In der Folge hatte ich mich auf leichtere Lektüre beschränkt, auf die Süddeutsche und den Spiegel , dessen Bilder und Grafiken meine Aufmerksamkeit für eine Weile aufrecht hielten. Auf den Wissensseiten las ich über schwarze Löcher und schwarze Materie, ohne etwas zu verstehen, über ferne, bedrohliche Asteroiden und Kometen, die bald auf die Welt stürzen würden, solche Ängste hatte ich damals. Ich las über die abstoßende Casimir-Kraft, das Quantenrauschen des Vakuums, stieß auf einen Artikel, der vor Langzeitfolgen von Schlafstörungen warnte: Tumore, Schlaganfälle, Herzstillstand, Wahnsinn. Meine persönliche Sorgenliste las sich in umgekehrter Reihenfolge, Wahnsinn und Herzversagen standen an vorderster Stelle, an Hirnschläge und Tumore dachte ich auf unerklärliche Weise so gut wie nie.
Shirin kam meistens an den Abenden, als wir noch ein Paar waren, wir aßen zu einer Flasche Rotwein. Ich erzählte von irgendwelchen Artikeln, die ich gelesen hatte, und sie hörte mir zu und störte sich nicht daran, dass ich manchmal recht lange brauchte, weil ich Mühe hatte, zusammenhängende Gedanken zu formulieren.
Es gab Augenblicke, in denen ich mich der Welt zugehörig fühlte und sie festzuhalten versuchte. Ich sah Schwalben, die an einem milden Frühsommerabend im Gleitflug die Baumwipfel streiften, ein Kastanienblatt, das im Wind schwang, den zuckenden Schatten, den eine Gaslaterne nachts auf das Relief einer Balkonputte warf. Ich hörte ein Lachen in der Ferne, erhaschte das Lächeln einer Kellnerin, ein Krankenschwesterlächeln, vertrauenerweckend und in der nächsten Sekunde schon verflogen. Noch heute gelingt es mir, einzelne Momentaufnahmen von damals abzurufen, obwohl die Zeit, von der ich berichte, schon mehr als fünf Jahre zurück liegt.
Der Schaffner war der einzige Mensch, der die sonderbare Intimität unseres abgegrenzten Raumes durchbrach. Er erschien mir wie ein Gespenst, ein Wesen, das hier nicht hingehörte, ein Eindruck, der dadurch verstärkt wurde, dass der Mann mit den faustbreiten roten Streifen am Revers kein Wort sprach, als er hineintrat, sondern wartete, dass wir ihm unsere ausgedruckten Fahrscheine und Kreditkarten hinhielten, und es war vor allem die Tatsache, dass er weder Sebald noch mir auch nur einen flüchtigen Moment lang in die Augen sah. Er riß die Schiebetür auf und blinzelte ins schwarze Nichts, das nach wie vor hinter dem Fenster vorbeiflirrte, er blickte auch kaum auf den Bogen Papier, als er ihn abstempelte, und es erschien mir sonderbar, beinahe erschrak ich, als das dunkelblaue Gespenst mit der roten Armbinde „Danke, meine Herren“, sagte, bevor es die Tür mit einem Lufthauch wieder schloß und nun den Blick in ein sich irgendwo auf dem Gang befindliches Vages richtete. In der Ferne flimmerte rosaviolett ein dünner Himmelssaum, das Land verbarg sich noch in der Vordämmerung, ich sah schemenhaft Hügel und Waldparzellen, sanft gewellt, novemberkahl.
Der Zug rollte sanft an Glasfassaden und Betonklötzen vorbei, über denen Lasergebilde grelllila und orange am ansonsten dunklen Himmel zuckten, und ich entnahm den beleuchteten Schriftzügen, die das Ufer eines Gewässers zierten, dass die Eisenbahn sanft und beinah geräuschlos in den Bahnhof der Autostadt Wolfsburg einfuhr. Wir hatten also bereits eine beträchtliche Strecke zurückgelegt, von Hauptbahnhof tief bis zur Autostadt, wobei es mir vorkam, als hätten wir den Geisterbahnhof vom Potsdamer Platz gerade erst hinter uns gelassen. Auch hier waren die Bahnsteige gespensterhaft leer, wie auch die ganze steinerne Promenade und die angrenzenden Vor- und Busbahnhofplätze frei von jeglicher organischen Regung zu sein schienen. Der Zug setzte sich sogleich wieder geräuschlos in Bewegung und glitt, während er beschleunigte, gemächlich an monströsen Ziegelsteingemäuern und qualmenden Schloten vorbei.
Sebald lächelte mich an, und ich bemerkte beinahe mit Erleichterung, dass er sich zum ersten Mal, seit ich in Hauptbahnhof tief zugestiegen war, wahrnehmlich bewegte, indem er die Beine streckte und seinen Mantel auf Brusthöhe ein wenig lockerte, ohne ihn auszuziehen. Dann sah er mich einen Augenblick lang an, er sah mir in die Augen, mit Skepsis im Blick, die gebogene Falte über der Nasenwurzel zog sich zusammen. Der Zug bremste ruckelnd ab, rollte mit mittlerer Geschwindigkeit durch die Nacht, bevor er wieder Fahrt aufnahm. Man konnte das tak-tak, tak-tak in der Phase der Beschleunigung deutlich vernehmen, und es schien mir, dass mein Puls sich dem Takt des schneller werdenden Zuges für Momente anpaßte, bevor er weniger geräuschvoll als zuvor und nun mit rasendem Tempo über das nahezu unsichtbare Land glitt.
Schon eine ganze Weile hatte ich bemerkt, wie sich eine perfide, noch leise und scheinbar harmlos daherkommende Übelkeit heranschlich, die sich nach und nach entfaltete. Ich führte es auf die neue Generation der Wagen zurück, die mit ihrer innovativen Technik schwankten und wogen. Ich öffnete die Schatulle, in der ich meine Medikamente aufbewahrte, und warf mir eine der kleinen rötlichen ein, die als Nebeneffekt auf wundersame Weise Übelkeit unterdrückten, mit einem Schluck kalten Kaffee, der sich am Grund des Pappbechers wie die letzte Pfütze in einem austrocknenden Moorloch gehalten hatte. Sebald blickte nach draußen, ein Lächeln schien über seinen schnurrbartbeschatteten Mund zu huschen, doch es konnte ein Lichtreflex sein, der, als wir einen im fahlen Neonlicht vor sich hin schlummernden ländlichen Bahnhof passierten, eine Irritation bewirkt haben mochte.
Ich hatte mich inzwischen im Buch, das mich gleich von der ersten Seite an regelrecht in einen Sog gezogen hatte, weit vorgelesen. Ich war passagenweise in der Lage, wachsam und konzentriert zu lesen, ganze Abschnitte mit all ihren geschilderten Details zu erfassen, wo hingegen ich an anderen Stellen seitenweise Wort um Wort und Zeile um Zeile aufsog, ohne den Inhalt aufzunehmen, doch selbst in dieser kaum bewußten Lektüre konnte ich mich der Textmelodie nicht entziehen und hatte das Gefühl, unbewußt Wissen und Bilder aufzunehmen, die ich später auf der einen oder anderen Weise erinnern würde. Jetzt stieß ich auf eine Stelle, in der Sebald beschreibt, wie sich der Protagonist als Junge um die Eichhörnchen und ihren Wintervorrat sorgte: Wenn die Eichhörnchen, wie er stundenlang an milden Herbsttagen beobachtet hatte, die Eicheln und Bucheckern und Haselnüsse im Boden verscharrten, wie sollten sie sie wiederfinden, wenn im Winter der Boden von einer weißen Schneeschicht bedeckt war? Ich las: „Wie wissen die Eichhörnchen das, und was wissen wir überhaupt, und wie erinnern wir uns, und was entdecken wir nicht am Ende?“
Ich freute mich über die kleine Hommage an das Eichhörnchen. Häufig war ich im Volkspark oder auf Friedhöfen, auf denen ich spazierengegangen war, stehen geblieben und hatte minutenlang Eichhörnchen beobachtet, wie sie erstarrt und verwundert sich an die Rinde einer Eiche klammern, das Knopfauge einen reglos betrachtet und auch der schmale Körper sich scheinbar keinen Millimeter bewegt, keine Atmungsdehnung ist zu sehen, noch nicht einmal das Zucken eines Muskelstranges oder des Schweifs, und dann, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, hüpfen sie leichtfüßig den Baumstamm hinauf, schwerelos, grazil. An manchen Tagen meiner Irrungen war das Eichhörnchen das einzige Lebewesen, das mich zum Lachen brachte, daran dachte ich jetzt, als ich die entsprechende Stelle bei Sebald las. Auch kam mir wie dem Sebald-Protagonisten, dem als erwachsener Mann das seit seiner Kindheit nicht mehr verwendete tschechische Wort veverka in den Sinn kam, der französische Name für Eichhörnchen aus fernen Zeiten in Erinnerung, écureuil . Ich war ihm seit meiner Kindheit, als ich die Eichhörnchen im Parc de Woluwé beobachtet hatte, wie sie sich auf den mächtigen Stämmen der Buchen und Eichen und über die herabhängenden Äste hinweg regelrecht jagten, nicht mehr begegnet.
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