Im Rahm einer Milchflasche kämpfte eine Fliege um ihr Leben. Prompt nahm Rosanna einen Holzlöffel aus der Tischschublade, fischte das Insekt heraus und trug es zur Tür. Kraftvoll schlug sie den Löffel aus. Dann blieb sie im Türrahmen stehen und schaute in Richtung des Weinspaliers, bis sich ihr Blick in der Ferne verlor.
Sicherlich, das Leben in den Bergen war nicht einfach. Auf die Fliegen des Sommers folgten die Eisblumen des Winters. In den wärmeren Monaten vermischte sich der würzige Geruch zahlloser Alpenkräuter mit dem kräftigen Duft der Tannen, welche das Ende der Baumgrenze markierten. Rosanna schaute durchs Fenster auf das majestätische Gebirge mit seinen kahlen Felsen, durchbrochen von blau-weißen Gletscherzungen.
Es war eine weite Fläche, leer und windzerfurcht. Hoch oben war es gefährlich. Auf den ungesicherten Pisten drohte man schnell, auf ein Schneebrett zu treten und in eine Spalte einzubrechen. Trotz Warnungen wagten sich immer wieder unerfahrene Touristen dort hinauf, ohne den Blick für Veränderungen im Schnee, Verformungen der Felsen und vor allem ohne Respekt vor dem Berg. Nie im Leben würde Rosanna freiwillig hinauf zu den Fallwinden gehen.
Während sich Maurice zum Vater gesellte, öffnete sie erneut ihre Tasche und holte einen Knochen für Rufus hervor, der sich im Schatten der kleinen gekalkten Scheune ausgestreckt hatte. Sogleich kam der Hund herbeigetrottet. „Siehst du, mein Dicker, da drüben sitzt der unverbesserliche Einsiedler und will nicht begreifen. Und warum? – weil wir uns ähneln. Kein Wunder, dass er mich hasst“, flüsterte sie und kraulte ihm den massigen Kopf. Rufus wedelte mit dem Schwanz. Für einen Moment kehrte Frieden in ihr Herz. Schließlich erhob sie sich. Ein Lufthauch fuhr in ihr Haar. „Da ist sie wieder, die Kälte“, murmelte sie.
Kurz darauf suchte sie die Scheune auf. Mit stockendem Atem hob sie den Riegel und öffnete die knarrende Tür. Postwendend wurde sie von der Dunkelheit umfangen, nur durchbrochen vom trüben Licht der Stallfenster. Die Zeit stand still. Rosanna trat näher. Trockenes Laub knirschte unter ihren Sohlen. Ihre Augen begannen, die Dunkelheit zu durchdringen. Ein Schnauben hier und dort, ein Klirren der eisernen Ketten und ein Rascheln im Stroh. Aus einer Ecke drang das Kollern einer Pute. Der Geruch glotzender Milchviecher wehte ihr entgegen. Ein neugieriges Muhen ertönte, eine Selbsttränke rauschte.
Mit einem Mal dominierte der Glockenton der Milchkuh Lisa die Geräuschkulisse – Rosanna erkannte ihn sofort. Ein paar Lichtstrahlen glitzerten auf der rostigen Egge an der gekalkten Wand neben der Holztür. Auf dem Dielenboden stand eine Schubkarre, aus der ein Vorschlaghammer ragte. In einem schrägen Lichtbalken tanzte der Staub. Dann bemerkte sie die Spinnweben im Gebälk. Sie wusste um die in den Ecken und Winkeln lauernden Beutefänger. Der alte Ziegenbock meckerte wie gewohnt in seinem Verschlag. Hunderte rötlicher Kristalle glitzerten auf dessen Salzleckstein. Ein weiterer Sonnenstrahl stahl sich durch eine Ritze des Schindeldaches. Dieser Gang in den Schuppen kam einer Offenbarung gleich. Von den Erinnerungen gequält, empfand Rosanna eine unangenehme, beinahe schmerzhafte Reizbarkeit, die sie nicht lange ertrug. Ruckartig wandte sie sich ab.
Kurze Zeit später fand sie sich am Tisch bei Vater und Bruder ein. Beide hatten sich inzwischen über irgendetwas erhitzt. Maurice zog einen Stuhl für sie heran und schob ihr eine Tasse Kaffee zu. Dieser war aufgrund des manischen Sparzwanges des Vaters wie immer ungewöhnlich, um nicht zu sagen peinlich dünn. Urs würdigte sie indes keines Blickes.
„Dass ich nicht lache“, rief der Vater aus. „Alles selbstlose Reden. Lass das meine Sorge sein. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass so etwas funktioniert!“
„Versteh’ doch Papa. Ein Café brächte nur Vorteile und du hättest immer Gesellschaft“, griff Maurice das Gespräch wieder auf.
„Unsinn!“, würgte ihn der Alte ab. „Ausufernder Tourismus, Hektik, Lärm. Gerade du solltest wissen, dass man die Berge niemals herausfordern sollte. Und im Übrigen habe ich genug zu tun.“
„Tut mir leid, aber das wird nicht reichen“, intervenierte Maurice. „Spätestens, wenn das Milchvieh abgeschafft ist, wirst du …“
Urs schlug mit der Faust auf den Tisch, worauf Rosannas Kaffeetasse überschwappte. „Nur über meine Leiche! Die Lisa wird nur per Abdecker den Hof verlassen!“
„Seid nicht töricht“, warf Rosanna ein und erntete böse Blicke.
„Du könntest endlich den ganzen Tag deine Wurzelmänner schnitzen oder Touristen die Mühsal des bäuerlichen Lebens erklären“, ließ Maurice nicht locker. „Das wäre kein Vergleich zur sonstigen schweren Arbeit … Außerdem würdest du somit einen Teil unserer Traditionen bewahren!“
Urs strich sich über den Bart. „Die Schnitzereien sind nur ein Zeitvertreib im Winter. Davon kann man doch nicht leben. Und noch bin ich kein alterndes Urgestein, das man anderen in einem Schaukasten präsentiert.“
„Du magst recht haben, Vater. Aber …“
„Nichts aber! Hast du jedes Gefühl für Pflicht und Ehre verloren?“
„Mit solchen Tugenden kann man heutzutage den Hof unmöglich halten!“, brauste Maurice auf. „Tut mir leid. Ich habe die Regeln nicht gemacht.“
Der Vater schwieg. Jedoch verfolgte er jede Regung der Geschwister, jeden Blick, jede noch so kleine verstohlene Geste. Plötzlich raunzte der Alte: „Du solltest dich schämen, so zu reden, Maurice! Offenbar hat dich ein bestimmter Einfluss verwirrt!“ Vorwurfsvoll schaute Urs zu seiner Tochter hinüber.
„Sag ruhig, was du denkst, Papa. Ich bin doch ohnehin an allem schuld“, provozierte sie ironisch, wobei sie in aller Ruhe die Kaffeepfütze mit einem Zellstofftuch auftupfte.
„Wer hat dich gefragt?“, schäumte Urs prompt, den ihr Gleichmut kränkte. „Ich habe mein Leben hart gearbeitet. Und nur weil mich meine Kräfte verlassen, heißt das noch lange nicht, dass der Hof unrentabel ist. Schönleitners sind ein altes Bauerngeschlecht, die stets aus nichts etwas gemacht haben. Seit Urzeiten haben wir hier gelebt und werden es weiterhin tun. Dieses Land liegt uns im Blut. Mein Urgroßvater Johann hat das alles aufgebaut“ – er klopfte demonstrativ mit dem Knöchel des doppeltberingten Fingers auf den Tisch – „und es wurde über Generationen weitergetragen. Ich werde niemals zulassen, dass das alles umsonst gewesen sein soll!“
„Das ist ja unbestritten, Papa“, versuchte es Maurice erneut. „Nur wer flexibel genug ist, hat eine Chance! Das solltest du bedenken.“
„Du willst mich nur weichkochen!“, erriet der Vater schnell und lachte bitter auf. „Meinst du, ich merke das nicht? Und“ – er neigte erneut den Kopf in Richtung Rosanna – „ich kann mir denken, warum.“
„Die Welt hat sich verändert!“, meinte Maurice.
„Gott sei Dank“, entgegnete Rosanna.
Urs überging deren Bemerkung. An Maurice gewandt sagte er: „Veränderungen hin – Veränderungen her. Wenn du den Hof einmal übernehmen willst, musst du ein Herz dafür entwickeln. Da geht es nicht allein um Zweckmäßigkeit. Es muss dir zur Leidenschaft werden, verstehst du? Dieses Stück Erde ist durchtränkt vom Schweiß deiner Vorväter. Das kann dir doch nicht egal sein! Was ist? Warum guckst du so? Deine Schwester brauchst du nicht zu suchen! Sie versteht davon ohnehin nichts!“
„Woher willst du wissen, was ich verstehe?“, schoss Rosanna zurück, die dessen Gelaber nicht mehr ertrug.
„Du solltest nicht so vorlaut sein! Immerhin hast du bisher genug Unverstand bewiesen. Sonst hättest du längst eine Familie gegründet“, kanzelte sie der Vater ab und traf sie damit tief.
„Jetzt ist es aber genug, Papa!“, fuhr ihn Maurice an und sah beschwichtigend zu Rosanna.
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