich sagte: „Ja, ja“, und dachte: Nein, im Leben nicht!
Er befragte mich nach der beruflichen Situation, und ich wunderte mich nicht, dass sie so früh kam, die alles definierende, einordnende Frage: Was macht er denn. Wenn ich nannte, was ich tat, mußte ich meine Auskunft relativieren, weil ich etwas stets zur Zeit tat und es eigentlich das falsche war, ich fühlte mich niemals einem Soziotop zugehörig. Zurzeit, berichtete ich wahrheitsgemäß, war ich Übersetzer, weil ich zweisprachig aufgewachsen war und das Übersetzen auch ein paar Jahre studiert hatte.
Ahnungslos hatte ich zunächst Rechtswissenschaft studiert, um mich zwei Wochen vor dem Examen vom Juristenwesen abzuwenden: diese Zahlen- und Absatzzählerei, die ewig pedantische Suche nach dem richtigen Begriff, dem alles entscheidenden Wörtchen im Wust unverständlicher Paragraphen, das Durchwühlen von Gesetz zu Gesetz, das nach Schema mechanische Abspulen der Sachverhaltsprüfung, das gebetmühlenartige Herunterdeklinieren vorgestanzter Phrasen, letztlich Versubstantivierung und Erstarren der Sprache und somit der Denkprozesse, das Einfrieren des Intellekts.
Als gescheiteter Jurist, der ich war, wollte ich etwas mit deutscher Sprache machen und bewarb mich um ein Redaktionsvolontariat bei einer Zeitung im Südwesten. Zu meinem Erstaunen bekam ich die Stelle als einer von sechs unter 900 Bewerbern, und scheiterte sogleich als Journalist in jämmerlicher Weise: zu abgründig waren meine Texte, wenn es um Todes- oder Unfälle ging, bei denen ich die Szenerie dreier überschlagener und ineinander verkeilter Autos auf der Bundesstraße samt der Hirnmasse, die sich über den Asphalt ausgebreitet hatte, bildreich beschrieb, statt nüchtern die monotonen Amtsdeutschfakten der Polizeibeamten wiederzugeben, als „Schönschreiber!“ wurde ich geschimpft, was bei einer Regionalzeitung einem Todesurteil gleicht.
Dann wollte ich etwas ganz und gar anderes machen, und verdingte mich als Page in einem Luxushotel in Baden-Baden, doch es entsprach, wie ich nach einer Weile bemerkte, nicht meinem Naturell, das servile Gehabe. Ich schrieb Reisereportagen für Die Zeit , bis mir das Reisen zunehmend anstrengend wurde, mit ersten, sich mir nicht erschließenden körperlichen Kapriolen: Panik, wenn die Tür eines Zuges zuschlug, beispielsweise, der unbändige Drang, die Kabinentür zu öffnen und das Flugzeug zu verlassen, obwohl ein Arzt, der in der Reihe vor mir saß, mir bereits zwei Tavor gegeben hatte. In dieser Reduktion fiel ich bis auf weiteres auf das zurück, das mir am wenigsten ein Bekenntnis zu einer Zunft und Wesensgemeinschaft abverlangte, weil es in der stillen Kammer stattfand: das Übersetzen.
Nachdem Doktor Humpe das Kreuzverhör, wie es mir vorkam, vorerst beendet hatte, untersuchte er mich auf meine Körperlichkeit, maß Puls, Blutdruck und ließ mich aus akupunkturideologischen Gründen die Zunge herausstrecken. Er drückte mich am Bauch und zwickte die Waden, klopfte die Wirbelsäule entlang, horchte mit dem Stethoskop in die Regungen meiner Lunge. Er drückte auf meine Oberarme, und es kam mir vor, als packte er wie der Hirschkäfer eine Fichtennadel, so dünn mußte ihm mein Bizeps vorkommen, und er sagte: „Ihre Muskelmasse ist ein wenig unterentwickelt, und zu dünn sind Sie auch für Ihre Körpergröße, wir werden Sie ein bißchen aufpäppeln“, sagte Doktor Humpe. Er sah mich an und ich ihn, ich sah, wie er zunächst etwas zu sagen zögerte und dann doch noch sprach: „Wir werden auch Ihre distanzierte Haltung ein wenig brechen“, und mir kam es vor, dass er das Wort „brechen“ mit einem aggressiven Unterton sagte.
Nun kam er auf die basisbiographischen Gegebenheiten zu sprechen, mit wem ich wo unter welchen Umständen aufgewachsen war. Er bat mich, meine Mutter zu charakterisieren, und ich sagte spontan: „Wankelmütig, vorwurfsvoll, maßlos überfordert“: mit mir als Kind, mit einem Abendessen, wenn Besuch angekündigt war, mit dem rückwärtigen Ausfahren aus der Garageneinfahrt, beispielsweise. Nachdem ich das Jurastudium abgebrochen hatte, sagte sie: „Das kannst du deinem Vater nicht antun, dass er eines Tages mit dem Gefühl stirbt, aus seinem Sohn ist nichts geworden.“
Ich berichtete, dass mein Vater, seit ich Junge war, schwieg, und als Mann im Elterngefüge selten anwesend war, weil er stundenlange Spaziergänge machte, sich im Keller mit seinen Kriegsschiffchen verbarrikadierte. Als ich später das Studium abbrach, sagte er: „Frauen wollen keine Versager“, danach hüllte er sich erneut in Schweigen, nahezu ohne Unterlaß bis zum heutigen Tag. Natürlich redete mein Vater, über Politik oder Geographie, von Shirin beispielsweise wollte er wissen, aus welchem Teil des Iran ihre Eltern kamen, und er suchte dann Orte und Landschaften in einem Atlas und besah sich noch lange die geologischen und klimatischen Besonderheiten der betreffenden Region. Er wußte durch aufmerksame Zeitungslektüre, wie es sich im Iran mit dem Wächter- und dem Expertenrat verhielt, und wer wen in welche Staatsämter benannte, er wußte, wer die Zarathustra waren und wer die Jünger Mehdis. Doch mein Vater schwieg, wenn es um persönliche Dinge ging, über den Krieg, beispielsweise, seinen Krieg, in den er 1940 als 16jähriger geworfen worden war. Er schwieg, wenn es um unsere, also auch um meine Vergangenheit ging, oder über so etwas wie Liebe, niemals habe ich ihn das Wort Liebe sagen hören. Er war nicht gefühlskalt, er spaltete ab. „Wie meinen Sie das?“, fragte Doktor Humpe.
„Mein Vater leugnet beispielsweise Fakten aus seiner Biographie“, setzte ich an. Ich berichtete von einem Foto, dass ich im Spiegel zu einem Artikel über den Ostfeldzug der Wehrmacht entdeckt hatte: eine braunstichige Schwarzweißaufnahme, auf der ein Soldat eine frappierende Ähnlichkeit mit meinem Vater aufwies, der, das wußte ich damals, mit der Wehrmacht durch den Kaukasus marschiert war; unter dem Foto stand die Bildunterzeile: „Deutsche Kompanie beim Marsch durch die Sowjetunion“. Als ich es näher betrachtete und ein Foto meines Vaters als Schüler, der er vor dem Krieg war, zur Hand nahm, hatte ich keinerlei Zweifel, dass der Mann auf dem Foto mein Vater war, und auch Shirin, die einen Blick auf das Bildnis warf, sagte, dass er es war, zweifelsfrei. Als mein Vater kurz darauf allein bei uns zu Besuch war, betrachtete er recht lange das Foto, das ich ihm nach einem Abendessen mit Wein und Cognac vorgelegt hatte. Er besah es sich lange, schien in Gedanken zu versinken und sagte vielleicht eine Minute lang kein Wort, doch dann streckte er seinen Rücken, legte das Heft beiseite, und sagte: „Nein, das bin ich nicht“. Ich könnte heute noch schwören, dass er es ist.
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