Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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»O Mist.«

Klinkhammer war noch klar genug und registrierte mein Deutsch. Er drehte sich um.

»Ach, bist du etwa Deutscher?«

»Ja, ich bin Deutsche.«

Klinkhammer bemerkte den kleinen Unterschied nicht. Aber er wurde neugierig.

»Aha. Wie heißt du? Wo kommst du her?«

»Ich bin Sabrina, ich komme aus B…, Hannover.« Fast hätte ich mich verquatscht.

»Dr. Klaus Klinkhammer. Konsul.« Er deutete eine Verbeugung an. »Kennen wir uns nicht irgendwo her? Bist du schon länger in Brasilien?«

»Freut mich, Sie kennenzulernen.«

Die Lüge ging mir glatt über die Lippen. Ich war froh, dass er mir nicht seine Hand anbot. Sie glänzte schmierig.

»Sabrina, aha. Schöner Name, selbst ausgedacht?«

»Hab ich mir von ner echten Wahnsinnsfrau geliehen.«

Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen. Schade, dass Sabrina nichts davon mitbekommen würde.

»Ach. Und, was machst du hier?«

Die Worte krochen nur noch mühsam über seine Lippen. Sobald sie in Freiheit waren, sanken sie schwer zu Boden.

»Ich bin hier zum Spaß haben. Und weil ich so dekorativ bin.«

»Haha, und, klappt das?«

»Noch nicht so richtig. Vielleicht können Sie mir dabei helfen?«

»Hehe, vielleicht. Du bist ja eine Sierde, wirklich. Hast du schon gegessen? Danach noch was vor?«

Ich verstand nicht, was er mit »Sierde« meinte .

»Ich habe noch nichts vor«, erwiderte ich, mit Seitenblick auf den Schwabenheini.

»Ich bin schon voll. Auch wegen der Pipinummer. Nehmen wir noch einen Drink? Komma mit sur Bar.«

Jetzt hatte ich das mit der »Sierde« verstanden. Ich folgte Klinkhammer, der mich am Ellenbogen zur Bar führte.

»Caipi mit Guarana?«, fragte er und bestellte zwei, ohne die Antwort abzuwarten.

Am Tisch richtete sich Franca mit Jacks Kopf zwischen den Beinen auf. Unter Gejohle rutschten die Reste an ihr hinunter. Gordon und der Bulle packten sie an den Armen, Jack die Beine. Sie wurde vom Tisch gehoben und Richtung Bad getragen. Ana-Jeisol hielt die Türen auf.

Klinkhammer bereitete dieser Abgang sichtlich Freude.

»Gebt acht, dass ihr Jack nicht ersäuft. Der kriegt seinen Kopf da unten nicht mehr weg«, brüllte er hinterher.

Dann verlangte er von Remo ein Handtuch und wischte sich damit Gesicht und Hände ab.

Ich hätte gerne meinen Ellenbogen abgewischt, aber das durfte Klinkhammer nicht bemerken. In diesem unbeobachteten Moment warf mir Schaffrath einen besorgten Blick zu.

Klinkhammer ließ das Handtuch auf den Boden fallen.

»Na, scheint so, als ob Frank dich nicht gerne abgibt. He, Frank, ich darf mir doch mal eben Ihrn Freund hier ausleihen, oder?«

Schaffrath nickte verwirrt. Klinkhammer kippte den Rest seines Drinks.

»Nochmal dasselbe.« Er knallte sein Glas auf die Theke.

»Mach leer. Lass uns mal nach nebenan gehn.«

Er unterdrückte mühsam einen Rülpser und beobachtete, wie ich den Alkohol in mich hinein schüttete.

»So is brav. Nimm mal die Gläser, hups, un komm, wir haben noch was vor, hehe.«

Ich folgte ihm vorsichtig mit den Drinks in der Hand. Einen waidwunden Blick aus einem schnauzbärtigen Dackelgesicht konnte ich noch erhaschen. Ich zweifelte, ob ich mit Klinkhammer besser dran war.

Klinkhammer öffnete die Tür zum ersten Schlafzimmer. Lautes Kreischen, Gelächter und Wasserrauschen drang aus dem Bad. Ich wurde ins Zimmer geschoben, hinter mir verriegelte Klinkhammer die Tür. Schwer schnaufend sank er aufs Bett und fixierte mich.

»Stell mal die Gläser ab. Ja, da, gut. Na, hast du dich von Schaffrath breitschlagen lassen hinter mir her zu spionieren?«

Das traf mich wie ein Donnerschlag. Mir blieb der Mund offen stehen. Als Klinkhammer weiterredete, klang er auch nicht mehr so besoffen.

»Ich weiß doch, was der vorhat. Der hält mich wohl für blöd. Die wollen mich absägen, aber so einfach ist das nicht. Dass die sich ausgerechnet den Schaffrath dafür aussuchen … Der schleimt sich doch schon seit Wochen bei mir ein. Glaubt der etwa, ich merke das nicht? Jetzt hat er sich noch ne Nutte angelacht, die ihm helfen soll. Haha, das macht mir Spaß. Ich hab ihn ordentlich eingeseift. Wart mal ab, das dauert nicht lang, dann frisst der mir aus der Hand, haha. Richtig Bimbes 6262, öfters mal ne Nase voll und ordentlich ficken, dann geht er im Geschirr. Der Schuss geht nach hinten los, haha.«

Er trank einen ordentlichen Schluck.

»Komm, steh nicht so dämlich rum, setz dich. Ich will dir nichts tun. Was hat er dir denn versprochen? Was sollst du machen? Aushorchen?«

»Ich … ich hab Probleme mit dem Aufenthalt, mit der Polizei, ich brauch dringend Geld.«

»Haha, viel kanns ja nicht sein, was er anbietet. Schaffrath hat doch keinen Etat, das sind doch nur Peanuts. Bist ein billiges Flittchen, was?«

»Viel brauche ich ja nicht, nur ein bisschen Geld, damit ich mir ein Zimmer nehmen kann bis ich zurückfliege. Jetzt hause ich in einer Baracke bei Bekannten, ganz schön mies. Ich hab noch nicht mal ein eigenes Bett.«

»Soso. Bist in ner Favela untergekrochen, was? Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist? Da traut sich noch nicht mal die Polizei rein.«

»Nee, ganz so schlimm ist das da nicht, aber trotzdem, ich muss da raus.«

»Nicht so gefährlich? Soso. In welcher bist du denn untergekrochen? Paraisópolis? 6363Du kannst doch noch nicht mal Portugiesisch, oder?«

»Nee, das ist so eine ganz kleine, zwischen dem Fluss und der Straße. Ich weiß nicht, ob die überhaupt einen Namen hat. Aber wenn ich da noch länger bleiben muss, dreh ich echt durch.«

Klinkhammer blickte mich sinnend an. Seine blassblauen Augen schimmerten wässrig, in seinem Gesicht hatten sich die Spuren der Ausschweifungen tief eingegraben. Sein ehedem sicher markantes Kinn war konturlos weich geworden und hatte sein Alleinstellungsmerkmal verloren. An sich hätte ich auf so einen geschissen, in dem Augenblick war er aber oben auf. Ich lege mir besser eine Unterstützungsreserve zu, das könnte noch ganz hilfreich sein, dachte ich.

»Also, pass mal auf«, sagte er, »ich mach dir einen Vorschlag. Du erzählst mir, wie Schaffrath das einfädeln will. Dann rufst du mich morgen an, wir machen einen Termin, wo du schriftlich bestätigst, dass er dich für eine Intrige gegen mich bezahlen wollte. Ich lasse dafür zweitausend Reais springen, bar bei Unterschrift. Einverstanden?«

Ich tat so, als ob ich überlegen musste. »Dreitausend. Für Dreitausend kommen wir sofort ins Geschäft.«

Klinkhammer lachte. »Du verkennst deine Lage, Freundchen. Ich könnte dich hier und heute aus dem Verkehr ziehen lassen. Auch für immer, eine Bemerkung von mir reicht. Aber gut, die Sache macht mir Spaß. Sagen wir Dreitausend, soll mir recht sein. Also, wie will ers machen?«

»Ich soll eine Aussage gegen Sie unterschreiben und notfalls in Deutschland vor Gericht wiederholen.«

Er riss die Augen auf und glotzte mich an.

»Das ist alles? Einfach nur eine Aussage? Von dir?«

»Ja, mehr wollte er nicht.«

Er legte den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend.

»Ich glaubs ja nicht. So ein Anfänger. Damit wollen die mich kriegen? Noch nicht mal eine ordentliche Intrige bringen die hin. Eine Aussage. Ich fass es nicht, eine Aussage. Von einer Nutte. Von nem Transvestit, der auf den Strich geht. O Mann, o Mann. Allein schon wegen seiner Blödheit gehört er bestraft.«

Klinkhammer konnte sich kaum beruhigen, immer wieder lachte er und schüttelte dabei den Kopf. Sollte sich jemals die Gelegenheit ergeben, werde ich ihm die Eier abschneiden, dachte ich. Mit einer Nagelschere, ich schwörs.

Er leerte sein Glas und kam langsam wieder runter.

»Gut, wir sind uns einig. Hier ist meine Karte, ruf mich morgen an. Zur Feier des Tages heben wir noch einen. Geh mal was holen, dann kannst du mir einen blasen. Kannst du bestimmt gut, du weißt wie man mit so nem Ding umgeht, oder?«

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