Zunächst einmal musste er zu Hause duschen und sich umziehen, um die Sache dann in Ruhe anzugehen. Aber was hieß schon ‚zu Hause‘. Jene spartanische Dachkammer in einem heruntergekommenen Haus in der Via Val Roseg von der Größe eines Schrankes konnte man kaum so nennen. Obwohl er sich tief im Mietrückstand befand, war er bisher nicht hinausgeflogen, weil diese Bude momentan unmöglich anderweitig zu vermieten war.
Schnell huschte er am Erdgeschoss vorbei, um seiner Wirtin, der alten Luise Bratfisch, nicht zu begegnen, die irgendwie immer auf ihn lauerte. Er hasste das dicke Weib mit dem aufgedunsenen Gesicht und der riesigen Oberweite. Dieser vor Bosheit dumme und skrupellose Blutsauger mit selbstgefärbtem Haar ließ keine Gelegenheit aus, ihn zu beschimpfen und zu beleidigen, weshalb er jedes Zusammentreffen tunlichst mied.
Nachdem Eddi es geschafft hatte und sich gerade seiner nassen Klamotten entledigte, hörte er sie schon von unten keifen: „Herr Corleone? Sind Sie es?“
Hartnäckig verweigerte er jede Antwort. Sekunden später hämmerte es gegen die Tür. „Ich weiß, dass Sie da sind! Öffnen Sie!“
„Ich bin nackt!“, antwortete er genervt.
„Dann ziehen Sie sich gefälligst was an!“
„Ich denke nicht daran!“
„Dann hole ich die Polizei!“, drohte sie unverhohlen.
„Ist Ihnen mein Pimmel so viel wert?“
„Jetzt werden Sie mal nicht frech!“
Was blieb ihm, als zu öffnen. Wutschnaubend stürmte dieser Drachen herein und maß ihn von oben bis unten. „Ich denke, Sie sind nackt!“, krakeelte sie.
„Hab’ mir was übergeworfen.“
„So schnell?“
„Bin eben Sportler.“
„Sie und Sportler! Ein Betrüger sind Sie!“ Schnaufend zeterte sie im besten Schweizerdeutsch: „Und? Haben Sie mir nichts zu sagen?“
„Machen Sie nicht so ein Geschrei“, sagte Eddi, sie genüsslich nachäffend, „Sie kriegen Ihr Geld!“
„Wenn Sie so weitermachen, werde ich …!“
„Ist ja gut. Ist ja gut.“ Eddi winkte ab, rubbelte sich das Haar trocken und schmiss das Handtuch achtlos aufs Bett. Danach steckte er sich eine Fluppe an.
Wieder spulte sie sich auf: „Das geht alles in die Vorhänge!“
„Sie haben mir nichts zu sagen!“, erwiderte er und hauchte ihr den Rauch entgegen.
Frau Bratfisch wurde puterrot: „Das ist ein ordentliches Haus, in dem anständige Leute wohnen! Und schreiben Sie sich ein für alle Mal hinter die Ohren: Hier habe ich das Sagen. Und außerdem …“
Entnervt starrte er aus dem Fenster. „Und außerdem habe ich im Moment keine Zeit.“
„Mein lieber Herr Corleone. Ich dulde keine Sekunde länger …“, echauffierte sie sich erneut.
„Okay. Okay. Morgen ist Zahltag, versprochen“, beruhigte er sie wieder.
„Und woher wollen Sie das Geld nehmen?“, fragte sie gehässig und wedelte angewidert den Dunst beiseite.
Nach einer kleinen Kunstpause erklärte er ihr mit trockener Selbstverständlichkeit, ein neues Arrangement bekommen zu haben.
„Arrangement? Dass ich nicht lache“, höhnte die alte Dame mit einem spöttischen und aufreizenden Grinsen.
„Sie werden es nicht glauben, aber dort schätzt man Leute wie mich.“
„Sie machen wohl Witze!“
„Keineswegs. Ich werde Sie bald auszahlen und dann von hier verschwinden“, verkündete er vollmundig. „Dann können Sie zusehen, wem Sie dieses Loch vermieten! Es ist ohnehin eine Zumutung, dafür monatlich hundert Franken zu nehmen!“
„Werden Sie nicht unverschämt! Seitdem Sie in meinem Haus wohnen, habe ich nichts als Ärger. Die Frau Wächter von unten beschwert sich laufend über Lärm. Und der Herr Kugler von rechts ist empört über Ihre ständigen Damenbesuche. Was mich betrifft, habe ich längst die Nase voll. Ich erinnere nur an den letzten Polizeieinsatz mit der beschädigten Tür. Ich gebe Ihnen eine letzte Frist von vierundzwanzig Stunden! Sind Sie darüber hinaus weiterhin im Rückstand, lasse ich die Wohnung räumen! Mein letztes Wort!“
„Von mir aus. Nur vergessen Sie nicht zu sagen, dass Sie seit Jahren in der Bruchbude nichts gemacht haben, trotz meiner Beschwerden!“ Zornig verwies er auf das zugige Fenster und den tropfenden Wasserhahn.
„Sie können froh sein, wenn Sie überhaupt noch eine Wohnung finden“, schoss die Bratfisch zurück. „Ich werde den Vermieterverein warnen, Sie Mietnomade! Verlassen Sie sich darauf!“
„Sonst noch was?“ Gelassen steckte er die Kippe in eine abgestandene Kaffeetasse.
„Sie sind ein Nagel an meinem Sarg! Vierundzwanzig Stunden und keine Sekunde länger!“, keifte sie und verschwand.
Kaum war sie weg, konzentrierte er sich auf sein Vorhaben. Es war ein besonderer Tag. Alles war wichtig. Flink föhnte er sein Haar, sprühte Conditioner drüber und tätschelte sich ein wenig Aftershave auf die Wangen. Wenig später machte er sich auf den Weg. Er wusste inzwischen genau, wo er seinen alten Kumpel abfangen konnte und wie die Sache anzugehen war.
Da ihm klar war, dass er zum Badrutt’s keinen Zutritt bekäme, blieb ihm nichts, als sich möglichst gedeckt auf einer gegenüber dem Haupteingang befindlichen Bank zu platzieren. Von dort aus war der ganze Frontbereich des Hotels einzusehen. Gott sei Dank hatte sich die Gewitterfront verzogen, aber als Rumpelstilzchen im Regencape hätte Eddi eine schlechte Figur gemacht. Geduldig wartete er und verfolgte das Treiben vor dem beleuchteten Eingangsbereich.
Ständig fuhren irgendwelche Limousinen vor, denen elegant gekleidete Gäste entstiegen. Der Portier verneigte sich artig und bezog sein Trinkgeld. Dabei gaben sich die meisten Damen affektiert. Nicht nur die Gesten, selbst die Blicke wirkten einstudiert. Offenbar schien es beim Renommieren keine Grenzen zu geben.
Und obwohl Eddi jenes ‚Who is Who‘ albern fand, war diese Glitzerwelt ohne dem nicht denkbar. Genau genommen war es Voraussetzung für diesen ganzen ‚Zirkus‘, – entsprechend ausgetragen – dann sogar einen eigenen Reiz entwickelte. Letztlich war jeder Lackaffe stets nur Opfer eigenen Dünkels.
Die Zeit verging, ohne dass Nennenswertes geschah, bis auf einen streunenden Hund, der an der Bank sein Bein hob. Empört jagte ihn Eddi davon.
Kurz vor Mitternacht verließen die ersten Gäste das Haus. Bald bildeten die edlen Karossen eine richtige Schlange. Und ebenso hochmütig, wie die Gäste gekommen waren, fuhren sie wieder davon. ‚Voll im Bauch und leer in der Birne‘, dachte er bei sich und spie grimmig aus.
Es mochte eine weitere Stunde vergangen sein, bis die letzten Besucher das Haus verließen. Blieb nur zu hoffen, dass Alfredo den richtigen Ausgang nahm und nicht durch irgendeine Hintertür verschwand. Zuvor hatte Eddi aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass der Maître keinesfalls dort übernachten würde.
Da weiterhin nichts geschah, wurde er unruhig. Sollte sein Informant gelogen haben? Zu guter Letzt fasste er sich ein Herz und begab sich ins Foyer. An der Rezeption erkundigte sich Eddi nach dem Maître Hochstetter. Der Bedienstete, ein junger, arroganter Schnösel, beäugte ihn abschätzig mit der stummen Frage auf den Lippen: ‚Wer hat dich denn eingelassen?‘
Augenblicklich legte Eddi nach und präzisierte, ein persönlicher Freund zu sein und in einer privaten Angelegenheit zu kommen.
„Tut mir leid. Darüber darf ich Ihnen keine Auskunft geben, Herr Corleone“, fertigte ihn dieser Milchbubi kalt lächelnd ab.
„Kennen wir uns?“
„Wie sollten wir nicht? Sie sind doch hier stadtbekannt.“ Geringschätzig sah ihn der Rezeptionist an. In der Tat verstand er sich auf das Beleidigen. Eddi fühlte sich versucht, ihn am Revers über den Tresen zu ziehen. Am liebsten hätte er ihm eine Erdnuss in die Nase gestopft. Leider erschien gerade in diesem Moment irgend so ein glatzköpfiger Bullenbeißer mit Knopf im Ohr und forderte ihn unmissverständlich auf, das Haus zu verlassen, anderenfalls …
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