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Mit dem brennenden Kerzenstumpen in der Hand ging er den Gang entlang zu dem Zimmer, das Gordon ihm zugeteilt hatte. Er war froh, dass es nicht dasselbe Zimmer war, in welchem er vor einem Jahr an seinem ersten Tag in Altenweil mit Sturmkind geschlafen hatte. Trotz allem, was sich seither ereignet hatte, hatte er das unbändige Mädchen nicht vergessen. Er würde sie nie vergessen.
Das Zimmer ging zum Hof hinaus. Den meisten Platz nahm das breite Bett gegenüber dem Wandkamin ein. In saubere Leinentücher eingeschlagene Decken waren über den mit Stroh gefüllten Bettkasten gebreitet. Der Kamin war kalt. Unter dem mit Pergament bespannten Fenster standen ein Tisch und ein Stuhl. Ein Kerzenhalter stand auf dem Tisch. Norbert setzte den Kerzenstumpen hinein. Dann blickte er in den Schrank neben der Tür. Er war leer bis auf ein paar Decken. Norbert hatte nichts, was er in den Schrank hätte legen können. Die wenigen Sachen, die er besessen hatte, waren in Dreyfuß‘ Turm dem Feuer zum Opfer gefallen. Er besaß nichts, als was er auf dem Leib trug, dazu ein paar Kupfermünzen und das magische Schwert, eine Leihgabe seines Lehrmeisters. Jetzt konnte er es wohl als sein Erbstück betrachten.
Er gürtete das Schwert ab, öffnete die Lederjacke, setzte sich aufs Bett und starrte ins schwache Kerzenlicht. Der Turm niedergebrannt, sein Lehrmeister tot, die Unterstadt vom Feuer verwüstet. Überall hatte er Verzweifelte, Sterbende und Tote gesehen. Er war nicht der einzige, der alles verloren hatte. Aber das machte es nicht weniger schlimm. Wie sollte es weitergehen? Mit der Lehrstelle bei Anton Dreyfuß hatte er auch das Lehrgeld, seine einzige Einkommensquelle verloren. Wovon sollte er leben? Wovon das Zimmer bezahlen, das er für Melanie und sich bei Elena gemietet hatte? Und selbst Gordon würde ihm nicht ewig Kost und Schlafplatz für umsonst anbieten.
Melanie – wie sehr er sich nach ihr sehnte. Der Gedanke an sie hatte ihn am Leben gehalten in Darulans Hölle.
Hoffentlich war sie bei Elena. Hoffentlich hatte sie morgen früh noch ein kleines Bisschen Zeit für ihn. Wenn er sie nicht bei Elena traf, würde er zum Haus des Ratsherrn Hohenwart gehen, wo sie Dienstmagd war.
Mach dir keine Sorgen um mich, Melanie, dachte er. Ich habe dir doch gesagt, dass ich zu dir zurückkommen werde. Mein Leben lang!
Er zog die Lederjacke aus, hängte sie über die Stuhllehne und holte den Packen Schreibbögen unter dem Hemd hervor, den er Darulan gestohlen hatte. Den Halsanhänger von Sturmkind, den er unversehens mit hervorgezogen hatte, steckte er wieder unter sein Hemd. Er legte die zusammengefalteten, zerknitterten Seiten auf den Tisch. Er konnte nicht lesen, was Darulan darauf geschrieben hatte. Er hatte nie lesen gelernt. Die Blätter, von denen er hoffte, dass darauf die Worte des Zauberrituals der Lebensmagie standen, hatte er seinem Lehrmeister bringen wollen. Mit ihnen, davon war Norbert überzeugt, wäre Dreyfuß an dem Vorhaben, das Telluk wahnsinnig genannt hatte, nicht gescheitert. Der Turm stünde noch. Die Unterstadt wäre nicht in Flammen aufgegangen. Dreyfuß wäre noch am Leben. Und die Banshee, die sein Meister ins Leben zurückholen gewollt hatte... es war ein abstruses Experiment mit kaum vorhersehbarem Ausgang gewesen. Wäre Norbert eine Woche früher zurück gewesen...
Norbert selbst hatte den Zaubergesang auswendig gelernt. Und hatte er nicht selbst Ungeheuerliches damit vor? Aber er hatte einen Schwur getan. Er hatte Lonnie versprochen, ihr zu helfen.
Er zog Stiefel, Wolljacke und die ledernen Hosen aus, löschte das Licht und kroch im Hemd unter die Bettdecken. Nachtlicht sickerte durch das Pergamentfenster herein. Er blickte ins Dunkel am Bettende gegenüber dem Fenster. Halb erwartete er, dort ein leises Schluchzen zu hören, die verschwommene Gestalt des Geistermädchens zu sehen im dünnen Kleid, frierend und nass vom Brunnenwasser. Aber nur Nachtdunkel verhüllte die Zimmerecken. Sobald er die Augen schloss, klangen ihm Schreie in den Ohren.
Lindas Schreie im Haus des Hexenmeisters mischten sich mit dem Geistergeschrei Gefolterter und Sterbender um die brennende Turmruine. Überall sah er Blut. Der Blutschwall aus Lindas aufgeschlitzten Unterarmen, zischend im weißen Rauch des Kohlenfeuers. Sein eigenes Blut, das er erbrach nach dem Kampf mit dem untoten Wächter.
Er tastete nach dem Metallanhänger von Sturmkind. Habe immer den Mut, deinen Träumen zu folgen , war ihre Botschaft gewesen, die sie ihm mit dem Anhänger gesandt hatte. Er umschloss den Anhänger fest mit der Faust. Noch einmal öffnete er die Augen und blickte ins dunkle Zimmer. Lonnie erschien nicht. Er drehte sich zur Seite und wickelte sich fest in die Decken, als könnten sie ihn bewahren vor den blutigen Horrorträumen, die ihn jede Nacht verfolgten. Sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, war der Gedanke an Melanie. Ob sie jetzt schlief, dort in dem kleinen Zimmer bei Elena? Oder lag sie wach und dachte an ihn?
Durch Träume von Flammen und schwarzmagischen Räuschen, die ihn in dieser Nacht verfolgten, hallte wieder und wieder Wolfsgeheul, einsam und unermesslich fern.
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Eine Stunde vor Morgengrauen wurde er wach. Er war es gewohnt, mit dem allerersten Halblicht des sich ankündigenden Tages aufzuwachen, wenn die Schwärze der Nacht in erstes Dämmergrau überging. Nur als kleiner Junge hatte er noch bis Tagesanbruch geschlafen, wenn die Frauen schon längst Feuer gemacht und mit der Tagesarbeit begonnen hatten.
Er zog Hosen und Stiefel an und raffte seine wollene Schlupfjacke, die Lederjacke und sein Schwert zusammen. Einen Moment überlegte er, ob den Packen Schreibbögen auf dem Tisch liegen lassen oder besser in den Schrank legen sollte. Aber dann entschied er sich, ihn mitzunehmen. Wenn Sarah die Bögen beim Ausfegen fand, wer weiß, was sie am Ende noch damit anstellte? Kurzentschlossen schob er den Packen unter sein Hemd.
Er tastete sich durch den dunklen Gang und über die Hintertreppe in den Gang zur Hoftür im Erdgeschoss. Als erstes suchte er die Latrinen im Hof auf, um seine Notdurft zu verrichten. Dann ging er zurück ins Haus. Bevor er sich zu Elenas Haus aufmachte, wollte er sich wenigstens den gröbsten Schmutz, verkrustetes Blut und Ruß vom Körper abwaschen. Vielleicht hatte Melanie ja doch noch eine halbe Stunde Zeit für ihn. Nicht, dass er es unbedingt von ihr gewollt hätte – aber für alle Fälle... In weniger als einer Stunde würde er sie wiedersehen. Wie er sich nach ihr sehnte!
Der kahle Raum mit dem Waschbottich und ein paar Holzeimern, der in Gordons Gasthaus als Bad für die Gäste diente, lag gegenüber der Küche. Norbert holte den Kerzenstummel hervor, um im dunklen Bad Licht zu machen – er benötigte keine brennende Flamme, um den Docht anzuzünden – und öffnete die Lattentür.
Im Bad brannte eine Kerze auf dem Rand des dampfenden Waschbottichs. Die Harfenspielerin beugte sich über einen mit Wasser gefüllten Eimer und wusch ihr Haar. Ihre Kleider lagen zusammengelegt auf der Holzbank an der Wand. Wasser glänzte auf ihrer hellen, nackten Haut. Norbert stolperte zurück.
„Oh, Verzeihung.“
Die Bardin richtete sich auf. Mit unverstellter Offenheit schaute sie Norbert ins Gesicht.
„Nein, ist doch in Ordnung. Komm rein. Es ist genug heißes Wasser da. Schöpf dir einen Eimer voll und wasch dich.“
Sie versuchte in keiner Weise, ihre Blöße zu verbergen, wie Norbert es von den Mädchen in Wildenbruch gewohnt war, wenn man sie beim Baden im Fluss ertappte - die einen, indem sie sich scheu davonstahlen, andere kreischend, wenn sie wollten, dass man sie ansah und hübsch fand. Die hochgewachsene schlanke Frau, Norbert schätzte sie um die Dreißig, stand völlig selbstverständlich vor ihm, als wäre es das Normalste der Welt für sie, nackt zu sein.
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