»Also gut, dann fahren Sie eben mit und wir lassen Sie unterwegs aussteigen.« »Beschlossen und verkündet!«, dachte Zweifel. »Diese Frau ist es gewohnt, zu bestimmen.« Es würde interessant sein, zu sehen, wie sie auf seine Neuigkeit reagierte. Seine Nervosität war verflogen, als er neben ihr auf dem cognacfarbenen Leder saß. Willoughby, im Zweitberuf Chauffeur, startete die Limousine und achtete, sobald sie die Tiefgarage verlassen hatten, auf keinerlei Geschwindigkeitsbegrenzungen, ungeachtet seines offiziellen Passagiers.
»Und was ist nun so dringend, Herr Zweifel?«
»Wann haben Sie zuletzt ihren Bruder gesehen?« Sie schaute aus dem Fenster und antwortete nicht sofort.
»Das war an einem Sonntagnachmittag, irgendwann im letzten Monat.«
»Sie treffen sich regelmäßig mit ihm?«
»Wir haben keine festen Termine, wenn Sie das meinen. Aber er kommt hin und wieder bei mir vorbei.« Sie fixierte ihn über ihre schwarz geränderte Brille hinweg. »Ich verstehe den Grund Ihrer Fragen nicht, Herr Zweifel. Was ist mit Abraham?« Ohne sich lange um die Formulierung Gedanken zu machen, sagte Zweifel:
»Sein Leben hat heute Morgen geendet.« Sie zeigte keinerlei Reaktion. Er glaubte schon, sie hätte ihn nicht verstanden. Dann bemerkte er ihre Hände, die ganz weiß geworden waren.
»Er ist also tot«, sagte sie leise.
»Es tut mir leid, Frau Mindelburg.« Sie nickte kaum merklich. Willoughby beobachtete sie aufmerksam im Rückspiegel.
»Mein Bruder Abraham Mindelburg ist tot«, sagte sie langsam und nun etwas lauter vor sich hin, als könne sie die Tatsache so besser begreifen. Die ganze Zeit über hatte sie aus dem Seitenfenster geblickt, wo nun die von dieser Tatsache völlig unbeeindruckte Landschaft grün in grün vorbeifloss, unter einem klaren blauen Himmel. Sie schaute Zweifel an. »Wo?«
»Jemand hat ihn heute Morgen im Kurpark gefunden.«
»Jemand?«
»Er ist dort aus großer Höhe auf eine Wiese gestürzt.« Zweifel wurde jetzt, da er es aussprach, erst richtig bewusst, wie absurd sich das anhörte. Willoughbys wachsames Auge traf ihn im Rückspiegel.
»Das verstehe ich nicht. Wie …?«
»Wir wissen noch nichts Genaueres, aber …«, er verstummte. Sie hatte eine Hand leicht erhoben, dann ließ sie sie wieder fallen.
»Mein Bruder hat extreme Höhenangst, Herr Zweifel.«
»Nun, der Arzt meinte, dass sein Herz vor Schreck stehen blieb während seines Sturzes.«
»Der Arzt?«
»Dr. Wollmaus.«
»Ja, sicher, Dr. Wollmaus. Das sieht ihm ähnlich.«
»Wie meinen Sie das?«
»Aber Herr Kommissar – sie sind doch Kommissar – ich frage Sie: Wie lange dauert wohl ein Sturz, selbst aus großer Höhe? Wie will er denn da mit Sicherheit feststellen können, wann das Herz meines Bruders …« Sie brach ab und verbarg ihr Gesicht in den langen, schmalen, weißen Händen. Der Schmerz kam mit Verzögerung. Zweifel hatte dies oft genug beobachtet. Er wartete einige Minuten ab, ohne sie anzusehen und dachte über ihren Satz nach. Es ärgerte ihn ein wenig, dass er die Behauptung des Arztes nicht hinterfragt hatte. Er wischte den Ärger jedoch gleich darauf beiseite. Nach der Obduktion würden sie hoffentlich klarer sehen. Und überhaupt: Von wo herab konnte er denn gestürzt sein? Unwillkürlich suchte er den Himmel ab und wusste mit einem Mal die Antwort. Dabei musste er an seine Assistentin denken. Melzick war ungewöhnlich clever, wenn es darum ging, Rätsel zu lösen. Außerdem hatte sie ein Talent dafür, die richtigen Fragen zu stellen. Was ihr fehlte, war, Geduld mit ihren Mitmenschen zu haben. Sie hatte auch keine Geduld mit sich selbst. Und das war wohl auch der Grund für ihre latente Aggressivität, ihre Art, anderen ins Wort zu fallen. Zweifel hatte sie von Anfang an respektiert – mit Aggressionen konnte er gut umgehen.
»Was werden Sie jetzt tun, Kommissar?« Marie-Theres Mindelburg hatte ihren ruhigen, beherrschten Ton wiedergefunden. Er schaute zu ihr hinüber und räusperte sich.
»Dasselbe wie immer – ich suche nach der Wahrheit.« Sie verzog die Lippen, dann hielt sie ihre rechte Hand mit vier langen weißen Fingern in die Höhe. Er konnte diese Geste nicht deuten.
»Sie werden sie nicht finden. Suchen Sie den Mörder.« Sie machte nach jedem Wort dieses Satzes eine kleine Pause. Es klang wie ein Befehl.
»Sie sind davon überzeugt, dass ihr Bruder umgebracht wurde?«
»Ich bitte Sie, Herr Kommissar. Er hatte krankhafte Höhenangst, wie ich schon sagte. Er war ganz sicher nicht freiwillig in einer solchen Höhe. Man muss ihn mit Gewalt dazu gezwungen haben. Ein Unfall kann es daher nicht gewesen sein.«
»Dann frage ich Sie ganz geradeheraus: wer hätte ihn denn umbringen sollen?« Sie zuckte mit den Schultern.
»Wir sind in fünfzehn Minuten am Hauptbahnhof, Madam«, kam Willoughbys Stimme von vorn. Zweifel war überrascht. Sie mussten mit einer Geschwindigkeit von weit über 2oo Stundenkilometern gefahren sein.
»Danke Willoughby«, sagte sie.
»Haben Sie einen Verdacht?«, wiederholte Zweifel seine Frage. Sie hatte ihre Hände nun gefaltet.
»Wissen Sie, Herr Kommissar, mein Bruder war ein eigenartiger Mensch. Niemand kannte ihn solange wie ich. Doch was heißt schon kennen?« Sie seufzte. »Ich weiß wie seine Stimme klang, welche Länder er bereist hatte, was er als kleiner Junge anstellte, um beachtet zu werden. Aber ich habe keine Ahnung davon, was in ihm vorging, was seine Pläne waren, seine Absichten. Es ist vielleicht seltsam, so etwas zu sagen, aber ich sehe ihn eher als Gast in meinem Leben. Ein Gast, der allerdings selten zu Besuch kam. Daher weiß ich nichts von seinen Freunden, wenn er welche hatte. Und noch weniger von seinen Feinden, wenn Sie danach fragen.« Zweifel rieb sich mit der linken Hand bedächtig über seine Glatze. Er richtete seine dunklen Augen auf sie.
»Dennoch steht für Sie außer Frage, dass er ermordet wurde. Er war demnach jemand, den Sie für geeignet halten, ermordet zu werden?«
»Sie haben eine merkwürdige Art, sich auszudrücken, Herr Zweifel, um nicht zu sagen, eine zynische Art. Finden Sie das angebracht?«
»Dann lassen Sie es mich anders formulieren. Hatte Ihr Bruder Talent dazu, sich Feinde zu machen?« Sie warf einen scharfen Blick auf ihn.
»Davon müssen wir konsequenterweise wohl ausgehen, oder nicht?«
»Wissen Sie, womit er sich in der letzten Zeit beschäftigte?«
»Er war Kunstsachverständiger. Soviel ich weiß schrieb er an einem Buch über verlorengegangene Gemälde. Er hat aber ein ziemliches Geheimnis daraus gemacht.«
»Hatten Sie den Eindruck, dass er mit diesem Buch ein Risiko einging?«
»Sie meinen, ob er jemandem auf der Spur war?« Sie zögerte etwas. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Aber ausschließen können Sie es ebenso wenig?« Sie nickte nach abermaligem Zögern.
»Hören Sie, Herr Kommissar, wir sind gleich am Hauptbahnhof. Ich habe dort eine eminent wichtige Verabredung.«
»Sie verreisen?«
»Das weiß ich noch nicht. Es könnte sich aus diesem Gespräch ergeben.«
»Und mit wem treffen Sie sich?« Sie schaute ihn an und versuchte ein Lächeln, doch sie beantwortete seine Frage nicht. Wieder rieb er kreisförmig mit der linken Hand über seinen kahlen, gebräunten Schädel. Für dieses Mal würde er ihr Schweigen akzeptieren.
»Ich möchte, dass Sie für uns in den nächsten Tagen erreichbar sind. Können Sie das einrichten?«
»Nun, falls ich verreise, ist es nur für ein oder zwei Tage. Ich werde mich ja auch um die Beerdigung kümmern müssen, nicht wahr?« Zweifel nickte. Willoughby bog gerade in die Taxibucht vor dem Haupteingang des Bahnhofs ein und hielt. Zweifel reichte Marie-Theres Mindelburg die Hand und Willoughby öffnete ihm schweigend den Wagenschlag. Fürs Erste war alles gesagt.
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