Auch meinem Vater war dieser Zeitplan sehr wichtig, denn das Ganze hatte natürlich seine Berechtigung. Bei Nichteinhaltung konnte meine Mutter die häuslichen Arbeiten nämlich terminmäßig nicht auf die Reihe kriegen. Denn wenn Vati von der Arbeit heimkam, hatte sein Essen auf dem Tisch zu stehen. Ansonsten hätte es mächtig eheliche Reibereien gegeben.
Nur an den Sonntagen sorgte er selbst manchmal dafür, dass es zu Störungen dieses Routinezeitplans kam. Denn dann gönnte er sich, nach dem Frühstück, einen Besuch in seiner örtlichen Stammkneipe, dem »Fährstübchen«.
Das Ritual des dortigen Frühschoppens ließ er sich nie nehmen. Er genoss ein paar Gläser Bier der Holsten-Brauerei und drosch mit anderen Männern des Dorfes einen zünftigen Skat.
Schon damals existierte der Spruch: »Holsten knallt am Dollsten!«
Das eine oder andere Mal wurden aus wenigen Gläsern Holsten, mehrere. Und während des Skatspielens vergaß Vater die Zeit, und seine Prinzipien einer geregelten Mahlzeiteinnahme.
Wenn an diesen Sonntagen die Kartoffeln bereits gar, aber mein Vater noch nicht in Sichtweite war, schickte mich meine Mutter in besagte Kneipe. Um meinen Vater daran zu erinnern, dass das Mittagessen auf dem Tisch stand.
Mein Vater war bereits mächtig angesäuselt, winkte ab und sagte mir, dass er gleich kommen würde. Wir sollten schon mal ohne ihn anfangen.
Also lief ich wieder zurück zu Muttern und gab die väterliche Information weiter. Mutti schäumte natürlich vor Wut!
Nach etwa einer Stunde tauchte mein Vater dann endlich bierselig auf, gestützt von seinen Skatbrüdern.
Mutti explodierte beim Anblick des Zustandes meines Vaters und warf ihm diverse Schimpfwörter an den Hals. Mein Vater winkte jedoch abermals ab, nuschelte irgendetwas das sich anhörte wie »Lass mich in Ruhe«, und steuerte das elterliche Schlafzimmer an, um seinen Rausch auszuschlafen. Meine Mutter war stinksauer, und den Rest des Tages herrschte bei uns dicke Luft.
Auch andere Männer waren in der damaligen Zeit dem Biertrinken sehr zugetan. Und den Frauen war das natürlich zuwider. Zum Einen mussten sie das Gelalle ihrer besoffenen Kerle ertragen, und zum Anderen schmälerte die Sauferei die ohnehin karge Haushaltskasse.
Da der ausstehende Arbeitslohn am Ersten des Monats direkt an die Arbeiter ausgezahlt wurde, holten die sich am Ende des Arbeitstages ihr sauer verdientes Entgelt im Firmenbüro ab. Und der erste Weg führte sie dann oft in die nächste Kneipe, um gutgelaunt den Erhalt ihrer Lohntüten zu feiern.
Den Ehefrauen war das natürlich ein Dorn im Auge. Und so beschlossen einige von ihnen, zu Feierabend vor den Arbeitsstellen ihrer Göttergatten aufzutauchen. Dort nahmen sie ihre Kerle mitsamt den Lohntüten in Empfang und geleiteten sie auf direktem Wege nach Hause – in großem Bogen an der Stammkneipe vorbei.
Aus der Not heraus hatten diese Frauen wahrscheinlich maßgeblichen Anteil an der Erfindung des Girokontos.
Kapitel 4: Schock und Enttäuschung
Nach der Schule traf ich mich immer mit meinen Kumpels. Wir streiften durchs Dorf und vertrieben uns die Zeit mit manchem Schabernack. Irgendetwas fiel uns immer ein. Ich kann mich erinnern, dass selten Langeweile aufkam. Trotz des Fehlens von Playstation und Handys!
Manches Mal spielten wir aber einfach nur Verstecken. Einer von uns stellte sich mit dem Gesicht zu einem Baum, verschloss seine Augen mit den Händen - und zählte langsam bis zwanzig. Solange hatten dann die anderen Zeit, sich ein Versteck zu suchen. Anschließend machte sich der »Baumsteher« auf die Suche. Wenn er dann das Versteck eines Spielkameraden entdeckt hatte, hieß es loszuspurten und vor dem Entdeckten an den »Zählbaum« zu klatschen. Wenn man dann alle Verstecke nach und nach entdeckt hatte, war der Erstgefundene an der Reihe zu zählen und zu suchen. Dieses Spiel zog sich oft über den ganzen Nachmittag hin.
Eines Tages vergnügten wir uns mit dem »Versteckspiel« in der Nähe der Dorfkirche, im Obstgarten des Gemeindepastors. Der Sucher zählte an einem Baum, und die restlichen Kinder rannten los, um sich schnell ein möglichst gutes Versteck zu suchen. Ich spurtete hinter die Kirche und sah mich nach einem geeigneten Platz um. Aus den Augenwinkeln bekam ich noch mit, wie sich einige von uns in die Büsche schlugen.
Am Anbau der Dorfkirche entdecke ich eine kleine versteckte Treppe, die wohl in den Keller des Gemeindehauses führte. Dort unten, vor dem Kellereingang, konnte man sich sicherlich eine Zeitlang ungesehen aufhalten. Also die Treppe hinunter und dann mit dem Rücken an die Kellertür. Dabei stellte ich fest, dass sich der Türgriff bewegen ließ! Die genannte Tür schien also nicht verschlossen zu sein. Und wenn ich in den Keller hineingehen würde, überlegte ich mir, konnte man mich bestimmt nicht so schnell entdecken.
Vorsichtig öffnete ich die Tür und trat ein. Der Raum war dunkel und nur durch den Spalt in der Tür, deren Griff ich noch in der Hand hatte, drang spärlich Licht ein. Hastig sah ich mich um. Und erschrak!
Im diffusen Lichtkegel, der durch die angelehnte Tür eindrang, erkannte ich Särge. Und einige waren geöffnet. Mir wurde schlagartig bewusst, dass dies wohl die Leichenhalle mit den aufgebahrten, jüngst Verstorbenen des Dorfes war. Der Anblick der Toten in den offenen Särgen jagte mir einen unbeschreiblichen Schrecken ein. In Panik machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte hinaus. Ob ich die Tür hinter mir schloss, weiß ich nicht mehr. Nur schnell weg von hier! Ich stolperte die Treppe hinauf. Raus aus diesem Grusel-Szenario!
Von nun an versuchte ich, besonders wenn die Dunkelheit anbrach, dem Kirchengebäude aus dem Weg zu gehen. Auch die Nähe des Friedhofs mied ich bei Einsetzen der Dämmerung.
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Unter meinen Altersgenossen gab es einige Familien, die finanziell weitaus besser als wir gestellt waren. Es gehörte leider auch nicht viel dazu. Und so erfuhr ich schon früh, was den Unterschied zwischen Arm und Reich ausmacht. Da war z.B. ein Klassenkamerad. Er war der Sohn des gutverdienenden Dorfarztes und hatte dadurch eine besondere Stellung in unserer Klasse und auch bei den Lehrern.
Andere Familien waren sogar Besitzer eines kleinen Häuschens. Das müssten Millionäre sein, kam es mir in den Sinn.
Wenn einige dieser Kinder Afri-Cola tranken, gab’s bei uns ein Glas Brunnenwasser, mit einem Teelöffel essigsaurem Natron und Zucker. Nur am Monats-Ersten manchmal etwas Brausepulver von »Frigo«. Erstaunlicherweise kann man das heute noch kaufen.
Was modische Kleidung anging, waren weiße Hemden aus Nylon stark angesagt. Viele hatten so ein Hemd, aber diese schicken Teile waren teuer. Aus diesem Grund besaß ich so etwas auch nicht. Und Jeans, damals ein aufkommender Trend aus den USA, waren bei meinen Eltern verpönt. »Nietenhosen« wären etwas für die Arbeit, sagten sie. So schaute ich immer neidisch auf meine Altersgenossen, die etwas Derartiges trugen.
Beim »Vogelschießen« - eine Art jährliches Schulfest - machte ich einmal innerhalb meiner Klasse den 2. Platz. Dem Ersten stand als Preis ein Nyltest-Hemd zu. Ich hatte nun das unfassbare Glück, dass der »König« schon ein solches besaß und lieber den Preis für den 2. Platz einsackte. Und durch diesen glücklichen Zufall bekam ich dann doch dieses heißersehnte, top-modische, Kleidungsteil.
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