»Und wie ist die Stimmung unter der Allgemeinheit? Du lebst unter denen und hast Kontakte zu ihnen, den wir natürlich nicht haben.« Fragte Francis Sebastian, der sich weniger durch seine Talente, als durch sein Gespür Ja zu sagen auszeichnete, was Mister Sebastian zu einem idealen Gesprächspartner für Miss Lemotte machte. Sie hingen aneinander, zwei Menschen, die sich gegenseitig brauchten. Francis Sebastian, weil sie die Tochter des wohlhabendsten Mannes in East Sussex war. Sie brauchte ihn nur als Bestätigung ihrer eigenen Meinungen. Insgeheim beschlich den Constable das Gefühl potenziellen Opfern, gegenüberzusitzen. Er musste an die Worte der alten Green denken.
John lief gemächlich, die James Street entlang, in den Fenstern der hübschen bunt gestrichenen Häuser brannte, das Gaslicht. Mister Marken trottete mit seiner langen Leiter auf der Schulter und seinem Lehrling im Schlepptau die Straße entlang und entzündete die Gaslaternen. Constable Arnold atmete die schneidende Dezemberluft ein und dachte über den Mord nach, der sich vor einer Woche ereignet hatte. Wenigstens beschäftigten sich die Bewohner von West Hoathly sich nun nicht mehr ausschließlich mit ihren Zänkereien und belästigten ihn damit, jetzt hatten sie ein Thema um das Sie sich drehen und sich darin wälzen konnten. Der Constable hatte bereits ein bestimmtes Muster erkannt. Der Mord war in der Nähe begangen worden und äußerst brutal, ja schon beinahe so absurd, wie in einem Theaterstück von Alfred Jarry im Theater von Brighton, in das ihn seine Freunde geschleift hatten. Das englische Theater war deutlich verarmt, seit Oscar Wilde Stücke geächtet wurden. Der Mörder hatte einen Mann aus dem East Sussex Geschäftsleben ermordet. Er schien zudem zu den Kriminellen zu gehören, denen ihre Verbrechen Vergnügen bereiteten und in diesem besonderen Fall vermutlich auch noch satt machte. Das Gerücht, das die Innereien des Opfers gekocht wurden, hatte noch kein Pathologe bestätigt. Aber man musste nur eins und eins zusammenzählen. Die Nieren des Opfers fehlten und am Tatort war ein Teller Nieren Haschee gefunden worden. Der Mörder schien bei seinen Inszenierungen keine Mühe zu scheuen. Erst tötete er grauenhaft über mindestens eine Stunde sein Opfer und dann bereitete er sich seelenruhig sein Essen aus ihm zu. Gesättigt und gestärkt transportierte er die kopflose Leiche zum Denkmal und positionierte ihn wie einen Büßer, wie Kaiser Friedrich beim Gang nach Canossa, vor dem Kriegerdenkmal. In West Hoathly Sussex gab es nur das eine Ehrenmal, denn seit Jahrzehnten hatte man sich noch nicht entschieden, wem die Ehre eines weiteren Denkmals gebühre. Es stand einzig fest, dass es ein großer Mann aus Hoathly sein musste und darin genau lag das Problem. Man konnte als Patriot nicht behaupten, ohne zu Lügen West Hoalthy sei die Heimatstadt großer Persönlichkeiten. Musste mit dem Kohlenstaub zu tun haben, den man hier einatmete, verkümmerte irgendwie den Drang danach Großes zu vollbringen, dachte der Constable. Die letzten Meter bis zu dem Tor von seinem Haus rannte John. Unglaublich aber ihm schien es noch kälter zu werden.
Kaum stand er im Foyer, rief seine Mutter von oben, »bist du es Tulpe? Es ist spät, du solltest lieber nicht abends auf den Straßen sein, bis der Mörder gefasst wurde.«
»Ja Ma'am aber ich bin Polizist!«
»Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ich will nicht, dass du dich nachts herumtreibst, Sohn!«
»Ja Mutter ich werde, gleich morgen früh versuchen, das meinen Vorgesetzten in Brighton zu erklären, sicherlich werden sie Verständnis haben, dass ich nur bei Sonnenlicht Polizeiarbeit machen kann!« Sein Sarkasmus war verschwendet. »Guter Junge, sage dem Dienstmädchen sie soll dir Tee und etwas zu essen machen.«
John ging in sein Arbeitszimmer und drehte das Gas etwas weiter auf, setzte sich in den bequemen Diwan am Kamin und begann zu lesen. Ein Schauer überlief ihn in seiner warmen, vertrauten Umgebung, auf dem Diwan hingestreckt und auf das Essen wartend. Im Kamin glomm Glut und die Gaslampen legten einen goldenen Lichtschimmer auf die polierten Möbel. Die Kälte in seinem Inneren ließ sich selbst nicht durch eine Tasse dampfend heißen Tee vertreiben, die auf dem kleinen Beistelltisch neben ihm stand. Stumm und mit seit Generationen vererbter Hochachtung vor den Herrschaften, in einer gestärkten weißen Schürze trug das Dienstmädchen die Fischsuppe auf. Als Hauptgang gab es Lamm in einer Rotweinsoße, Miss Clearance, die seit dreißig Jahren im Haushalt war, hatte die Speise extra aufgewärmt. Zwar konnte das Personal nicht verstehen, welcher irrsinnige Geist John verführt, hatte in den einfachen Polizeidienst zu treten. So dem Namen seines Vaters keinen Gefallen zu erweisen. Aber dennoch blieb er der Sohn der Herrschaft, eine Stellung weit über der eines Lakaien egal, was der Sohn der Herrschaft auch machte. Selbst wenn er im Gefängnis saß, schlimmer noch, selbst wenn er einen Beruf ergriff, der keinem Gentleman gut zu Gesicht stand wie der eines Constable der Grafschaft Polizei.
Die Augen zusammengekniffen als blicke er in die grelle Sonne, blinzelte Littlewood misstrauisch zu Inspektor Snyder hinüber. Er saß bei hochgedrehtem Gaslicht am Schreibtisch seines Arbeitszimmers im Scotland Yard Gebäude und dachte über Kannibalismus und Kultur nach. Die Polizeiarbeit hatte nicht nur eine rein intellektuelle Seite, sondern auch eine philosophische okkulte die der Inspektor mochte. Er hatte diesen Kleinstadt Arzt gebeten, das mit der Menschenfresserei für sich zu behalten aber er würde es nicht können. Die Schweigepflicht musste eine zu hohe Bürde für den armen Mann sein. Inspektor Snyder saß auf der andern Seite des Büros und rauchte ruhig und bedächtig eine seiner Zigarren. Ab und zu nahm er einen Schluck aus einer Flasche Dr. Summers Nerven Tonikum. Littlewood vermutete, dass es zu gut 90 Prozent aus Gin bestand, jedenfalls roch es in dem Büro wie in einer Kneipe im Eastend. Die andere Hand des Inspektors spielte mit seiner Taschenuhr eine Auszeichnung für zwanzig Jahre treue Dienste im Namen ihrer Majestät Queen Victoria. Littlewoods Ärmel waren hochgekrempelt, sein Seidenhemd war blaugelb gestreift. Sein Anzug saß perfekt, als habe der Inspektor seinen persönlichen Schneider. Für Inspektor Snyder hatte sein Vorgesetzter etwas von einem Beau Brummel, etwas von einem Kensington Salon Bohemien und sehr wenig von einem Polizisten an sich. Nicht, dass Inspektor Snyder sich der Illusion hingab, New Scotland Yard in London bestünde nur aus zupackender Redlichkeit. Gegen den Chief sah der Inspektor zutiefst gewöhnlich aus, wie er dasaß, paffte und vor sich hinstarrte und wahrscheinlich über Nichtigkeiten wie seine Eheprobleme nachdachte. Littlewood öffnete endlich den Mund und brach die Stille.
»Ein Kopf arrangiert im Bett des Schlafzimmers! Wie grotesk.«
Inspektor Snyder lächelte säuerlich. »Ja das sind die Sachverhalte«, er seufzte. »Das Opfer, ein Fall, den East Sussex selber angehen sollte, wir haben hier genug mit unseren Fällen zu tun, wurde mit einem scharfen Messer oder Bajonett verletzt. Ihm wurden die Nieren entfernt, sagt dieser Arzt.«
Littlewood nickte und merkte an: »Dann bereitete sich der Mörder in aller Ruhe sein Nieren Haschee zu. Sehr geschmackvoll die Leute unterschätzen ein gutes Nierengericht, halten es im Gegensatz zur französischen Küche nur für ein Arme Leute Essen!«
»Der Eigentümer der Nieren, aus denen sich der Täter ein von ihnen so geschätztes Haschee gemacht hat, war kein beliebter Mann, hatte einige Bedeutung da unten in der Provinz.« Snyder sprach das Wort Provinz mit derselben Verachtung aus, wie ein römischer Kaiser, wenn er von den Briten sprach.
»Hatte er private Probleme? Nachbarschaftsstreits? Haben wir schon die Akten sämtlicher Irrenanstalten?«
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