„Was anderenfalls?“, fuhr ihn Eddi an. Kaum ausgesprochen, packte ihn das Muskelpaket am Schlafittchen und beförderte ihn nach draußen. Ein kräftiger Stoß, kombiniert mit einem wuchtigen Tritt in den Hintern, beschloss die Aktion und ließ den Ärmsten kopfüber neben der Tür in eine Rabatte stürzen.
Angewidert wischte sich das Schwergewicht die Hände an einem Lappen ab, als hätte er einen Eimer Jauche entsorgt. Eddi war am Ende. Er fühlte sich am Boden zerstört. Konnte es eine schlimmere Demütigung geben?
Er stützte sich gerade auf einen Mauersims, als ihn unverhofft eine vertraute Stimme von der Seite ansprach. „Eddi? Eddi Corleone? Ich werde verrückt! Mensch, was machst du denn hier?“
Erschrocken wandte sich der Angesprochene um und erblickte niemand anderen als seinen alten Kumpel Knolle, Alfredo Hochstetter. Er war aus einer Seitentür gekommen und hatte die ganze widerwärtige Szene mit angesehen.
Eddi glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Obwohl seit ihrer letzten Begegnung gute zehn Jahre vergangen waren, hatte sich Alfredo nur wenig verändert. Er war von der gleichen trägen Behäbigkeit, die ihn unkompliziert und liebenswürdig machte. So grinste er viel und wirkte dabei drollig wie ein unbedarfter Knabe. Nur sein Haar war mittlerweile leicht ergraut und kurz geschoren, weshalb sein ohnehin rundliches Gesicht noch voller wirkte.
„Du wirst es nicht glauben: Ich habe auf dich gewartet. Und das ist dabei herausgekommen“, erklärte Eddi zur Verwunderung seines Gegenübers.
„Du auf mich? Wieso?“ Alfredos Gesicht war eine einzige Frage.
„Es war ja nicht zu überlesen, dass sich der Maître heute Abend die Ehre gibt“, erklärte er in gekünstelter Ehrfurcht.
„Ach so, ja. Hehe!“ Alfredo lachte verschämt. „Und warum wartest du hier draußen? Du hättest reinkommen können.“
„Das wollte ich ja. Aber der Teufel steckt im Detail“, scherzte der Geschundene und hielt ihm, wie zum Beweis, die geröteten Handflächen entgegen.
„Wie ich sehe, bist du immer noch der Alte“, kicherte Alfredo.
„Was man von dir nicht sagen kann. Vom Tellerwäscher zum Maître de Cuisine! Wenn mir das früher jemand prophezeit hätte … Apropos, damals … Ich dachte, du bist in der Nähe von Bulle abgestiegen?“
Sogleich erzählte ihm Alfredo seine Odyssee: Nach seinem Fortgang aus dem Engadin war er zunächst durch mehrere Orte getingelt. Zu guter Letzt hatte er in der Four Seasons Hotelkette eine Anstellung als Abwäscher gefunden. Danach durchlief er einige Qualifikationen und hatte es bald darauf in die höhere Etage geschafft. Als es ihm zudem gelungen war, die Presse auf seine Seite zu ziehen und ein paar positive Resonanzen zu ergattern, lief der Rest wie geschmiert. „Weißt du, man muss nicht unbedingt gut sein. Es genügt, wenn man für gut gehalten wird. Und dafür gibt es die Presse, hahaha. Man muss nur an den richtigen Stellen den Mund aufmachen und ihn an den falschen halten, dann wird man weiterempfohlen. Und hat man erst mal eine gewisse Lobby, läuft der Rest wie von selbst. So funktioniert das.“
„Na, dann weiß ich ja, was ich die ganzen Jahre falsch gemacht habe“, beklagte sich Eddi. „Mich hat bisher noch niemand weiterempfohlen. Muss wohl an meiner Nase liegen, hehehe.“
„Kopf hoch, alter Knabe. Nimm’s nicht so schwer. Hier! Möchtest du probieren?“, fragte Alfredo und hielt ihm ein Bonbon hin. „Eigene Kreation.“
„Ich bitte dich.“
„Nun nimm schon.“
Nach einigem Zögern wickelte Eddi das Bonbon aus, kaute ein wenig darauf herum und sah Alfredo erstaunt an.
„Eine Wucht, was?“, strahlte der ihn an.
Eddi mimte Sachkunde, indem er langsam lutschend die Augen schloss und mit wiegendem Kopf urteilte: „Ja, das könnte was werden.“
„Ist es längst“, orakelte sein alter Freund mit geheimnisvollem Grinsen. „Und ich gedenke, damit demnächst den Markt zu erobern. Erste Gespräche mit Nestlé laufen bereits.“
„Mit Nest…“ Eddi verschluckte sich.
„Was ist? Ist dir nicht gut? Du siehst so blass aus?“
„Nein. Es könnte mir nicht besser gehen (‚verdammter Idiot‘ verkniff er sich). Bestimmt liegt’s am Bonbon“, scherzte Eddi und hielt kurz inne. Dann setzte er gedankenverloren hinzu: „Und wenn man bedenkt, dass alles seinen Anfang mit diesem Besteck nahm.“
„Besteck?“ Alfredo guckte ihn fragend an: „Welches Besteck?“
„Na, die Messer von deinem Freund, dem Franzosen. Wie hieß er gleich? Ach ja, Gaston!“
„Ach, das! Ja, das hat mir Glück gebracht“, wich er verschämt aus.
„Das freut mich. Da hat sich mein Einsatz wenigstens gelohnt.“
„Und wie ist es dir so ergangen?“, erkundigte sich Alfredo, dem das Thema sichtlich unangenehm war. „Wie ich sehe, nicht besonders“, nahm er die Antwort gleich vorweg.
„Ach was! Das täuscht“, winkte Eddi ab. „Es lag nur an den falschen Arrangements. Außerdem fehlte mir die Lobby, wie du so schön sagst.“
„Was hast du für Pläne?“, fragte Alfredo, der längst ahnte, dass sein alter Freund im Schlamassel saß.
„Welche Pläne?“
„Du hattest doch immer welche. Sollte sich das geändert haben?“
„Ach so. Ja, natürlich, hahaha … Nicht der Rede wert. Ich bin hergekommen, um dich zu sehen.“
„Wirklich?“, bezweifelte Alfredo und musterte ihn eingehend. „Sag, wenn ich dir helfen kann. Für einen alten Freund tue ich es gern.“
„Nein danke“, lehnte Eddi ab. „Sonst denkst du am Ende noch, ich sei nur deswegen gekommen.“
„Unsinn. Dafür kenne ich dich zu gut“, schmeichelte er und beschämte ihn gleichermaßen. „Komm, ich fahre dich nach Hause. In diesem Zustand kannst du unmöglich zu Fuß gehen. Mein Wagen steht um die Ecke.“
Zunächst zierte Eddi sich. Doch wenig später ließ er sich darauf ein. Zu seiner Verwunderung handelte es sich bei diesem Auto um einen exklusiven pinkfarbenen Maserati von enormem Wert. Während ihn Alfredo nach Hause fuhr, musste Eddi zu seiner Schande gestehen, noch nie in einer solchen Karosse gesessen zu haben. Das ließ auf einiges schließen.
Natürlich lehnte er Alfredos Hilfsangebot von hundert Franken ab. „Was soll das?“, raunzte er ihn an und tat, wer weiß wie, beleidigt. Kurze Zeit später waren sie in der Via Val Roseg angelangt. Nachdem Eddi ausgestiegen war, zündete er sich umständlich eine Zigarette an und wartete, bis Knolle verschwunden war. Er wollte nicht, dass er ihm ins Haus folgte.
Am nächsten Morgen sah er die Sache nüchterner und ärgerte sich, das Geld nicht genommen zu haben. „Mama Mia! Hundert Franken! Wie kannst du nur so bescheuert sein“, schalt er sich und hätte am liebsten in den Spiegel geschlagen. Freilich hätte er nie gedacht, dass es dieser pummelige Trottel so weit bringen würde. Doch für Neid war kein Platz. Von nun an galt es, Kasse zu machen. Und prompt hatte er eine Idee. Er nahm Alfredos Visitenkarte zur Hand und eruierte dessen Adresse. Wie nicht anders zu erwarten, befand sich der Wohnsitz in einer Schickimicki-Zeile, was seine Entschlossenheit ins Unermessliche steigerte.
Kurzerhand machte er sich zu Fuß auf den Weg. Als er sein Ziel erreicht hatte, schlich er erst einmal um das Wohnhaus. Dabei handelte es sich um ein mehrgeschossiges Gebäude, das ausschließlich Nobelsuiten beherbergte. Ein vergoldetes Klingeltableau wies allerhand hochtrabende Namen und Titel auf, von denen höchstens die Hälfte stimmte. Aber das gehörte zum guten Ton. Nur Idioten nannten ihren tatsächlichen Namen. Und Knolle gehörte dazu.
Neben dem Haus befand sich die Zufahrt zur Tiefgarage, deren Ausfahrt mit einer Lichtschranke gesichert war. Flink huschte Eddi darunter hindurch und suchte fiebernd nach dem Maserati. Aufgrund seiner auffälligen Farbe hatte er ihn auch schnell gefunden.
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