Eine Stunde später saß John wieder neben der schlafenden Lara in seinem eigenen Quartier.
Er blickte zu dem Beutel mit klarer Flüssigkeit, die in stetiger Regelmäßigkeit in den Schlauch tropfte, durch den sie intravenös versorgt wurde.
Lara war viel zu dünn und er bezweifelte, dass dieses Zeug in den Beuteln dazu taugte, sie aufzupäppeln. Den Überwachungsmonitor hatte er sich von Alva eingehend erklären lassen. Vielleicht ein bisschen zu eingehend, denn nach seiner Frage zu den Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer vorrätigen Blutdruckmittel – nur für den Notfall –, wirkte sie doch etwas genervt. Die Ärztin hatte ihm gesagt, dass Lara nur bis zum nächsten Tag an die Geräte angeschlossen bleiben müsste und auch nur zur Sicherheit, weil ihr der Tumor große Sorgen bereiten würde.
Arabella – er hörte sie mit seinen feinen Ohren draußen auf dem Flur zu seinem Quartier gehen. An ihrem leichten, schwungvollen Gang war sie stets gut zu erkennen.
„Komm rein, Arabella! Die Tür ist offen.“
Er musste schmunzeln, denn obwohl er mit dem Rücken zu ihr saß, spürte er doch, dass sie wie ein frischer Wind in seine Wohnung hereingeweht kam. Ara, die Lebendigkeit in Person, sportlich und für jedes Abenteuer zu haben.
„Hier, fang auf!“
Er drehte sich um und schaffte es nur dank seiner Vampirgeschwindigkeit, die zwei Bücher noch rechtzeitig aufzufangen, die das Exmodel in seine Richtung geworfen hatte.
„Schnell wie ein Vampir!“
Arabella grinste – was sonst! Manchmal fragte er sich, ob ein normaler Mann überhaupt mit ihr mithalten könnte. Er hatte Vinz schon öfters über ihre Abenteuerlust stöhnen gehört, allerdings immer mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
„Danke, Arabella, aber mir ist nicht langweilig.“
Beschwingt trat sie neben Laras Bett.
„Ja, wie ich sehe, bist du mit Händchenhalten und Anstarren voll ausgelastet. Lass mich raten, du hast dich in den letzten Stunden keinen Zentimeter von ihr wegbewegt, oder?“
Ähm – nein. Aber er sparte sich die Antwort lieber.
Sinnlos, denn Arabella ließ nie locker. Jetzt wedelte sie mit einem der Bücher vor seinen Augen herum. Er seufzte – extra – und unterdrückte ein Schmunzeln, als er sich ihr zuwandte.
„Okay, Ara, schieß los, du lässt mir ja doch keine Ruhe.“
„Deine Lara ist Lara Livingstone, die Autorin! Ich hab dir zwei ihrer Bücher mitgebracht, also bedank dich artig bei mir, ich leih sie dir nämlich.“
Er überflog kurz die Titel, bedankte sich brav ein zweites Mal und legte sie auf das Nachtkästchen.
„Vor fünf Minuten hat sich Elia bei mir gemeldet. Der Paketbote hat gerade meine bestellten Bücher abgeliefert. Ich geh gleich rüber und hol alles bei unserem Computergenie ab. Dann hab ich jeden einzelnen Band deiner Schriftstellerin. Sogar Alva ist neugierig auf ihre Bücher! Für sie habe ich extra eine zweite Ausgabe des Ritterromans gekauft.“
„Ritterroman?“
Ara boxte ihn freundschaftlich in die Schulter.
„Der Hammer, oder? Das wäre genau das Richtige für dich!“
Jetzt musste er doch schmunzeln.
„Vinz hat mir mal erzählt, du warst früher Ritter. In einer deiner alten Truhen soll sogar noch das Rittergewand mit eurem Familienwappen liegen. Das ist soo irre!“
Arabellas Augen sprühten förmlich vor Begeisterung und sie wirkte auf ihn wie ein angezündetes Tischfeuerwerk, das gleich mit einem Knall seinen glitzernden Inhalt verstreuen würde.
„Hey, ich hab dich zum Lächeln gebracht!“
Stimmt, ihre Begeisterung war ansteckend, man musste Ara einfach gern haben. Von allem, was das Vampirdasein zu bieten hatte, war Ara völlig begeistert und neugierig ohne Ende.
„Du bist noch so jung, noch keine hundert Jahre alt.“
„Tja, aber dafür hab ich die 80er Jahre voll ausgekostet, das sag ich dir!“
Ob Lara auch so neugierig und begeistert vom Vampirdasein wäre? Er hörte sein eigenes Seufzen.
Agnus hatte ihm noch mal eingeschärft, dass er Laras Erinnerungen löschen müsste, falls sie ihn und das Hauptquartier verlassen würde. Nur als seine Gefährtin durfte sie von den Vampiren und vom Hauptquartier wissen.
„Hey, Großer! Schieß los, wo drückt dich der Schuh?“
Trotz allem äußeren Überschwang konnte man dem Exmodel keine Oberflächlichkeit nachsagen.
„Du machst dir Sorgen, wie sie es aufnimmt, oder?“
Er hatte von Anfang an bemerkt, was für ein feines Gespür sie besaß. Eine Antwort schien ihm überflüssig.
Doch Ara ließ es wieder nicht dabei bewenden, beugte sich herunter und nahm die Haut seiner Wangen zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann zog sie sie spielerisch hin und her, wie man das vielleicht mit den schlabbrigen Lefzen eines Bassets machen würde. So kam er sich auch gerade vor.
„Mensch, du bist doch eine gute Partie! Du siehst super aus, Waschbrettbauch, knackiger Po, klassische Kinnpartie.“
Endlich ließ sie los, wuschelte dafür aber in seinen Haaren.
„Und aus deinen traumhaften Locken könnte ein anständiger Coiffeur eine schicke Frisur zaubern. Außerdem hast du Geld wie Heu …“
Arabella – sie redete sich gerade erst warm. Besser gleich unterbrechen, bevor sie richtig in Fahrt kam!
„Danke für deine aufmunternden Komplimente, aber ich glaube nicht, dass das so leicht wird. Was soll ich ihr denn sagen?“
Nicht, dass er in der letzten Stunde nicht schon hundert Mal darüber nachgedacht hätte. Kein Wunder, dass Alva ihn belächelt hatte!
„Willkommen bei den Vampiren? Leider habe ich aus Versehen durch mein Blut eine Symbiose mit dir ausgelöst und schon zur Hälfte besiegelt? Jetzt sag schön brav Ja und werde meine Gefährtin für die Ewigkeit, sonst werde ich wahnsinnig?“
„Dabei würde ich dann gern ihr Gesicht sehen.“
Typisch Ara!
„Nein, im Ernst. Wie wär’s mit: ‚Ich liebe dich‘? Immerhin hast du dein unsterbliches Leben für sie riskiert.“
Ich liebe dich. Könnte das so einfach sein?
Er lehnte sich zurück, fuhr sich mit der Hand durch seine goldbraunen Haare und schaute zu Lara.
„Wir kennen uns doch kaum, sind uns erst einmal begegnet.“
„Wow! Dann muss es da aber ganz schön zwischen euch gefunkt haben! Immerhin ist ihre Blüte erwacht. Sie muss sich also in dich verliebt haben, denn ohne die entsprechenden Hormone in ihrem Blut wäre das nicht möglich gewesen.“
Da hatte Ara recht, denn damit sich aus den zwei unscheinbaren Blättchen eine Blüte entwickelte, musste die Chemie stimmen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
Neugierig, wie Ara nun mal war, beugte sie sich über Lara und wollte die Blüte in ihrem Nacken gerade in Augenschein nehmen.
„Bitte, Ara, wir sind hier nicht im Zoo. Es sind wunderschöne Lavendelblüten.“
„Irre! Ach hör mal, bevor ich’s vergesse. Sarah ist gerade dabei, für dich zu kochen. Jetzt, wo du das erste Mal wieder essen kannst, seit …“
Er merkte, dass sich Ara auf die Lippe biss, und war froh, dass sie nicht weitersprach.
„Nett von Sarah.“
Ihr Essen war immer lecker, aber ohne Hautkontakt und die Symbiose mit Elisabeth, hatte er nach ihrem Tod keine Nahrung mehr verdauen können.
„Ambrosius hat übrigens herausgefunden, dass es chemische Botenstoffe sind, übertragen durch die Haut der Frau, die eure Verdauung in Gang setzen. Jetzt startet er eine Versuchsreihe nach der anderen, um diese Stoffe künstlich nachzuahmen.“
„Wäre schön, wenn’s klappt.“
Nach dem Tod von Elisabeth hatte er nicht mehr mit den anderen essen können. Und einfach nur dabeizusitzen und den anderen voller Appetit zuzusehen, tat weh, deshalb blieb er fast allen Einladungen fern. Nur das jährliche Weihnachtsessen bildete da eine Ausnahme, weil Agnus und seine Frau für die ledigen Wächter eine besondere Lösung gefunden hatten.
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