„Hast du endlich einen Nachfolger auserkoren?“, bohrte Gloria weiter und ließ sich auf einem Schemel an der Werkbank nieder. Ihr Blick glitt forschend über die Arbeitsplatte.
„Tee?“, fragte der Uhrmacher, ohne auf ihre Frage einzugehen. Er stand so unvermittelt neben Gloria, dass Greg vor Schreck beinahe den Schraubendreher fallen gelassen hätte.
„Aber gern. So lange wir noch Feuer machen können.“, entgegnete sie mit einem Lächeln.
„Keine Sorge, den Ofen kann ich auch noch mit Holz befeuern.“, entgegnete Arthur Tudor lächelnd und goss ihr mit einem eleganten Schwung Tee in die Tasse.
Greg schaute irritiert zum Herd hinüber, auf dem der Topf mit Wasser leise vor sich hin blubberte. Kein Feuer mehr machen können? Wovon sprachen die beiden?
Gloria griff nach der Teetasse und pustete einmal kräftig, bevor sie einen ersten zögerlichen Schluck nahm. „So wie vor 20 Jahren?“
In die Augen des Uhrmachers trat ein merkwürdiger Glanz, als er an die alte Zeit zurückdachte. „Ja, was für ein Winter! Damals stand uns der Schnee bis zur Nasenspitze.“
„Die Menschen in der Stadt werden unzufrieden. Es gibt immer wieder Aufläufe.“, wechselte Gloria für Greg völlig unverständlich das Thema.
Arthur Tudor hingegen schien nichts an dem Wechsel zu finden. „Die Menschen sind immer unzufrieden. Das gehört zu ihrer Natur.“, tat er ihren Kommentar mit einem Gesichtsausdruck ab, als würden sich die beiden in einer gelehrten Diskussion über exotische Käfer befinden.
„Bis alle Bäume abgeholzt sind. Und womit heizt du dann?“, schwenkte Gloria erneut ab.
„Es wird mir schon etwas einfallen. Elektrizität vielleicht? Es heißt, man macht damit große Fortschritte.“, entgegnete der alte Uhrmacher liebenswürdig und schenkte sich selbst auch eine Tasse des dampfenden Getränks ein.
Gloria sinnierte einen Augenblick über ihrem Tee. „Damit hätte man damals vielleicht auch den Schnee schmelzen können. Stellt euch mal vor, eine Maschine, die in Windeseile die Straßen wieder passierbar macht.“, geriet sie ins Schwärmen. „Und eine angenehme Wärme schafft, die das Spazieren auf den Bürgersteigen auch im Winter zu einem Vergnügen werden lässt.“
„Damals im Süden haben sie auch viel mit Elektrizität experimentiert.“, entgegnete der Uhrmacher.
Gregs Blick wanderte unstet zwischen den beiden hin und her. Er kam sich vor wie in einem dieser makabren Theaterstücke, die hin und wieder von fahrendem Volk zur Belustigung der einfachen Leute auf dem Marktplatz aufgeführt wurden. Die beiden redeten in einem Fort und schienen sich prächtig zu verstehen, wohingegen er keinen roten Faden in dem Gedankenaustausch erkennen konnte.
„Du und dein Süden.“, tat Gloria die Bemerkung des Uhrmachers mit einem Schnauben ab. „Schau dir an, wie es jetzt dort aussieht!“
„Lieber nicht.“, winkte Arthur mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen ab.
Greg hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl aus. Irgendetwas musste er tun, sonst würde er hier noch irre werden. „Ich mache noch eine Kanne Tee.“, verkündete er und griff nach dem Keramikkrug auf dem Tisch.
„Guter Junge, den du da hast.“, stellte Gloria mit einem anerkennenden Nicken fest.
Doch Arthur Tudors Gedanken waren bereits in dem irren Labyrinth seiner Gehirnwindungen weitergewandert: „Den Winter einhegen, damit die Obrigkeit noch mehr Zeit für ihre intriganten Spiele hat?“, fragte er mit gerunzelter Stirn. „Ich fand den Winter immer sehr angenehm. So ereignisarm. Eine echte Zeit der Erholung, bevor das politische Affentheater von neuem beginnt.“
Gloria verdrehte die Augen: „Die Intrigen hören doch nie auf. Im Winter bekommen wir nur weniger davon mit. Habt ihr gehört, dass Collin Rand wieder als Oberster Richter eingesetzt worden ist?“
Greg spitzte die Ohren. Endlich wurde ein Thema angeschnitten, von dem er etwas verstand und das für ihn durchaus von Bedeutung sein konnte.
„Hat der Siebenkantschlüssel gepasst?“, fragte Arthur Tudor wie aus dem Nichts und trieb Greg dazu, wild mit den Augen zu rollen. Zum Glück schaute der Junge gerade nach dem Wasser, so dass die beiden Erwachsenen die zugegebenermaßen wenig anständige Geste nicht wahrnehmen konnten.
„Oh ja. Als wäre er nur für diese Schraube gemacht worden.“, rief Gloria und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Sie kramte in den Taschen ihres Mantels und hielt dann endlich einen klobigen Schraubenschlüssel in der Hand. „Ich habe ihn dir wieder mitgebracht. Ein wirkliches Meisterwerk.“
„Vielen Dank.“ Endlich einmal blieb der Uhrmacher beim Thema. „Ein solches Lob aus deinem Munde?!“
Diesmal war es wieder Gloria, die den bunten Reigen der Verwirrungen fortsetzte: „Ein paar Teslaspulen werden nicht alle Öfen der Stadt befeuern können.“, überlegte sie nachdenklich.
Arthur Tudor hob den Zeigefinger der rechten Hand, als wäre er ein Volksschullehrer, der einem wissbegierigen Kind einen wichtigen Vortrag hielt: „Man muss eben andere Energiequellen anzapfen. In Frankreich soll man da schon recht weit sein.“
„Collin Rand wird die ganze Stadt gleichschalten.“, erwiderte Gloria. Für Greg stand inzwischen außer Frage, dass sie mindestens so verrückt wie der irre Uhrmacher war. „Für kreative Geister wie uns wird hier schon bald kein Platz mehr sein.“
Der alte Mann kicherte belustigt. Ein schelmischer Glanz trat in seine Augen. „Für Leute wie uns war noch nie irgendwo Platz. Und dennoch sind wir immer überall zurecht gekommen.“
Gloria führte die Teetasse an ihren Mund, nahm einen kräftigen Schluck und stimmte ihm dann eifrig zu: „Und wir haben den eisigen Winter vor 20 Jahren besser überstanden als die meisten.“
„Diesel ist ein echtes Problem geworden.“, nickte der Uhrmacher nachdenklich.
„Deshalb setze ich ja auch auf die Dampfkraft.“, erwiderte die Erfinderin. „Die Ressourcen sind einfach umso vieles größer.“
„Und die Kolonien liefern zuverlässiger als die Hafenstädte.“, überlegte Arthur Tudor und blickte in seine Tasse, als könne er darin die Antworten auf alle seine Fragen lesen. „Das war schon immer so.“
„Wenn alles wahr wäre, was man über Frankreich hört, ständen wir schon längst unter der Herrschaft ihres Kaisers.“, sprang Gloria wieder einmal zum nächsten Thema. „Der letzte Krieg hat das Land kaputt gemacht und mindestens zweihundert Jahre zurückgeworfen.“
„So wie uns, Gloria, so wie uns.“, entgegnete Arthur Tudor seufzend.
Gloria bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick: „Ohne die Kolonien wären wir längst am Ende.“
„Und sie ohne uns.“, versetzte der alte Uhrmacher immer noch seelenruhig.
„Woran arbeitet ihr eigentlich gerade?“, wollte die Erfinderin wissen und schaute sich in der Werkstatt um, in der Hoffnung, an den herumstehenden Gerätschaften einen Teil der Antwort auf ihre Frage ablesen zu können.
Arthur Tudor nahm einen weiteren Schluck Tee und stellte die nun leere Tasse laut scheppernd auf dem Tisch ab. „Uhren. Sie werden immer raffinierter.“
„Collin Rand ist raffiniert.“, sagte Gloria. Greg konnte ihr nicht ansehen, ob sie über die Antwort des Uhrmachers enttäuscht war. „Lässt Song die Drecksarbeit für sich machen und zieht im Hintergrund die Fäden.“
„So wie Treuenberg, bevor er das Kaiserreich und die ganze Welt in diesen verheerenden Krieg gestürzt hat.“, erwiderte Arthur Tudor bekümmert.
Gloria schüttelte entschieden den Kopf. „Wir sollten dennoch nicht so viel Hoffnung in die Elektrizität stecken. Nicht, so lange wir das Thema Dampf nicht wirklich erschöpfend verstanden haben.“
Der alte Uhrmacher hob den Kopf und schnippte mit einem Finger. „Ah, der Dampf. Eine faszinierende Geschichte, findest du nicht Greg?“
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