Die Frage danach, wer oder was die Mennoniten eigentlich seien, interessierte ihn nur am Rande, deshalb stellte er sie nicht. Auch nach Hildegards Vater zu fragen vermied er vorerst. Sie hatte nur von sich und ihrer Tochter gesprochen, deshalb hielt er es für möglich, dass Justina Witwe sein könnte – so wie er Witwer war. Das Mädchen saβ während der Unterhaltung ihrer Mutter mit dem „Deutschländer“ schweigend da und beobachtete den Mann verstohlen, aber höchst interessiert aus den Augenwinkeln.
Er hatte sich bequem nach hinten gelehnt und seine Beine weit unter den Tisch gestreckt, während er mit der verkrampft wirkenden Justina redete. Sein Blick fiel auf die lackierte Bretterwand, welche die Küche nach hinten hin abgrenzte. Ohne zu überlegen sagte er: „Und dort hinten schlaft ihr beide wohl, was?“
Justina fühlte sich offensichtlich von der Frage unangenehm berührt. Sie erhob sich und machte sich an irgendwelchen Küchenutensilien zu schaffen. In diesem Augenblick betrat Luisa die Küche wieder. Sie ignorierte Arthurs Vater ostentativ und fing an, mit Justina über das Abendessen und den Speiseplan für den nächsten Tag zu reden. Ihre Stimme wirkte irgendwie unnatürlich laut.
Ach du liebes Bisschen, dachte er, ich verstehe zwar nicht viel, aber diese Luisa scheint ja das Regiment hier im Haus fest im Griff zu haben. Fehlt nur noch, dass Justina stramm steht und die Hacken zusammenknallt.
Er beobachtete die beiden Frauen. Sehr unterschiedliche Frauen, stellte er insgeheim fest. Justina nickte nur hin und wieder zu all dem, was die schöne Luisa in kurzen Sätzen aufzählte. Dabei standen sie, soweit man bei den beiden Frauen von Rangordnung sprechen konnte, auf der gleichen hierarchischen Stufe. Die eine war zuständig für Küche, Speiseplan und Einkäufe, die andere für die Sauberkeit in allen anderen Räumen in Haupt- und Hinterhaus.
Ich werde es schon noch begreifen, wer hier wen gängelt und herumkommandiert, dachte Arthurs Vater amüsiert. Vielleicht ist es auch unwichtig für mich, denn dieser Deisenhofer wird ja hoffentlich bald auftauchen und mich und Arthur mit auf’s Land nehmen. Er scheint ja häufig in die Hauptstadt zu kommen, sonst hätte er hier ja kaum ein derart groβes Haus mit ständig darin wohnendem Hauspersonal. Wenn ich Justina richtig verstanden habe, soll er sich hier ja oft mit irgendwelchen Geschäftsleuten treffen. Menschenskind, bin ich froh, dass es hier einen Menschen gibt, mit dem ich mich richtig unterhalten kann! Sie hat etwas davon gesagt, dass sie aus einer „Kolonie“ kommt. Ein Ort mitten im Urwald, wo nur Deutsch gesprochen wird. Seltsam… aber, hat nicht Walter aus Sennestadt so was Ähnliches auch mal erwähnt? Es gibt hier ganz und gar deutsche Siedlungen. Auch Deisenhofer soll ja in einer deutschen Siedlung wohnen. Aber, wenn ich das richtig verstanden hab, sind das zwei unterschiedliche Orte. Und noch nicht einmal nahe zusammen liegend. Wie Justina dann hier ins Haus zu den Deisenhofers gekommen sein mag? Ach, womöglich einfach über zufällige Bekanntschaften. Werde ich ja alles noch erfahren. Und bis Deisenhofer kommt, müssen ich und der Kleine hier irgendwie klar kommen. Ich begreife nur nicht, was das Ganze hier eigentlich ist. Gleich zwei „Haushälterinnen“, die die Stadtwohnung eines … ja was? Eines reichen Geschäftsmannes aus dem Inland in Stand halten? Das ist doch alles irgendwie unlogisch. So, wie sich diese beiden Frauen anhören, leben sie ja nicht gerade aus purer Freundschaft unter einem Dach.
Es sollte noch relativ lange dauern, bis Arthurs Vater sämtliche Zusammenhänge für den Grund dieser Wohngemeinschaft durchschauen würde. Vorerst nur so viel dazu: Luisa, die schon wesentlich länger als Justina in dem Haus lebte, hatte von Anfang an eine gewisse Überlegenheit gegenüber der hinzugezogenen Mitbewohnerin und Mitarbeiterin an den Tag gelegt. Und Justina hatte sich nie dagegen aufgelehnt, war sie doch froh, dass sie hier überhaupt eine kostenlose Bleibe gefunden hatte und dass sie meistens lediglich die Küchenarbeit erledigen musste. Das Wenige, was sie an Bargeld benötigte, um sich selbst und ihre Tochter einzukleiden, verdiente sie sich mit gelegentlichen Näharbeiten. Manchmal brauchte eine der Damen aus Frau Deisenhofers Bekanntenkreis ein Kleid, oder sie nähte Hosen für die Arbeiter, die bei Julius Deisenhofer in Independencia im Wald und auf dem Feld beschäftigt waren.
Luisa schien mit ihren Anweisungen zum Menü des nächsten Tages fertig zu sein. Sie drehte sich um und lächelte Arthurs Vater herausfordernd an. Dabei blitzten ihre schönen Zähne. Mit einer leicht herrisch wirkenden Geste machte sie ihm deutlich, dass er mitkommen sollte, um die Kleidung für sich und seinen Sohn auszupacken, um sie dann in einem der Fächer im Schrank, das sie inzwischen frei gemacht hatte, unterzubringen.
Indessen waren Arthur und Maria Celeste glücklich darüber, dass sich die Erwachsenen so lange nicht um sie kümmerten. Zuerst waren sie sich im Zuber nur gegenübergesessen, hatten sich gegenseitig genau betrachtet und angelächelt. Ihre Unterhaltung verlief schweigend, auf unhörbarer Ebene. Einmal streckte Arthur die Hand nach Maria Celeste aus, als wolle er feststellen: „Gibt es dich wirklich?“ Da beugte sie sich spontan vor, um mit ihrem Gesicht Arthurs Fingerspitzen zu erreichen. Lachend bewegte sie mehrmals ihr Gesicht auf und ab, so dass seine Finger an ihrer Wange entlangstrichen.
Jegliches Treiben, Kommen und Gehen im Patio war für die beiden unwichtig. Sie hatten weder auf Justina und Hildegard geachtet, als diese an ihnen vorübergegangen waren, noch bemerkten sie die Frau, die mit einem Kind an der Hand und einem Kleinkind im Arm zu Luisa ins Schlafzimmer gegangen war und kurz darauf den Hof wieder verließ. Erst als Luisa mit einem groβen Badetuch an die Wanne trat und sie kräftig abrubbelte, kehrte ihr Interesse für die Umgebung zurück. Die Sonne senkte sich bereits und lieβ die Schatten länger werden.
Im Laufe des Abends lernte Arthur die kleinen Brüder seiner neuen Freundin sowie Justina und Hildegard kennen. Zu Beginn war er tief beeindruckt von den anderen Kindern, die im Haus lebten, jedoch würde er nur zu bald feststellen, dass ihn die Spielereien der beiden Jungen, von denen der Kleinere noch nicht einmal gehen konnte, langweilten. Die groβgewachsene Hildegard hingegen übte von Anfang an eine gewisse Faszination auf ihn aus, da sie sozusagen ein „Schwellenwesen“ war. Sie stand auf der Schwelle zwischen Kind und Erwachsenem. Mit ihren fast dreizehn Jahren war sie beinahe so groβ wie eine erwachsene Frau, wies jedoch bei fast knabenhafter Magerkeit keine für Frauen typischen Rundungen auf. Sie benahm sich auch nie wie die Großen und reagierte immer sofort darauf, wenn einer von den Erwachsenen sagte „Kinder, macht dieses oder jenes.“
Die neu zusammengewürfelte Hinterhausgemeinschaft hatte zu Abend gegessen, jetzt krabbelten Arthur und Maria Celeste in das gemeinsame Bett. Sie kicherten noch lange über irgendetwas, am Ende schliefen sie Händchen haltend ein.
Luisa hatte auch ihre beiden kleinen Söhne schlafen gelegt, danach fing sie an, in einer Ecke des Gartens Holz aufzuschichten. Allem Anschein nach wollte sie ein kleines Lagerfeuer anzuzünden. Leicht verwundert fing Arthurs Vater an, ihr zu helfen. Auch wenn er sich Mühe gab, seine Blicke nicht aufdringlich an ihr kleben zu lassen, beobachtete er Luisas geschmeidige Bewegungen sehr genau. Das Feuermachen schien eine alltägliche Angelegenheit zu sein. Jeder ihrer Handgriffe war geübt, selbstsicher und irgendwie elegant.
Tief in die einfachen Gartenstühle gedrückt saβen sie wenig später am Feuer und versuchten fast krampfhaft, so etwas wie eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Arthurs Vater musste immer wieder gähnen, wartete insgeheim darauf, dass auch Justina irgendwann herauskommen und sich dazusetzen würde. Sie war nach dem Abendessen aufgestanden und hatte die anderen energisch aus der Küche geschickt. Wer noch das Bedürfnis hatte zu duschen, dem würde sie einen Kessel heiβes Wasser bereitstellen, aber dann hieβ es „raus!“ Sein Angebot, ihr beim Aufräumen der Küche behilflich zu sein, hatte sie wortlos, mit kategorischem Kopfschütteln abgelehnt.
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