Er holte aus und schlug dem Mädchen den Schädel ein. Ein fürchterliches Geräusch war zu hören, als das Knochengerüst brach. Spritzer von Blut und Sekret trafen sein Gesicht. Das austretende Blut verfärbte augenblicklich das Gras. Als er sich zu seinen Freunden hindrehte, war ein bösartiges, ihn völlig fremd wirkendes, Gesicht zu sehen. Seine Augen waren zusammengekniffen und er hatte ein teufliches Grinsen aufgesetzt. Er flößte Angst ein. Sofort ohne jegliches Zögern drückte er Peter das Mordinstrument in die Hand und schrie ihn an: "Na los, schlag zu! Ich hab´s auch getan, ich hab´ es sogar für dich getan! Mach endlich, oder willst du ins Gefängnis?"
Peter fühlte sich dermaßen unter Druck gesetzt, dass er glaubte, keinen Ausweg mehr zu sehen. Er schlug zu. Zwar nur mit halber Kraft, aber er schlug zu. Ihm liefen die Tränen über das Gesicht und er fing hemmungslos an zu weinen. Gerhard nahm ihm den Wagenheber aus den Händen und gab ihn an Helmut weiter. Er nickte ihm nur zu und sagte ansonsten kein Wort. Helmut wog die ganze Zeit seinen Kopf hin und her, schluckte und machte zwei, drei Schritte zu dem Mädchen hin. Dann ließ er den Wagenheber niedersausen. Sein Schlag traf punktgenau, obwohl er gar nicht hin sah. Er warf den Wagenheber mit Abscheu neben die tote Nadia und stellte sich zu Gerhard und Peter. Alle schauten nun auf Michael.
Michael weinte tränenlos. Er schüttelte den Kopf und schluchzte leise vor sich hin. Es war klar, was nun von ihm erwartet wurde. "Oh mein Gott, das geht nicht", stammelte er leise vor sich hin.
"Lass Gott aus dem Spiel und nimm dir den verdammten Wagenheber", forderte Gerhard ihn laut und bestimmt auf.
"Ich kann es nicht!"
"Doch, du kannst und du musst!" Gerhards Unnachgiebigkeit machte allen Angst. So hatten sie ihn noch nie erlebt.
"Ich kann nicht!", wiederholte Michael verzweifelt.
"Tu es!"
Michael trat langsam vor. Schritt für Schritt. Gerade so, als habe er Angst, dass der leblose Körper ihn jeden Moment anspringen könnte.
"Worauf wartest du?", stachelte ihn Helmut nun auch an. Er wollte alles nur noch so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ihre Abiturfeier hatte sich zu einem einzigen Alptraum entwickelt.
Michael bückte sich und hob den Wagenheber auf. Er hielt ihn fest in der Hand. Dann schlug er zu. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal. Michael legte alle Kraft in seine Schläge. Seine Freunde schauten ihm fassungslos zu. Schwer atmend ließ er von der Leiche ab und ging zu den anderen. Den Wagenheber hielt er immer noch in den Händen. Er drückte ihn Gerhard fest in die Hand.
"Hier nimm, ich hoffe du bist zufrieden. Du bist ja ein wahrhafter Teufel!", sagte Michael und man spürte, wie angewidert er war. Von sich und von den anderen. Gerhard zuckte kaum merklich mit den Schultern und war mehr als zufrieden.
"Jetzt sollten wir mit der Selbstzerfleischung aber aufhören und das Mädchen wegschaffen. Sie darf nicht gefunden werden." Daran hatte bisher keiner von ihnen gedacht und eigentlich hätte ihnen auffallen können, wie kühl und berechnend Gerhard mit der Sache umging, aber zu sehr standen sie unter Schock. Einem Schock über ihr eigenes Verhalten und ihree Erkenntnis, dass sie zu Mördern geworden waren. Jeder Einzelne.
"Und wo willst du hin mit ihr?, fragte Helmut.
"Wir fahren zum Astplatz in Waldbachkleinheim, warten bis es hell ist und verbrennen sie."
"Du bist verrückt, du bist ja total krank!" Michaels Wut war kaum in Worte zu fassen, doch Gerhard blieb ganz ruhig.
"In der Dunkelheit kann man das Feuer von weitem sehen, deshalb warten wir bis es hell geworden ist und machen dann erst Feuer. Wir können alles vorbereiten und es wird schnell gehen. Ein bisschen Glück gehört dazu, aber um diese Uhrzeit ist noch niemand unterwegs. Es ist eine große Chance, dass sie niemals gefunden wird. Wer glaubt schon, dass auf dem Astplatz ein Mädchen verbrannt wird?" Die Antwort blieb offen, weil keinem angesichts ihrer irrwitzigen Situation ein wirkliches Gegenargument einfiel.
"Okay, lasst uns das Mädchen in den Kofferraum legen und dann fahren wir, damit wir hier wegkommen." Peter drängte.
Schließlich einigten sie sich auf Gerhards Plan. Während der Fahrt herrschte eisiges Schweigen. In Hattenbach tankten sie an einer 24-Stunden-Tankstelle und befüllten dabei den kleinen Reservekanister gleich mit Benzin. Helmut bezahlte. Er hatte kaum Spuren ihres blutigen Rituals auf seiner Kleidung abbekommen. Es lief reibungslos und unauffällig. Dann machten sie sich auf den Weg nach Waldbachkleinheim.
Der Holzplatz lag weit abseits der Gemeinde, auf einem Grundstück, das von wildem Baumbestand und Sträuchern umgeben und daher schlecht einsehbar war. Ein idealer Platz. Die Schranke war nur pro forma vorhanden und niemals verschlossen. Sie parkten den Wagen so, dass er im Vorbeifahren nicht gesehen werden konnte. Aber wer sollte schon um diese Uhrzeit vorbeifahren? Auf dem Astplatz gab es insgesamt drei Feuerstellen, zwei kleinere und eine größere. Sie entschieden sich für die am wenigsten einsehbare. Sie häuften dürre, ausgetrocknete Äste und vertrockneten Baum- und Strauchschnitt aufeinander und dann holten Peter und Helmut den Leichnam und legten ihn auf den aufgetürmten Haufen. Sie warteten noch zwei Stunden. Sie sprachen kaum ein Wort. Friedhofsstille lag über dem Platz. Peter, Helmut und Michael schauten aus unendlich leeren Augen entweder vor sich hin oder auf den Leichnam des Mädchens. Nichts wünschten sie sich sehnlicher, als ein Lebenszeichen von ihr. Aber diese Hoffnung wurde ihnen nicht erfüllt. Als es anfing hell zu werden, nahm Gerhard den Kanister und schüttete ihn bis auf einen minimalen Rest über Nadias Körper. Es schien als steigerte sich die gespenstische Stille sogar noch. Gerhard hielt Michael sein Feuerzeug hin. Es war nur eine Provokation. Er wusste, dass Michael nie das Feuer entzünden würde, es wäre wie ein zweites Mal Töten gewesen. Gerhard grinste ihn verächtlich an. Ihm war es inzwischen egal, er hatte längst sein Ziel erreicht. Er riss ein Stück von Nadias Kleid ab, tränkte es mit den letzten Tropfen Benzin und zündete es an. Dann warf er das brennende Stück Stoff auf den Haufen. Sofort schoss eine Flamme hoch und das Bündel Holz und Mensch stand lichterloh in Flammen. Sie standen wortlos um das Feuer und drei der vier hätten alles dafür gegeben, die letzte Nacht ungeschehen machen zu können. Sie schauten schweigend zu, wie Nadias Körper von den Flammen verzehrt wurde. Der süßliche Geruch des verbrannten Fleisches stieg ihnen in die Nase und sie wussten, dass sie ihn nie im Leben vergessen würden. Und doch war es faszinierend zu sehen, wie schnell ein Mensch verbrennt, wenn nur das Feuer groß genug ist und mächtig Hitze entwickelt. Sie ließen sich Zeit, ab und zu warf Gerhard ein Bündel Äste nach, um das Feuer groß genug zu halten.
"Wie geht´s jetzt weiter?", fragte Helmut schließlich in die Runde, als er glaubte, dass sie wieder fahren konnten, da sie ohnehin nichts mehr tun konnten. Das Feuer hatte nur fast ganze Arbeit geleistet. Um alle Spuren zu vernichten war das Feuer nicht heiß genug gewesen. Also scharrten sie mit bloßen Händen die Knochen zusammen und vergruben sie notdürftig in dem sandigen Boden. Es war eine ekelhafte Arbeit, aber sie wollten nichts dem Zufall überlassen. Es gab kein Zurück mehr und jeder von ihnen hatte zu diesem Zeitpunkt entschieden, sich nicht das Leben durch diesen Vorfall zerstören zu lassen. Sie waren jung, sie hatten gerade ihr Abitur gemacht und die Welt stand ihnen offen. Dass das allerdings längst passiert war, daran dachte keiner von ihnen. Keiner außer Gerhard! Nur bei genauerer Untersuchung hätte man feststellen können, dass hier vorhin ein Mensch verbrannt worden war. Nichts deutete mehr darauf hin. "Wir fahren jetzt alle erst einmal nach Hause und schlafen uns aus, damit wir wieder auf klare Gedanken kommen. Kein Mensch wird uns etwas anhängen können, wenn wir uns ganz normal verhalten und zusammenhalten", antwortete Gerhard.
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