Der Felsen führt mich auf einen Hügel, und obwohl die Steigung nicht stark ist, muss ich meine volle Aufmerksamkeit darauf richten nicht auszurutschen. Als ich die höchste Stelle der Anhöhe erreiche, halte ich inne und blicke mich nach allen Seiten um. Es ist ein Plateau! Ich befinde mich auf einer Hochebene, die wie eine mächtige Pfeilspitze mitten aus dem Wasserstrom herausragt. Somit gibt es nur einen Weg hinunter: durch den Wasserfall. Ich schüttle den Kopf. »Unmöglich«, hauche ich. Wie soll ich unter diesen reißenden Strom hindurch kommen? Gleich unterhalb der Erhöhung bemerke ich einen Pfad, der mit Steinplatten im Boden angedeutet ist. Er führt in einer geraden Linie auf den Wasserfall hinzu. Ich klettere an einem umgestürzten Baum die Böschung hinunter. Der Weg ist etwas erhöht, wirkt beinahe wie der Kamm auf einem Deich, nur, dass dieser direkt in das Wasser führt anstatt parallel dazu. Mein Blickfeld wird nun gänzlich von dem reißenden Wasserstrom eingenommen. Ein dunkler Spalt zeichnet sich in der weiß aufschäumenden Gischt ab. Einige Meter über dem Plateau befindet sich ein Vorsprung, an dem sich die Wassermassen teilen. Der Spalt scheint zunächst zu klein, um hindurch zu gelangen, aber mit jedem Meter, mit dem ich mich nähere, wird deutlich, dass in dieser Umgebung klein sehr relativ ist.
Es donnert nun ohrenbetäubend. Die Böschung ist hier mit großen Steinplatten verstärkt, sodass das Wasser zu den Seiten abgelenkt wird. Ich stelle den Kragen meines Jacketts auf. Die Wasserwand erzeugt einen kühlen Luftstrom, der mir entgegenschlägt. Das Licht bricht sich in unzähligen Prismen, offenbart kurz seine farbigen Bestandteile und fügt sich wieder zusammen. Das Schauspiel ist von solch erhabener Naturgewalt, dass ich nicht einmal mehr Angst verspüre. Zügig und gebückt schreite ich in den Wasserspalt. Es spritzt überall Gischt auf; meine Hose saugt sich bis zu den Knien mit Feuchtigkeit voll; ich laufe der Dunkelheit entgegen. Ein Name formt sich in meinem Kopf: »Paul!« Meine Stimme erschallt in der großen Kammer hinter dem Wasserfall. Ein Druck entlädt sich von meiner Brust, die innere Unruhe ebbt allmählich ab. Ein gutes Gefühl, seinen Namen zu kennen.
Der Raum ist mit mehreren Stützpfeilern durchzogen. Von der Decke hängen zwei diffus schimmernde Lampen. Auf der linken Seite befindet sich eine silbermatte Wand. Sie hebt sich deutlich von den sie umgebenen, dunklen Felswänden ab. Ihre Oberfläche wirkt, als wenn sie aus einem durchsichtigen Überzug bestehen würde, unter dem eine silberne Schicht liegt. Ich berühre die Fläche, meine Hand schreckt zurück — etwas leuchtet auf. Im Sekundentakt erscheinen weiße Symbole, dann bricht es ab. Mitten in der Wand befindet sich auf Hüfthöhe eine runde, wenige Zentimeter große Öffnung. Ich berühre die matte Fläche erneut. Die Sequenz mit den Symbolen startet von vorne. Einige Zeichen bestehen aus einem Kreis als Grundform, sie variieren durch Linien und Punkte innerhalb des Kreises. Andere Symbole basieren auf einem Quadrat, das auf verschiedene Weise mit Linien durchzogen ist. Die Quadrate wiederum sind zu Ketten verbunden. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann daraus keine sinnvollen Ziffern, Buchstaben oder Darstellungen ableiten. Außer bei einem Symbol, das wie ein Zahnrad aussieht. — Wie seltsam es ist, dass ich weiß, was ein Zahnrad ist, ohne mich daran zu erinnern, je eines gesehen zu haben. Auf der rechten Seite zweigt ein Korridor ab und endet an einer Treppe. Ich folge unschlüssig dem Gang. Obwohl mir die Erinnerung fehlt, bin ich mir sicher, dass ich diesen Korridor noch nie betreten habe. Aber es ist offensichtlich der einzige Weg nach unten.
Überall liegen Felsbrocken herum und das Geländer ist an einigen Stellen verbogen. Die ganze Konstruktion wirkt wie eine uralte, große Nottreppe. Vorsichtig gehe ich Stufe für Stufe hinunter. Das Rauschen des Wasserfalls ist hier wesentlich leiser. Der Treppenschacht verläuft in einer Nische, die in das Gestein geschlagen wurde. Das Licht fällt durch einen breiten Spalt seitwärts auf die gesamte Struktur.
»Ah ...«, höre ich plötzlich.
»Ist da jemand?«
»Ja, hier drüben!«, schallt es zurück.
Auf jeder zweiten Etage befindet sich eine größere Plattform. Die Ebene direkt unter mir ist mit Felsbrocken übersät und Staub liegt in der Luft. In einer Ecke, nahe der Felswand, ragen Hände wild gestikulierend aus dem Geröll. Er hustet heftig. Seine Beine und der halbe Oberkörper sind unter einem Haufen aus Stein und Schutt begraben. Er hat schwarz zerzauste Haare, wirkt blass und hager. Ich schätze ihn auf Ende zwanzig. Er schaut mich mit großen Augen an und wischt sich den Staub aus dem Gesicht.
»Paul, richtig?«, stammelt er. »Ich wollt nach oben zum Plateau, dacht, da hätt' sich was bewegt, ... dann gab es diesen Rums und mit einem Mal bebte hier alles.«
Ich beginne, seinen Oberkörper freizuräumen.
»Du kennst mich? Ich ... ich bin oben aufgewacht, ... kann mich irgendwie an nichts mehr erinnern.«
»Ja, das ist hier quasi der Normalzustand.«
Auch wenn mich seine Antwort verwirrt, entferne ich weiterhin das Geröll.
»Da, das rechte Bein, es steckt fest«, sagt er.
Ein massiver, unförmiger Felsbrocken liegt als Letztes auf seinem Bein. Ich fasse ihn am Sockel, rolle ihn langsam herum, aber nach nur wenigen Zentimetern blockiert er. Ich drücke stöhnend, doch meine Schuhe rutschen weg, die Kraft lässt nach und schließlich wippt der Stein zurück.
»Au!«, schreit er auf, »Paul, vorsichtig! Der Brocken ist zu schwer für dich, ... vielleicht holst du besser Hilfe, von allein wird hier sicher niemand raufkommen.«
»Warum nicht?«, erwidere ich und taste prüfend den Brocken ab.
Er deutet mit den Händen auf die Umgebung.
»Weil sie Angst haben, dass hier womöglich alles zusammenkracht.«
»Verstehe.«
Immerhin scheint es ihn nicht davon abgehalten zu haben und mich offensichtlich auch nicht. Er bäumt sich auf und versucht, seinen Fuß herauszuziehen, gibt aber schnell mit einem frustrierten Gesichtsausdruck auf.
»Das bringt nichts«, meint er. »Wenn du unten in der Stadt erzählst, dass Will hier oben feststeckt, werden sicher einige helfen kommen.«
Ich möchte ihm zustimmen, doch da spüre ich, wie die Plattform vibriert, dann hört es schlagartig auf. Er schaut mich erschreckt an. Mit einem Mal höre ich ein knirschendes Geräusch über uns. In diesem Moment fällt ein Schwall von Geröll und Staub auf uns herab. Ich ziehe im Reflex die Arme über meinen Kopf. Zum Glück kommen keine größeren Brocken bis zu uns hindurch. Die Luft ist wieder mit Staub durchsetzt, und ich höre ihn heftig husten.
»Vermutlich haben wir dafür keine Zeit mehr«, meine ich.
»Ja, womöglich«, keucht er.
»Mir fällt gerade was ein, ... oben hab ich einige Stangen gesehen, die aus dem Geländer ragen. Ich werd mich mal umschauen.«
Er nickt und klopft sich den Staub von seinem Oberkörper.
»Einen Versuch ist es wert.«
Ich gehe, das Geländer prüfend, die Treppen hinauf. An einigen Stellen ist es so verbogen, dass sich die Querstreben am oberen Ende von der Brüstung gelöst haben. Ich umgreife eine Strebe und ziehe sie, ohne viel Kraft anzuwenden heraus. Wenn er meinen Namen kennt, wird er sicher auch wissen, was mit mir passiert ist. Vielleicht sind wir ja zusammen hergekommen? — Nein, dann hätte er wohl anders reagiert.
»Denkst du, dass dein Bein in Ordnung ist, nichts gebrochen oder verrenkt?«, frage ich, als ich wieder bei ihm bin.
»Alles okay, ich kann es sogar etwas bewegen«, erwidert er.
»Genug, um den Fuß herauszuziehen, sobald ausreichend Platz da ist?«
Er nickt. Ich suche eine gute Position, um die Stange anzusetzen.
»Bereit?«
»Sicher.«
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