»Wir müssen nach dem Kleenen schauen, Fred«, sagte Johanna und hielt sich die Nase zu. Als hätte er nur auf dieses Kommando gewartet, bahnte sich Fred, ohne ein Wort zu verlieren, energisch einen Weg. »Ick schau in den Felsenduschen nach«, konnte sie ihm gerade noch hinterherrufen. Er winkte mit der rechten Hand, ohne sich umzudrehen. »Hier is wat faul«, dachte er, »und zwar janz jewaltich«. Ihm klang noch der erste Satz des Schweizers in den Ohren. »Zu viele Leute«, brummte er. Er musste an eine riesige Rinderherde denken, die friedlich grast, bevor eine Panik losbricht. »Die Ausjänge sin zu weit wech, und die Fluchtwege sin zu eng«, dachte er und versuchte, seine Schritte zu beschleunigen. Ein muskelbepackter Jüngling stellte sich ihm in den Weg. Er wich ihm aus. »Jetzt bloß keene Eskalation«, schoss es ihm durch den Kopf. Das Gemurmel der Umstehenden wurde lauter. Draußen, außerhalb der Halle, an der frischen Luft, konnte man einen Säugling schreien hören.
»Sie sehen doch, dass hier kein Platz ist«, zischte ihm eine junge Frau mit kahlgeschorenem Schädel und Spinnentattoo im Gesicht ins Gesicht. Fred versuchte ein Lächeln und drängelte sich rigoros an ihr vorbei. Ihm war schlagartig klar geworden, dass er den Bengel, wie er ihn nannte, schon seit mehr als einer Stunde nicht mehr gesehen hatte. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber so langsam machte er sich Sorgen. Ein alter Mann rempelte ihn an. Von hinten bekam er einen Stoß in die Rippen. Jemand tippte ihm energisch auf die Schulter. Er ignorierte dies alles. Niemand konnte ihn jetzt aufhalten. Sein Blutdruck machte ihm zu schaffen. Er blieb stehen, um tief durchzuatmen. Das hätte er besser nicht getan. Der hintere Saunabereich, den er jetzt erreicht hatte, war von einem undefinierbaren Gestank erfüllt. Hier irgendwo musste die Ursache zu finden sein. Das Gedränge hatte plötzlich nachgelassen. Da waren keine Nackten oder Halbnackten mehr, die ihm den Weg versperrten.
»Elias! Elias! Bist du da? Komm jetzt endlich her!«, rief Fred, einer Eingebung folgend. Er suchte die leeren Duschen ab. In einer der Kabinen hörte er es tropfen. Dort lag sein vermisstes Handtuch auf dem Boden. Er schluckte. Von seinem Neffen keine Spur. Er drehte den Duschhahn zu. Vom großen Vitalbecken her drangen jetzt immer lautere Stimmen. Wieso gingen die Leute nicht einfach durch die Glastüren ins Freie? Oder benutzten die Schleuse zum Außenbecken. Wohin waren die Bademeister verschwunden? Warum gab es keine Durchsage? Wer hatte da so durchdringend geschrien? Warum stank es hier so? War das Gas? Und wo war Elias? Die Fragen rasten durch Freds Kopf wie auf einer Autobahn. Er bog um die Ecke und war jetzt bei der Kräutersauna angelangt. Gleich nebenan lag die Kelosauna mit Panoramafenster und die Stollensauna, in der es wie immer höhlenartig dunkel war. Zwei gedämpfte Männerstimmen waren zu hören. Eine der beiden wurde plötzlich lauter. Es war der ältere Bademeister, der mit rotem Kopf aus der Kelosauna herauskam.
»Kannst du mir mal sagen, was heute mit der Technik los ist? Die ist doch gestern erst kontrolliert worden. Klappt denn gar nichts in dem Laden?« Der jüngere Bademeister murmelte etwas Unverständliches. »Ist mir ganz egal, was Schilling sagt!«, polterte der Ältere. Er warf einen ärgerlichen Blick auf Fred.
»Was machen Sie hier?«, blaffte der junge Bademeister Fred an. Er hatte sich an seinem Chef vorbeigedrängt und stand mit weit ausgebreiteten Armen vor Fred.
»Ick suche Elias«, brachte dieser etwas verdattert hervor und starrte ratlos in zwei rote Gesichter.
»Wer soll das sein?«
»Dit is mein Neffe, er …«
»Der ist nicht hier. Gehen Sie bitte sofort zurück!«, sagte der Chefbademeister im Befehlston, während der andere sich immer noch wie ein Handballtorwart vor Fred postierte.
»Aber dit Jeschrei …«, sagte Fred störrisch.
»Hören Sie, wir gehen jetzt zurück zum Vitalbecken und Sie halten bitte den Mund. Ich will keine Aufregung provozieren. Und du scheuchst die restlichen Gäste raus. Hier hinten darf keiner bleiben!« Der ältere Bademeister hatte Fred an der Schulter gepackt und drängte ihn zurück.
»Wat riecht hier so? Is dit Gas? Und warum jehen die Leute nüscht einfach int Freie?«, fragte Fred. Der Andere blieb abrupt stehen und legte beschwörend die Hand auf Freds Unterarm. Dabei schaute er ihn aus geröteten Augen an.
»Die verdammten Glastüren sind verriegelt. Elektronisch. Alle.«
»Wat? Aber wie …?«
»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Ich will hier drin keine Panik erleben. Das gibt Tote.« In diesem Moment war aus den Lautsprechern ein scharfes Knacken zu hören und eine mühsam beherrschte Frauenstimme setzte zu einer stockenden Durchsage an:
»Liebe Badegäste. Aus Sicherheitsgründen bitten wir Sie, den kompletten Saunabereich rasch zu verlassen. Gehen Sie bitte nicht …« Hier stoppte die Durchsage, als ob ihr jemand das Mikrofon aus der Hand gerissen hätte. Der Geräuschpegel nahm augenblicklich stark zu.
»Himmelherrgott, ist die wahnsinnig geworden?«, fluchte Fischli, der ältere Chefbademeister. Sie waren im Restaurantbereich, von wo eine Treppe auf die Empore mit den Exklusiv-Suiten führte. Einige Kinder kreischten vor Angst. Empörte Männerstimmen wurden laut, Frauen keiften. Es war ein wildes Durcheinander. Alle waren jetzt auf den Beinen, es mochten an die zweihundert bis dreihundert Menschen sein. Die im Wasser waren, versuchten, herauszukommen. Keinem gelang es. Die Leute drängten mit ungezügelter Macht zu den Glastüren an der Schmalseite des Beckens. Etliche stolperten oder wurden ins Wasser gestoßen. Fred schaute zur Schleuse hinüber, durch die man normalerweise ganz einfach ins Freie schwimmen konnte. Sie war von Menschenleibern verstopft und wirkte wie ein Flaschenhals. Die Leute schlugen wie wild auf das Wasser, drückten einander auf die Seite. Manche gerieten dabei unter Wasser. Scharfe Fingernägel kratzten über haarige Rücken, krallten sich an Badeanzügen fest. Fred schluckte, sein Mund war ganz trocken. Von Johanna war keine Spur zu entdecken. Fischli stürmte die Treppe hoch, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Er versuchte, in dem Lärm zu telefonieren.
»Halt einfach die Klappe und mach die Musik an!«, fauchte er wütend in sein Handy. »Egal welche, Herrgott nochmal!«, brüllte er jetzt und sah zu, wie die Leute anfingen, an die Glastür zu trommeln und zu hämmern. Von hinten drängten immer mehr nach. Die Unglücklichen, die ganz vorne standen, wurden erbarmungslos an die Glaswand gequetscht. Draußen auf der anderen Seite standen ein paar Saunagäste, die lachten und winkten. Sie hielten das Ganze für ein inszeniertes Spektakel. Vielleicht konnten sie auch einfach nicht glauben, was sich da vor ihren Augen abspielte. Fred stand jetzt auf der Treppe und versuchte, irgendwo in dem Getümmel Johanna ausfindig zu machen. Doch das war unmöglich.
»Liebe Badegäste, die Glastüren sind verriegelt. Bitte nutzen Sie …« Wieder brach die Lautsprecherstimme mitten im Satz ab. Fischli ballte die Fäuste, während er mit den Augen das Chaos absuchte.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein, verdammt«, zischte er. Die brodelnde Panik war nun nicht mehr aufzuhalten. Auch der Weg zu den Umkleidekabinen, von wo es nach draußen ging, war versperrt. Von dort schob sich plötzlich eine dichte Menschenmenge, zum großen Teil noch in Straßenkleidung, herein. Männer, Frauen, Jugendliche, kleine Kinder – alle husteten sich mit roten Köpfen die Lunge aus dem Leib. Fast alle hatten ihre Fäuste vor die Augen gepresst. Das Geschrei nahm zu. Vereinzelt wurden grobe Schläge ausgetauscht. Männer rangelten miteinander, prügelten aufeinander ein. Einige ältere Personen waren ihn Ohnmacht gefallen. Ein kleiner Junge, vielleicht drei Jahre alt, trieb bewusstlos im großen Vitalbecken. Fred starrte auf seine Badehose. Elias konnte es nicht sein. Er war ja viel größer. Die Leute im Becken hatten keine Augen für den kleinen, hilflosen Körper. Fischli hatte ihn ebenfalls entdeckt. Bevor sie etwas unternehmen konnten, war ein junger Mann in Jeansshorts über mehrere Köpfe hinweg ins Wasser gesprungen, drehte den Jungen um, zog ihn auf den Beckenrand und begann, ihn ins Leben zurückzuholen.
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