Doch gleich, wie sie es auch drehten und wendeten, sie hatten nun einmal den Muffler zum Nachbarn und mussten mit seiner Bärbeißigkeit leben. Ob sie wollten oder auch nicht.
Klar, sie hätten ausziehen können, doch auch das hätte den alten Grantler nicht geändert, sondern er hätte den Nächsten das Leben schwer gemacht. Und wer hätte auch schon im Voraus zu sagen gewusst, ob es nicht auch im nächsten Haus, solch 'nen Meckerfritze gegeben hätte.
Lothar und Gisela hatten eines Abends einmal gehört, wie sich ihre Eltern über den motzigen Nachbarn unterhalten hatten.
»Solche Nachbarn, Ilschen, die gibt es leider in jedem Haus. Zumindest einen davon«, hatte Bernd Lümmel zu seiner Frau, die er immer auch gerne Ilschen nannte, gesagt gehabt.
Na klasse, das ist ja nun wahrlich kein Trost, hatten die beiden Kinder gedacht, als sie dieses Gespräch belauscht hatten.
An diesem Abend war Gisela nochmals nach dem Zähneputzen in Lothars Zimmer geschlichen, und hatte sich bei ihm auf den Bettrand gesetzt.
»Weißt du was, Lothar?«
Verdutzt guckte der Junge seine Schwester an.
»Wir müssen uns einfach etwas einfallen lassen, womit wir den alten Miesepeter ablenken. Dann wird er uns schon unsere Ruhe und in Frieden lassen.«
Lothar legte den Kopf auf Giselas Schoß und sie fuhr ihm tröstend durch sein Haar.
»Und womit lenken wir ihn ab? Sollen wir noch mehr Krach machen?«
Gisela blies die Backen auf. »Als wenn wir Krach machen würden.«
»Er hat heute aber schon wieder geklopft. Bin gerade nach Hause gekommen, da hat er auch schon wieder gegen die Decke geschlagen.«
Gisela grinste. »Na, dann wird er bald wieder einen neuen Besen brauchen«, überlegte sie.
»Ja und? Ist doch nichts Neues.«
»Vielleicht können wir den Besen-Fritze auf unsere Seite bekommen.«
»Wie willst du das denn anstellen?«, fragte Lothar.
»Ich weiß auch noch nicht. Aber ich werde mir etwas überlegen. Mit etwas Glück, können wir auch Mama einspannen, dass sie uns hilft«, antwortete sie nachdenklich.
»Bist du verrückt, Gisela! Ausgerechnet Mama. Du weißt doch, dass sie uns immer ermahnt, auch bloß nicht zu laut zu sein, um den da unten«, er zeigte mit dem Finger unter sich, »nicht zu ärgern.«
Über Giselas Gesicht huschte ein Lächeln. »Du vergisst dabei aber, dass, wenn das Baby erst da ist, Mama noch mehr unter dem Muffler zu leiden haben wird.«
»Glaubst du wirklich?«, wunderte sich Lothar, der nicht verstand, was das neue Baby damit zu tun haben könnte.
»Ja logo, Kleiner. Wenn Mama in einigen Monaten das Kleine erst hat, dann werden die Nächte und Tage lauter, als bisher. Und was glaubst du, Lothar, wird der Muffler dann machen, wenn das Baby an einem Stück schreit?«
Jetzt wanderte auch in Lothars Gesicht ein Lächeln. »Dann braucht er noch mehr Besen von Besen-Fritze.«
»Das auch. Aber Mama, Kleiner, die wird dann noch mehr unter dem Motzbeutel zu leiden haben. Und wir mit.«
Lothar nickte. »Ach, und deshalb glaubst du, dass uns Mama hilft, etwas gegen den Knottersack zu unternehmen?«
»Immerhin, es kommt auf einen Versuch an.«
»Gut. Bin einverstanden«, lachte Lothar und kroch wieder unter seine Decke. »Mach’ das Licht aus, wenn du rausgehst, bitte.«
»Gute Nacht, Lothar. Schlaf gut. Glaub mir, kleiner Bruder, nicht mehr lange, dann haben wir vor dem Muffler unsere Ruhe.«
»Glaubst du denn, dass er auszieht, wenn unser Baby erst einmal da ist?«, murmelte er, und war schon beinahe am Einschlafen.
»Das bestimmt nicht«, antwortete seine Schwester und schloss die Tür hinter sich. Lothars gleichmäßige Atemzüge verrieten ihr, dass er ihre Antwort schon nicht mehr gehört hatte.
Der nächste Morgen war kalt, aber klar. An einigen Stellen lag noch Schnee, doch das Meiste war weggeschmolzen. Nur in den Straßen, in denen nicht gestreut wurde, lagen noch glitzernde Schneespuren, die zu regelrechten Eisbahnen geworden waren. Glatt und rutschig waren sie.
Der Weg zu Besen-Fritze war nicht weit, und auch lag bis dorthin, schon fast gar kein Schnee mehr.
Gisela hatte sich noch am Morgen mit ihrem Bruder für mittags verabredet, um bei Besen-Fritze einmal reinzuschauen und vielleicht auch etwas zu kaufen.
»Wir müssen den Laden und den Besen-Fritze erst auskundschaften«, hatte sie ihm dabei gesagt, und er hatte wieder einmal, nur genickt. Nicht immer verstand Lothar, was seine Schwester von ihm wollte. Doch dafür war sie nun einmal auch seine große Schwester und er nur der kleine Bruder. Irgendwann verriet sie ihm immer, was sie vorhatte.
Als sie den Laden betraten, war Besen-Fritze gerade damit beschäftigt, zwei älteren Damen, beide mit breiten Hüten, deren Federn bei jeder Bewegung auf und ab wippten, seine Besenauswahl vorzuführen.
Er warf einen kurzen Blick zu den Kindern hinüber. Ohne sich von den Damen abzuwenden, sagte er: »Schaut euch nur um. Ich bin gleich bei euch.«
»Wenn Sie möchten, Herr Besen-Fritze, wir können auch alleine die Besen beschauen und sehen, welcher der beste unter ihnen ist«, schlug eine der Frauen vor.
Lothar stupste seine Schwester an. »Ob die zum Hexenball wollen?«
»So etwas gibt es doch gar nicht«, antwortete Gisela leise genug, um dass die beiden Frauen sie nicht verstanden.
Glaubte sie zumindest.
Eine der Frauen wandte sich von den Besen und Besen-Fritze ab. »Da wäre ich mir aber an deiner Stelle nicht so sicher«, flüsterte sie Gisela ins Ohr, die zusammenzuckte, dermaßen hatte sie sich erschrocken, als die Frau plötzlich hinter ihr stand.
»Aber, ich dachte, Sie sind mit den Besen beschäftigt«, stotterte sie, und lief dabei feuerrot an.
Die Frau lachte, allerdings nicht laut. »Ich habe gute Ohren, musst du wissen.« Sie betrachtete die Geschwister belustigt. »Ihr seht aus, als wärt ihr bei etwas Schlimmem überrascht worden.«
»Ich wollte nicht, dass Sie mich hören«, versuchte Gisela, den Ansatz zu einer Entschuldigung; doch die Frau winkte ab.
»Weshalb versuchst du, dich bei mir zu entschuldigen?«
»Weil ich Hexe gesagt habe. Und dass sie beide wie Hexen aussehen«, kam Lothar wagemutig, und auch ehrlich, seiner Schwester zu Hilfe.
Die Frau winkte die Kinder mit dem Zeigefinger zu sich heran.
Als sie deren Köpfen ganz nahe war, sagte sie in gesenktem Ton: »Die Wahrheit, Gisela und Lothar, die darf man immer sagen. Vielleicht nicht immer ganz so laut. Mitunter muss ja nicht jeder die Wahrheit mitbekommen. Aber ansonsten …« Sie lächelte die beiden an. Freundlich und warmherzig.
Lothar schluckte. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie eine Hexe sind?«
»Woher kennen Sie denn unsere Namen?«, fragte Gisela. »Und Hexen«, sie schüttelte den Kopf, »die gibt es doch gar nicht.«
»Nein, nur in Märchen«, flüsterte jetzt auch Lothar. »Sagt Gisela jedenfalls immer.«
Und wieder lächelte die Dame. »Und was, wenn ich euch sage, dass es Hexen doch gibt. Was sagt ihr dann?«
»Dann träumen wir«, antwortete Gisela platt.
»Ich mache euch einen Vorschlag«, sagte die Frau. »Doch zuerst will ich etwas klarstellen: Ihr beide, ihr habt ein großes Problem. Mit dem Muffler.«
Den Geschwistern blieb vor Staunen der Mund offen stehen.
»Woher wissen Sie davon?«, stotterte Gisela, und erntete einen Knuff von ihrem Bruder.
»Ist doch logo! Wenn sie eine Hexe ist, dann kennt sie ganz sicher auch unser Problem. Hexen wissen doch alles.« Er lugte von unten herauf zu ihr hin. »Sie sind eine Hexe! Aber können Sie uns auch wirklich helfen?«, fragte er, kleinlaut. »Mit dem Muffler?«
Die Frau zwinkerte den beiden zu, und antwortete verschwörerisch: »Lasst mich nur machen. Mir fällt sicherlich etwas ein, was wir machen können, um dass der Muffler auch einmal lacht.«
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