Barbaras Begeisterung steckte Laura nicht an. „Dann solltest du fahren."
„Weißt du was? Das mache ich. Ich begleite dich. Zusammen ist es viel lustiger und helfen kann ich dir auch, dann geht es schneller."
Lauras Gesicht hellte sich auf. „Würdest du tatsächlich mitkommen? Das wäre super. Aber ich möchte morgen starten. Kannst du dir so kurzfristig Zeit nehmen?"
Barbara nickte. „Klar, zwei, drei Tage sind kein Problem, das kriege ich hin. Es wird mir gut tun, mal rauszukommen und den Kopf freizukriegen."
„Wunderbar!" Laura freute sich. „Dann starten wir morgen in aller Frühe. Gilda, meldest du uns bei der Internatsleitung an? Und kannst du uns zwei Hotelzimmer buchen? Hoffentlich gibt es in dem Kaff überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit."
Gilda sammelte die mit Weihnachtssternen verzierten Steingut-Becher ein. „Ja, das erledige ich gleich als Erstes, wenn wir im Büro sind. Und dann fahre ich nach Köln und spreche mit dem Mann von der Drogenberatung, sonst ist die Agentur morgen verwaist. Wir können ja schlecht Justin an den Empfang setzten."
Gilda trat aus dem Kölner Hauptbahnhof auf den zugigen Vorplatz und zog fröstelnd ihren Schal enger um den Hals. Über ihr ragte der mächtige Dom in den bedeckten Himmel, auf dem Taxiplatz herrschte ein Chaos aus Menschen, Autos und Lärm. Sie tippte die Ziel-Adresse in ihr Handy ein, ließ sich die Route anzeigen und erklomm die Stufen zur Domplatte. Die Handtasche eng an den Körper gepresst musste sie sich fast gewaltsam durch den Strom von japanischen Touristen und einkaufsfreudigen Passanten schieben.
Auf dem Alter Markt wurde das Gedränge sogar noch größer und obwohl es erst Nachmittag war, grölten Betrunkene vor den Kneipen. Gilda zog den Kopf ein, drückte sich rücksichtslos durch die Menge und war erleichtert, als sie die Gasse gefunden hatte, die zur Kirche und zur DROBERA führte.
Erst auf den zweiten Blick entdeckte sie das baufällige Häuschen, das mehr einer Bretterbude glich, in dem die Beratungsstelle untergebracht war. Zu ihrer Überraschung waren Teile des Kirchenvorplatzes mit rot-weißem Plastikband abgesperrt. Auf den Kirchenstufen sah sie mit Kreide gezogene Umrisse eines schmalen, menschlichen Körpers. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
War hier ein Mord passiert?
Sie schüttelte sich und ging entschlossen zum Eingang. Noch bevor sie klopfen konnte, öffnete sich die Tür. Vor ihr stand eine Frau, etwa im gleichen Alter, mit langen, schwarzen Haaren und einem viel zu großen Wollpulli.
„Bist du einer von den Pressefutzies?"
Gilda schüttelte den Kopf. „Nein. Was ist denn vor der Kirche passiert?"
Die Schwarzhaarige ignorierte die Frage. „Was willst du? Schieb lieber ganz schnell wieder ab."
Gilda räusperte sich. „Ich möchte zu Michael Ehrling. Darf ich hereinkommen?"
Das Mädchen warf einen Blick hinter sich in den Raum und gab widerstrebend den Weg frei. Gilda trat ein und sah sich einem hageren, großen Mann mit hängenden Schultern gegenüber, der sie gleichmütig ansah.
„Sind Sie Herr Ehrling?"
„Ja. Worum geht es?" Seine Stimme klang müde, aber angenehm. Gilda ging einen Schritt auf ihn zu, blieb aber ruckartig stehen, als sie den stechenden Geruch von Alkohol wahrnahm. Er hatte getrunken.
„Komme ich ungelegen?"
Michael Ehrling zuckte die Achseln, dann wies er fahrig auf einen Stuhl. Gilda interpretierte das als Einladung, legte die Umhängetasche auf den Tisch und setzte sich.
„Mein Name ist Gilda Lambi von der Detektei Peters in Bonn. Ihr Freund Bernd Schlüter hat uns beauftragt, mit Ihnen zu sprechen. Er sagte, dass Sie ein Schultreffen organisieren möchten, dafür hat er uns um Unterstützung gebeten."
„Soso. Bernd schickt dich und hat gesagt, ich wolle ein Schultreffen organisieren. Na ja, er hatte schon immer seine eigene Sicht auf die Dinge. Wir können uns übrigens duzen." Michael setzte sich schwerfällig, zog eine alte Kaffeekanne zu sich und sah sie fragend an.
„Ja, gerne. Bei der Kälte ist das genau das Richtige." Gilda lächelte breit, um ihr Unbehagen zu verbergen. Der Raum war eiskalt, von den Wänden blätterte die Farbe ab, die Möbel waren abgestoßen und schäbig. Michael hatte einen Drink zu viel gehabt und das Mädchen sah aus wie eine Fixerin, die ihr gleich die Tasche entreißen würde, um den nächsten Schuss zu kaufen. „Was ist passiert? Ist jemand ermordet worden?" Vorsichtig trank sie von dem lauwarmen, bitteren Gebräu.
Michael schenkte sich ebenfalls eine Tasse ein und nickte. „Eine unserer Schutzbefohlenen ist an einer Überdosis gestorben. Sie wurde heute Morgen gefunden. Wir sind total erschüttert. Deshalb haben wir jetzt eigentlich geschlossen."
„Tut mir leid", murmelte Gilda.
Das schwarzhaarige Mädchen schnaubte verächtlich. „Tu nicht so scheißfreundlich. Mir machst du nichts vor! Dir ist das total wurscht! Ihr Luxus-Barbies verachtet uns."
„Cora ..." Kraftlos versuchte Michael, die Attacke des Mädchens zu stoppen.
„Ist doch wahr! Die beachten uns gar nicht. Schauen weg und interessieren sich nicht die Bohne dafür, wie dreckig es uns geht. Als wären sie etwas Besseres. Aber das seid ihr nicht. Hast du mich verstanden? Wir haben nicht immer auf der Straße gelebt. Wir sind nur in die Scheiße geraten. Das kann jedem passieren. Dir auch!"
Gilda hob beschwichtigend die Hände, es fiel ihr nichts ein, was sie hätte entgegnen können, ohne das Mädchen weiter zu reizen.
Michael schlug auf den Tisch. „Schluss jetzt, Cora. Hier geht es um ein anderes Thema. Entweder, du beruhigst dich und setzt dich zu uns, oder du verschwindest."
Gilda erwartete, dass das Mädchen wütend zur Tür hinausrauschen würde, aber überraschenderweise nickte sie und zog sich einen Stuhl heran.
„Tut mir leid, dass ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt komme, das konnte ich nicht wissen", begann Gilda erneut.
„Wir konnten das alle nicht ahnen. Zoras Tod ist der totale Schock. Sie war auf einem guten Weg, seit Wochen clean. Keine Ahnung, wie es zu einem Rückfall kommen konnte. Sie war viel zu erfahren für eine Überdosis." Michael schüttelte den Kopf, angelte nach der Wodka-Flasche, die mitten auf dem Tisch stand, und goss einen großzügigen Schluck in den Becher.
Gilda scharrte unbehaglich mit den Füßen. Betrunkene machten ihr Angst. Sie hatte es am eigenen Leib erlebt, wie aufdringlich und gefährlich sie werden konnten. Als sie auf Ibiza in einem Strandklub gejobbt hatte, war sie nur knapp einer Vergewaltigung entgangen. Ein Betrunkener hatte sie nachts auf dem Heimweg in ein Gebüsch gezerrt. Nur dank eines beherzt eingreifenden Touristen war es nicht zum Äußersten gekommen. Sie versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren: „Könnte es Selbstmord gewesen sein?"
„Bullshit!" Cora fuhr hoch. „Sie hatte es doch geschafft: Keine Drogen, auf der Warteliste für 'ne eigene Bude und in ein paar Wochen wollte sie eine Ausbildung als Kosmetikerin anfangen. Sie war so happy! Das schmeißt man doch nicht einfach weg."
Gilda zuckte die Schultern. „Vielleicht hat sie Angst vor der Herausforderung bekommen? Der Schritt zurück in ein strukturiertes Leben, in dem man alle Erwartungen erfüllen muss, kann einschüchternd wirken."
Читать дальше