Aber dann war er da! So ein kleiner Kopf. Und auch der Rest - so winzig. Die Erwartung jetzt einen Kumpel zu haben, wurde vorerst leider durch den permanenten Zustand von Babygeschrei und vollgekackten Windeln zunichtegemacht. Pampers gab’s zu der Zeit nicht, so dass diese gut gefüllten Stoffwickel das ohnehin zahlreiche Schmutzwäscheaufkommen immens steigerten.
Aber Brüderchen wuchs. Und das ließ mich dann irgendwie wieder hoffen.
Der nächste Höhepunkt meines jungen Lebens ereilte mich an meinem sechsten Geburtstag. Nachdem ich die üblichen Geschenke in Form von Socken, Hemden und sonstiger Grundbekleidung überreicht bekam, sagte mein Vater: »So, jetzt gehen wir in die Stadt zum Kaufhaus Grimme - und kaufen Dir ein Fahrrad.«
Ich glaube, dass ich später in meinem Leben dieses entstehende Glücksgefühl nur hatte, als ich mit meiner Frau vor dem Traualtar stand. Oder als meine Kinder geboren wurden. Einfach unbeschreiblich!
Wir kauften den Drahtesel. Ein Jungenfahrrad mit Stange - in Silber und Rot. Und ich durfte die ca. 5 km Wegstrecke nach Hause schon mal fahren üben. War garnicht so einfach. Aber durch mein Gefühl der Glückseligkeit wurde ich trotz einiger, wenn auch schmerzhafter, Stürze immer sicherer.
Jetzt verbrachte ich meine Zeit nur mit einer Sache – Fahrrad fahren!
Als ich drei Monate später eingeschult wurde, bekamen alle Schulanfänger zur Begrüßung ein Kärtchen mit ihren Namen zugesteckt. Auf diesem Kärtchen war zusätzlich ein kleines gezeichnetes Bild, welches etwas über die Eigenarten des Kindes aussagen sollte. Und auf meinem Kärtchen war ein Junge auf einem Fahrrad!
Ja, die Lehrer kannten ihre neu ankommenden Schüler bereits. Auch das war eine der Besonderheiten des dörflichen Lebens - am Anfang der 60er Jahre.
Ich wurde Ostern 1961 in die Volksschule Osterrönfeld eingeschult. »Volksschule« heißt heute Grund- und Hauptschule. Als weiterführende Schulen gab es die »Mittelschule« sowie die »Oberschule«.
Unsere Lehranstalt war eine kleine Dorfschule mit acht Klassen. Allerdings war diese in der Regel mit maximal 15 Schülern pro Klasse gefüllt und der Unterricht fand noch an sechs Tagen, also auch Samstags, statt.
Die damaligen Lehrer waren ausnahmslos sehr streng, und des Öfteren gab’s Ohrfeigen. Oder schmerzhafte Züchtigungen mit dem Zeigestock.
Die bunten modischen Schultaschen der heutigen Grundschüler gab es ebenfalls noch nicht. Unsere Taschen hießen »Ranzen« oder »Tornister« und waren aus echtem Leder, also sehr haltbar. Gefüllt nur mit dem Nötigsten - Schiefertafel, Kreidegriffel, Lesebuch, Rechenbuch. Dass ich im Alter Rückenprobleme bekommen sollte, kann also nicht an der Schwere unserer Schultaschen gelegen haben.
Später kamen noch Buntstifte, Lineale und Füllfederhalter dazu.
Auch achteten die Lehrer extrem auf Sauberkeit und Ordnung. Und so mussten die, von der Schule zur Verfügung gestellten Bücher, akkurat in Packpapier eingeschlagen sein. Mutti konnte das besonders gut. Liegt wohl in der weiblichen Natur, denn Frauen können auch Geschenke immer besser verpacken. Männer tun sich in dieser Beziehung oft sehr schwer.
Fräulein Szutnakowski war meine erste Klassenlehrerin. Eine resolute männerlose Endvierzigerin von kleiner drahtiger Statur, mit festem hochgestecktem Haarknoten und Nickelbrille. Eine, für uns Kinder, absolute Respektsperson. Und das war sie nicht nur für die Schulanfänger, sondern auch für die Schüler der oberen Klassen.
Und weil ich gerade von Respektspersonen rede - bei uns im Dorf war das ganz klar geregelt. Die Personen, die am meisten zu sagen hatten, waren der Rektor der Schule und seine Lehrer, der Bürgermeister, der Dorfpolizist und nicht zu guter Letzt - der Wirt des Dorfkrugs.
Vor diesen Honorigkeiten hatten wir Schüler einen mächtigen Respekt. So war auch die Redewendung gang und gäbe, wenn wir gegenüber Erwachsenen Missfallen erregten: »Das sag ich Deinem Lehrer!« Und dann setzte es tatsächlich am nächsten Tag in der Schule Prügel.
Einen Vorteil gegenüber der heutigen Schülergeneration hatten wir dadurch allerdings. Wir wussten zwischen Anständigkeit, Unanständigkeit, und anderen Verhaltensregeln sehr gut zu unterscheiden.
Dabei fällt mir ein - während der Schulzeit meiner Tochter, entdeckte ich an ihrer Schultasche einmal einen Aufnäher, den sie dort selbst angeheftet hatte. Er trug die Aufschrift »Lernen durch Schmerz«. Der Erfinder dieses Spruches muss wahrscheinlich meine damalige Klassenlehrerin gewesen sein!
Ich denke ich war ein braver, ordentlicher Schüler. Doch auch an mir ging der Kelch der körperlichen Züchtigung nicht vorüber. Hinzu kam, dass es auch zuhause wegen niederer Vergehen zusätzlich mächtig Prügel setzte.
Mein Vater ging dabei äußerst rabiat vor. Er hatte noch aus Wehrmachtszeiten einen Ledergürtel, den er als Erziehungshilfe für meinen Bruder und mich regelmäßig nutzte. Und das Besondere daran war das Koppelschloss. Darauf stand nämlich in altdeutschen Lettern »Gott mit uns«. Die Schmerzen, die dieser Riemen verursachte, sorgten dafür, dass ich schon in früher Kindheit ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu Gott entwickelte.
Mutter bevorzugte übrigens für Bestrafungen den Kochlöffel.
Kapitel 3: Waschtag und ein Schwein
Mein Bruder Axel entwickelte sich für meine Eltern zu einem anstrengenden Bürschchen. Denn er war relativ resistent gegen elterliche Vorschriften. Und obwohl er vor den häuslichen Prügeln fürchterliche Angst hatte, nahm er sie doch immer wieder in Kauf.
Es gab zu jener Zeit absolut klare Bekleidungsregeln. Sonntags wurden wir zum Beispiel mit unseren »Guten Sachen« rausgeputzt. Diese Art von Uniform war, um sie zu schonen, nur dem Sonntag vorbehalten. Und auch - damit nachkommende Generationen diese dann eventuell weitertragen konnten.
Sie bestand aus weißen Hemden, gestärkt und gebügelt, am besten in Verbindung mit einer Fliege. Und Stoffhosen mit solch scharfen Bügelfalten, dass man sich daran fast Schnittwunden holen konnte. Dazu trugen wir weiße Söckchen, und nicht zu guter Letzt – schwarze hochglanzpolierte Lackschuhe.
Eines Sonntagmorgens waren wir mal wieder hübsch gemacht worden, weil die Familie bei Sonnenschein einen Spaziergang machen wollte. Axel war fertig gestylt und ging schon mal nach draußen. Unsere Eltern wollten uns ja nicht zu Stubenhockern erziehen. Deshalb jagten sie uns, unabhängig vom Wetter, immer nach draußen. Angeblich wegen der frischen Landluft. Und nebenbei konnten sie dadurch auch ohne Störung ihren häuslichen Arbeiten und Pflichten nachgehen.
Am Tage zuvor hatte es den ganzen Tag geregnet, so dass im sandigen Hofbereich noch mehrere größere Regenpfützen sichtbar waren.
Als meine Mutter aber zufällig durchs Wohnzimmerfenster nach draußen blickte, sah sie, dass Axel an einer dieser trüben Wasseransammlungen großen Gefallen gefunden hatte. Das drückte sich dadurch aus, dass er mitten in derselbigen stand und durch intensive Hüpfbewegungen dafür sorgte, dass ansehnliche Matsch-Fontänen entstanden. Und so hatte seine strahlendweiße Montur, durch die aufwirbelnde nasse Erde, in kürzester Zeit das Aussehen eines Tarnfleck-Anzuges angenommen.
Völlig ausser sich, riss sie das Fenster auf: »Axel! Sofort reinkommen! Das kann doch nicht wahr sein! Na, Dir werde ich helfen- Freundchen!«
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