Ich ging sehr gern in die Schule und liebte meine Klassenlehrerin, eine sehr schöne und elegante Frau. Einmal hörte ich, wie in unserem Laden über sie gelästert wurde. Eine Frau erzählte, meine Lehrerin habe ein Verhältnis mit einem der jüngeren Lehrer an unserer Schule, dabei sei sie doch verheiratet. Die Frau zu meiner Mutter: „Wir sollten uns wirklich überlegen, ob wir die Frau Schwesinger noch grüßen, so etwas schickt sich nun wirklich überhaupt nicht.“ Ich wurde sehr wütend und stampfte mit dem Fuß auf dem Holzboden auf. Niemand sollte so etwas über meine liebe Frau Schwesinger sagen. Die Kundin verließ nach einer Weile beleidigt den Laden und meine Mutter nahm mich beiseite und sagte: „Angela, jetzt hör mir mal genau zu. Wir haben ein Geschäft und wir sind von unseren Kunden abhängig. Du musst den Leuten sagen, was sie hören wollen, dann sind sie zufrieden und kaufen weiterhin hier ein. Weißt du, die Menschen wollen die Wahrheit gar nicht hören.“
Ich dachte kurz über die Worte meiner Mutter nach und sagte dann: „Aber Mama, das ist doch nicht richtig. Mir sagst du doch immer, ich soll die Wahrheit sagen. Warum soll ich denn die Wahrheit sagen, wenn Erwachsene ständig lügen – und auch noch lügen dürfen?“ Meine Mutter hob leicht die Schultern und sagte, während sie etwas in die Kasse tippte: „Mein Kind, so ist das Leben nun mal.“ Ich schaute sie weiter an: „Mama, so will ich nicht leben. Ich werde alles ändern. Denn wenn jeder die Wahrheit sagen würde, dann gäbe es keine Lügen mehr.“
Da lachte meine Mutter kurz auf und antwortete: „Du bist noch jung und dumm. Früher habe ich auch mal so gedacht, aber das sind bloß Träumereien. Da führst du einen aussichtslosen Kampf. Bis jetzt haben die Leute noch jeden kleingekriegt. Je früher du dich daran gewöhnst, desto einfacher wird dein Leben. Am besten ist es, wenn du nicht auffällst, deine Pflichten erfüllst und nicht zu viel aneckst.“ Sie schrieb in mein Poesie-Album: „Sei fröhlich mein Kind, die Jugend zerrinnt nur allzu geschwind, die spätere Zeit hält Kummer bereit und Trübsal und Not und Leid.“ Papa schrieb in mein Album: „Unschuld wohn in deinem Herzen, keine Handlung töte sie, du magst spielen, oder scherzen, doch verlier die Unschuld nie.“
Sonntags mussten wir drei Mädchen immer mit Papa in die Kirche. Mama wollte einmal in der Woche ausschlafen. Und so standen wir vor dem Kircheneingang und ich hörte, wie die anderen Frauen darüber tratschten, dass meine Mutter wieder nicht dabei war. Mir kam die Messe jedes Mal ewig vor. Wie in Trance verfolgte ich sie, fast schlafend in meinem weißen Sonntagskleid auf der harten Holzbank. Nur das ständige Aufstehen und Hinknien hielt mich vom Schlafen ab. Der Pfarrer sagte, dass wir Sünder seien, um Erlösung bitten und uns mit Opfergaben von unseren Sünden freikaufen müssten. Dafür hatten auch die sparsamen Schwaben immer Geld. Der Pfarrer predigte, dass wir doch bitte schön die CDU wählen sollten. Natürlich. Dann beteten wir für die Länder Afrikas, damit diese auch zum katholischen Glauben fänden. Das verstand ich nun gar nicht. Warum kann nicht einfach jeder seinen eigenen Glauben haben? Warum müssen wir alle an das Gleiche glauben? Und gibt es eigentlich nur einen Gott? Alles sehr unerwünschte Fragen damals in Utzmemmingen bei Pflaumloch.
Einmal in der Woche kam der alte Mess- und Gemeindediener zu uns ins Dorf, um eine oder mehrere Bekanntmachungen zu machen. So ganz altertümlich auf dem Marktplatz. Er stand dann da, in der Mitte des Platzes, er bimmelte mit einer großen Glocke und brüllte ganz laut „Beeeeekannnnnntmachuuuuung“. Dann strömten aus allen Gassen die Leute zu ihm und umringten ihn. Er begann seine Reden dann immer mit: „Der Bürgermeister hat beschlossen, dass ...“ Mehr verstand ich meist nicht, weil ich nie vorne stand und er wirklich sehr stark nuschelte. Wichtig war es für mich nicht. Nach ein paar Minuten liefen die Leute so schnell, wie sie gekommen waren, wieder zurück zu ihrer Arbeit.
„Die Leute rackern sich den ganzen Tag stupide ab, immer dasselbe, Tag für Tag. Nur nie die Wahrheit sagen. Bierflaschen stehen auf den Tischen wie die Soldaten. Was werden die Leute sagen? Immer kriechen und sich abplagen.“ (Aus meinem „Hinterm Mond geboren“-Song)
Weil meine Mutter so viel im Laden arbeitete, war unser Haus meistens nicht besonders ordentlich und auch nicht so sauber. Meine Mama war schön, obwohl sie wenig Zeit für ihr Äußeres hatte. Nur samstags wurde bei uns gebadet. Es gab eine Wanne voll Wasser für alle. Es gab immer Streit darum, wer als Erster badete. Der Letzte badete im Brackwasser.
Wir bekamen so gut wie nie Besuch. Mit Sorgenfalten im Gesicht stand meine Mutter abends da und sagte: „Kind, wann soll ich das auch noch machen? Und so wie es hier aussieht, kannst du niemanden einladen.“ Als Schulkind fand ich das ganz schrecklich. Schließlich luden die anderen ihre Freunde ja auch ein. Nun hatte ich gar keine Freunde. Ich war die Außenseiterin, nie wirklich irgendwo dazugehörig. Immer dabei und doch allein. Doch das änderte sich mit Irene. Braunes dünnes Haar, blaue Augen, Sommersprossen, Brille. Sie war meine erste beste Freundin. Und die einzige. Wir spielten zuhause bei ihr auf dem Dachboden, robbten über den staubigen Holzboden, versteckten uns hinter großen Truhen und fanden jedes Mal lustige Hüte, Fächer und elegante Sonnenschirme, mit denen wir „feine Dame“ spielten. Dann wollte sie mich besuchen. Ich wollte das auch. Unbedingt. Also räumte ich das ganze Haus auf, putzte, fegte, faltete, bis alles sauber und ordentlich war. Ich durfte Irene einladen. Ich war ganz aufgeregt und zeigte ihr stolz jeden Raum unseres Hauses. Dann gab es Mittagessen – und das Unheil nahm seinen Lauf … Es war Freitag, da war Fleisch essen bei uns eine Sünde. Also gab es nur Spinat, Spiegelei und Kartoffeln. Irene und ich mochten das Essen nicht. Sie würgte ihres herunter und ich spuckte meinen Spinat heimlich ins Klo. Ein Geheimnis, das ich ihr später erzählte. Nach dem Essen spielten wir Verstecken. Bei uns zuhause machte das aber nicht so viel Spaß, weil ich ständig gerufen wurde, um im Laden zu helfen. Irene besuchte mich nach diesem Tag nie wieder. Ein paar Monate später hatten wir Streit. Sie lief mit ihren neuen Freundinnen hinter mir her und rief: „Bei euch zuhause ist es ganz schön dreckig. Und dein Papa ist ein Hampelmann.“ Mein Papa – ein was? Ich begann zu rennen. Sie und ihre Freundinnen mir dicht auf den Fersen. Dann brüllte Irene: „Du Spinat-ins-Klo-Spuckerin!“ Sie hatte mein Geheimnis verraten. Nur ihr hatte ich es erzählt und geglaubt, sie behielte es für sich. Und nun schrie sie es über den Gehweg. Ich lief weinend nach Hause und beschloss, niemals wieder jemandem ein Geheimnis anzuvertrauen.
Eines Morgens wachte ich auf und konnte nichts mehr sehen. Alles schwarz, verschwommen. „Ich kann nichts mehr sehen!“, rief ich so laut ich konnte! Bin ich blind? Das kann nicht sein, ich bin doch noch so klein. Meine Eltern und meine Schwestern stürmten in mein Zimmer und fingen nach wenigen Sekunden an zu lachen. Was war so witzig? Dann schnappte mich mein Vater und setzte mich in die Badewanne, während meine Mutter den Duschkopf auf mich hielt und mir mit einem Waschlappen das Gesicht abrubbelte. Nach einer Weile konnte ich wieder schemenhaft die Umrisse im Badezimmer erkennen und schließlich wieder alles sehen. „Was war das, Mama?“ – „Das, mein Kind, war der Kaugummi, den du gestern Abend nicht aus dem Mund nehmen wolltest und scheinbar in der Nacht verloren und dich reingelegt hast“, sagte meine Mutter trocken. Oh Mann, der Kaugummi!
„Ich stand mit Kaugummi auf und ging mit Kaugummi zu Bett. Beim Essen schob ich ihn unter die Zunge und er war weg.“ (Auszug aus meinem „Kaugummi“-Song)
Natürlich hatte sich die klebrige Masse nicht nur auf meinem Gesicht verteilt, sondern auch in meinen Haaren. Da half kein Rauswaschen oder Rausbürsten. Die blonden Haare mussten abgeschnitten werden, und so sah ich eine Weile aus wie der Junge, der ich eigentlich hätte werden sollen.
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