„Es muss aber nicht so sein.“, gab Greg zu bedenken. „In den Kolonien arbeitet jeder dort, wo er seine Fähigkeiten am besten für das Wohl der Gemeinschaft einsetzen kann. Mav zum Beispiel wird umherreisen und die Welt erforschen, weil es das ist, was er am besten kann.“
„Für Mav mag das zutreffen.“, erwiderte Philt. „Aber es ist ja nicht einmal klar, ob man ihn Flieger werden lässt. Und selbst, wenn er nicht in einer der Fabriken arbeiten muss, so sind doch alle anderen gezwungen, jeden Tag an eine Arbeit zu gehen, die andere für sie ausgesucht haben.“
„Nach ihren Fähigkeiten.“, betonte Greg noch einmal mit erhobenem Zeigefinger.
„Na und?“, zeigte sich Philt wenig beeindruckt. „Was ist mit deinen anderen Freunden? Glaubst du, sie werden jeden Morgen glücklich zur Arbeit spazieren, weil man ihnen einen Platz zugewiesen hat, der nicht komplett falsch für sie ist? Vielleicht verspüren sie ja auch irgendwann einmal den Wunsch, die Welt zu entdecken, oder einfach nur lange zu schlafen und über die Blumenwiesen zu streifen, aber sie müssen jeden Tag pünktlich zur Arbeit erscheinen, damit Mav überhaupt die Freiheit haben kann, im Ballon über der Welt zu segeln.“
„Wenn du es so sagst, klingt es nicht besonders schön.“, brummte Frog enttäuscht.
„Da ist auf jeden Fall etwas dran.“, sagte Josh nachdenklich. „Nur wenige haben das Glück, ihren Neigungen und Interessen frei nachgehen zu können.“
Unwillkürlich musste Greg an den alten Erfinder Grub und Trisha, die ihm immer zur Hand gegangen war, denken. Die beiden hatten dieses Glück gehabt.
„Aber trotzdem ist es ein Unterschied, ob man seine Seele einem Fabrikbesitzer verkauft, damit er noch mehr Gewinn macht und sich zusätzlich zu all dem Luxus, in dem er lebt, noch ein Landhaus und eine zweite Dieselkutsche kaufen kann, oder ob man seine Talente zum Wohle aller einsetzt.“, fuhr Josh fort.
Philt schnaubte abfällig. „Für mich ist das die gleiche Unfreiheit. Ich könnte gut auch allein als Sucher leben und muss mich an niemanden binden.“, behauptete er großspurig.
„Und wer gibt dir Schutz und bereitet aus deinen Dosenfunden ein leckeres Essen zu?“, fragte ihn Peanut herausfordernd.
Schnell senkte Philt den Blick und schlürfte lautstark an seiner Suppe.
Die anderen taten es ihm nach und für ein paar Augenblicke herrschte ein angenehmes Schweigen in der warmen Küche.
„Trotzdem finde ich, dass wir darauf achten sollten, unsere Freiheit nicht zu verlieren.“, griff Philt das Thema wieder auf, als er seine Schüssel leergelöffelt hatte. „Du bist ein großartiger Künstler, Josh. Und bisher haben wir auch überlebt, obwohl du dir ganz frei ausgesucht hast, woran du arbeitest. Du hast immer wieder einen Abnehmer gefunden. Wenn du nur noch für die Wochenchronik zeichnest, machst du dich unnötig abhängig.“
„Es ist ja nicht so, dass ich nur noch für diese Zeitung arbeite.“, begehrte Josh auf, aber Philt unterbrach ihn.
„Und du, Greg, hast so großes Potential.“, wandte er sich nun an den Jungen mit dem Drahtgestell rund um das künstliche linke Auge. „Du kannst alles zusammenschrauben, was man dir vor die Füße wirft. Es muss nur irgendwie aus Metall bestehen. Ich bin mir sicher, dass du schon längst ein gigantisches Luftschiff konstruiert hättest, wenn du nicht erst in der Dieselmotorenfabrik geschuftet hättest und nun nicht tagein, tagaus diesem verrückten Uhrmacher zur Hand gehen würdest. Du verschwendest deine kostbare Zeit!“, sagte er tadelnd.
„Und wovon soll ich all die Teile und Zuarbeiten bezahlen, die nötig wären, um so ein Luftschiff zu bauen?“, sprach Greg das für ihn Offensichtliche an.
„Pah.“ Philt winkte großspurig ab. „Von solchen Lappalien lassen sich große Geister nicht abhalten. Du machst dich selbst abhängig und lässt zu, dass andere dich daran hindern, wirklich kreativ zu sein. Eigentlich wollen sie nämlich gar nicht, dass jemand, der nicht zu ihrem Wirtschaftskartell gehört, Erfolg hat. Das würde ihre Gewinnchancen schmälern. Und stellt euch mal vor, dieses Beispiel würde Schule machen und die Menschen würden erkennen, dass man ein gutes Leben führen kann, ohne jeden Morgen wie eine Dampfmaschine funktionieren zu müssen. Dann hätten sie am Ende nicht mehr genug Arbeiter für ihre riesigen, monotonen Produktionsanlagen und könnten nicht mehr auf Kosten ausgebeuteter Menschen ihr Luxusleben genießen.“ Der Sucher warf einen gewichtigen Blick in die Runde.
Joshs Kiefer mahlten, während er angestrengt über Philts Worte nachdachte.
Frog schüttelte vehement den Kopf. „Du bist ein Träumer, Philt. Und außerdem verdanken wir das bisschen Wohlstand, das wir genießen, ja der Tatsache, dass so viele Leute jeden Tag in den Fabriken schuften.“
Philt klopfte mit seinem Löffel gegen den losen Putz an der Küchenwand. „Wohlstand?“, fragte er und schaute sich mit einem schelmischen Lächeln in der improvisierten Küche der Gemeinschaft um.
Greg schob seinen Stuhl zurück, griff nach seiner Schale und stand auf. „Ich muss dann los.“, setzte er seine Freunde in Kenntnis. „Die Arbeit ruft.“
Josh, Peanut und Frog verabschiedeten ihn mit knappen Worten, während Philt die Szene mit einem selbstgefälligen Grinsen verfolgte.
„Junge, gut, dass du kommst.“, wurde Greg von der knarzigen Stimme des alten Uhrmachers begrüßt.
Arthur Tudors blaue Augen warfen einen letzten stechenden Blick auf die Straße, ehe er, wie jedes Mal nach Gregs Eintreffen im Laden, die Jalousien herunterkurbelte und das Geschäft in dieses merkwürdige Halbdunkel tauchte, das für Greg genauso untrennbar mit diesem Ort verbunden war wie der leichte Geruch nach Öl und Mottenpulver, der in der Luft lag. Draußen herrschte noch reger Betrieb. Eigentlich war es noch viel zu früh, den Laden zu schließen, wo doch um diese Zeit die meisten Menschen erst begannen, ihre Einkäufe zu erledigen und Besorgungen zu machen.
Der Junge hatte es schon lange aufgegeben, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie Arthur Tudor sein Geschäft am Laufen hielt. Mit dem Verkauf der Waren in den Auslagen jedenfalls nicht. Seit Greg für den schrulligen alten Mann arbeitete, war kaum jemals eine der Uhren oder einer der mechanischen Apparate, die etwaigen Kunden präsentiert wurden, aus den Vitrinen verschwunden. Allerdings landeten auch niemals die Kunstwerke darin, die er gemeinsam mit dem Uhrmacher in ihren unermüdlichen Nachtschichten herstellte.
Wie jeden Nachmittag folgte er dem leise vor sich hin murmelnden Arthur Tudor an den Glaskästen vorbei in den hinteren Teil des Ladens, in dem der Uhrmacher seine Werkstatt eingerichtet hatte. Im Gegensatz zur sterilen Verkaufsatmosphäre in dem den Kunden zugänglichen Verkaufsraum atmete hier hinten jede Ritze des Dielenbodens und jede Fuge in den Regalen die Persönlichkeit des Uhrmachers. Greg konnte nicht genau beschreiben, woran es lag, aber sobald er den Vorhang zur Werkstatt passiert hatte, überkam ihn jedes Mal dieses merkwürdige Gefühl, als habe er schon hunderte von Jahren in diesem Raum verbracht, als wäre dies seine eigentliche Heimat und er sei nur kurz vor die Tür gegangen, um sich die Beine zu vertreten, um dann schnell wieder in die Sicherheit und Geborgenheit der Werkstatt zurückzukehren. Wie jeden Tag mahnte er sich, diese Eindrücke nicht zu sehr an sich heranzulassen. Am Ende begann er noch, genauso unkontrolliert zu kichern wie Arthur Tudor. Und das auch noch in den unpassendsten Augenblicken.
Etwas war heute anders als an den meisten Tagen. Arthur Tudor trat nicht zu Molly, seiner riesigen Standuhr, mit deren Hilfe er die Zeit so manipulieren konnte, dass sie beide, egal welches Projekt sie sich vorgenommen hatten und wie viele Stunden sie schrauben, biegen und tüfteln mussten, immer weit vor Morgengrauen ihre Arbeit verrichtet hatten und ausreichend Schlaf für den nächsten Tag sammeln konnten. Stattdessen ging der alte Uhrmacher zu dem kleinen Ofen in der Ecke und setzte einen Topf mit Wasser auf. Greg beobachtete die kleine Gasflamme, die hektisch unter dem kupfernen Topfboden hin und her tanzte.
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