Als Peter sich bückte, um dem Mädchen die Unterhose vollends über die Knöchel zu ziehen, traf ihn Nadia mit einem Tritt mitten ins Gesicht. Es war noch nicht einmal allzu fest, aber sofort blutete seine Nase. Mit einem Sprung war er über ihr. "Du kleine, verdammte Fotze!", schrie er sie mit wutverzerrter Miene an. So laut, dass die anderen regelrecht erschraken und die Vögel erneut aus den Bäumen aufstiegen. Die nächtliche Ruhe war spätestens jetzt vorbei. Der frühe Tag verlor seine Unschuld.
Seine Faust landete mit einem fürchterlichen Geräusch in ihrem Gesicht. Von oben herab hatte er mit all seiner Kraft, die er in den Hieb gelegt hatte, dem Mädchen einen Großteil der Gesichtsknochen gebrochen. Sofort folgte der zweite Schlag. Ohne jegliche Hemmung schlug er zu. Was die Treffer anrichteten, war ihm egal. Seine blinde Wut steigerte sich in exzessives Schlagen. Helmut, der das Mädchen bei den ersten Schlägen noch festgehalten hatte, hatte es angesichts des unerwarteten Gewaltausbruchs erschrocken losgelassen und schaute mit Entsetzen zu, was sein Freund mit dem Mädchen machte. Nadias Hände, die sie sich schützend vor ihr Gesicht hielt, bildeten keinen ernstzunehmenden Widerstand gegen den Schlaghagel, den ihr Peiniger auf sie nieder prasseln ließ. Jeder Treffer erzielte eine verheerende Wirkung. Dem Mädchen wurde schwarz vor Augen, alle Kraft verließ sie und sie wurde ohnmächtig.
Nadia lag regungslos auf der Motorhaube. Sie blutete überall aus ihrem entstellten und sofort vollkommen zugeschwollenen Gesicht. Sogar aus den Ohren lief ein kleines Rinnsal Blut. Wutschnaubend stand Peter über ihr. Er wischte sich den Schweiß und den Rotz aus dem Gesicht, der ihm während seines angsteinflößenden Kontrollverlusts aus der Nase gelaufen war. Völlig wirr schaute er in die Runde. In diesem Moment hörte man nur sein Atemholen, das sich ganz allmählich auf ein Normalmaß reduzierte. Helmut und Michael schauten fassungslos auf das wie leblos daliegende Mädchen. Gerhard, der hinter den beiden stand, beobachtete mit leicht zur Seite geneigtem Kopf die Szenerie. Fast hatte es den Eindruck, als ob sich seine Lippen zu einem Grinsen geformt hätten.
"Ach du Scheiße!", flüsterte Michael vor sich hin, ohne die Augen von Nadia abwenden zu können. Helmut sagte gar nichts und Peters wirr aufgerissene Augen schienen plötzlich Hilfe zu suchen. "Was ist, was guckt ihr so blöde? Was machen wir jetzt?", stammelte er und schaute seine Freunde reihum an. Die Situation wurde ihnen allen schlagartig bewusst.
"Die bewegt sich nicht mehr. Du hast sie totgeschlagen!", meinte Michael leise und machte dabei den gleichen hilflosen und verzweifelten Eindruck wie Peter. Alle waren schlagartig nüchtern, zwar nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, aber die Wirkung des Alkohols und des Dopes waren wie weggewischt.
"Die ist nicht tot, sie atmet doch noch", meinte Peter kleinlaut und man konnte deutlich die Hoffnung heraushören, die er in seine Feststellung gelegt hatte.
Plötzlich trat Gerhard hervor und ging zu dem bewusstlosen Mädchen. Er fühlte fachmännisch ihren Puls und hinterließ damit sofort Eindruck bei seinen Freunden.
"Sie wird sterben. Ihr Puls ist mehr als schwach, in ein paar Minuten ist sie tot." Gerhard sagte es ganz ruhig, fast schon professionell.
"Was erzählst du für eine Scheiße? Die Kleine ist nur bewusstlos, das wird schon wieder. Die hat bloß zuviel gesoffen." Peter wollte Gerhards Worte nicht wahrhaben.
"Da wird gar nichts mehr, Peter, ihr habt sie totgeschlagen." Gerhard wählte seine Worte mit Bedacht. Absichtlich sagte er "ihr". Er wollte sie alle zu Schuldigen machen, das gehörte zu seinem Plan.
"Was heißt hier ihr?", fragte Helmut empört.
"Peter hat geschlagen, wir haben doch nichts gemacht", pflichtete ihm Michael mit der gleichen Empörung bei. Peter schaute fassungslos in die Runde und dann blieb sein Blick an Gerhard hängen, gerade so, als wartete er darauf, dass er ihm zur Seite sprang. Gerhard tat ihm gerne den Gefallen.
"Michael, die Polizei ist nicht blöd. Sie werden die Leiche genauestens untersuchen und dann feststellen, dass ihr sie alle angefasst und begrapscht habt. Und glaubst du wirklich, dass Peter alleine die Schuld auf sich nehmen wird, wenn es eng für ihn wird? Ihr seid alle dran. Peter vielleicht ein bisschen mehr, aber sie werden auch deine Spuren finden und die von Helmut auch. Und ich hänge schließlich auch mit drin, da mache ich mir nichts vor und deshalb müssen wir gemeinsam eine Lösung finden, wie wir aus der Sache herauskommen. Am besten wäre es natürlich, das wäre alles nicht passiert und deshalb müssen wir es eben so drehen, als wäre es nicht passiert. Wir müssen das Mädchen verschwinden lassen. Sie darf nicht gefunden werden."
Alle schauten ihn wegen seiner messerscharfen Analyse an. Jedem fehlten zuerst einmal die Worte und sie mussten das Gehörte sacken lassen.
"Entschuldige mal, das Mädchen lebt!", echauffierte sich Michael.
"Es wird nicht überleben, Michael. So oder so. Besser wäre es, ihr würdet ihrem Leiden ein Ende bereiten." Wieder dieses kurze, gespenstische Sacken lassen der Worte.
"Wie meinst du das?", fragte Michael und fürchtete sich insgeheim vor der Antwort.
"Schlagt sie tot", antwortete Gerhard ohne jede Gefühlsregung.
"Du bist verrückt, du bist ja noch verrückter als der Psychopath da", kreischte Michael heraus und zeigte dabei auf Peter, der wie gebannt, aber vollkommen desorientiert, dem Disput lauschte.
"Ich komme noch ziemlich glimpflich aus der Sache raus, mein Freund, ich habe nur zugesehen, aber ihr habt sie angefasst und versucht, sie zu vergewaltigen."
"Quatsch, das war doch keine Vergewaltigung", mischte sich Helmut ein. Man sah ihm an, dass er überlegte.
"Das werden die bei Gericht anders sehen und wir kommen vor Gericht Helmut. Es sei denn ...", den Rest des Satzes ließ er geflissentlich offen, er bemerkte, dass das Nachdenken eingesetzt hatte. Dieses Nachdenken zermarterte seine drei Freunde, das wusste er nur zu genau. Eben jenes Wissen um die Qualen der jungen Männer bei ihrer Entscheidungsfindung verschaffte ihm eine tiefe Befriedigung. Gerhard wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass er gewonnen hatte. Peter und Helmut waren bereit. Bereit zu Töten. Und Michael? Es wird nur noch ein klein wenig Überzeugungskraft kosten, dann ist auch Michael im Boot, dachte sich Gerhard.
"Und du, Michael, was meinst du?", fragte Gerhard und stellte ihm gleich eine Perspektive in Aussicht. "Wir werden alle vor Gericht kommen und wir werden verurteilt werden. Ich könnte es schaffen, auf Bewährung bestraft zu werden, aber du und Helmut ihr seid dran. Fünf oder sechs Jahre Knast sind euch sicher, dann könnt ihr euer Abitur in die Tonne kloppen. Von Peter brauchen wir gar nicht zu reden, der Penner geht bestimmt zehn Jahre in den Bau. Mit vier Jungs, die ein junges Mädchen vergewaltigen und so zurichten, kennen die keine Gnade." Er konnte es sich leisten, Peter zu beschimpfen, denn er wusste, dass er ihn "sicher" hatte.
"Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Sie wirklich totschlagen?" Michael sagte es aus der puren Verzweiflung heraus.
"Ja", antwortete Gerhard, ging zum Auto und öffnete den Kofferraum. Er fand, wonach er suchte. Einen Wagenheber. Dann kam er um das Auto herum, schob Nadias Körper achtlos von der Motorhaube und drückte Peter den Wagenheber in die Hand.
"Schlag zu! Wir schlagen alle ein Mal. Ist das okay? Mitgefangen, mitgehangen! Mach du den Anfang." Peter war entsetzt. Er hielt den Wagenheber in Händen und schaute sich apathisch um. Zuschlagen konnte er nicht. Gerhard nahm den Wagenheber
Was nun kam, überraschte sie und ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Mit dieser Konsequenz hatte niemand gerechnet. Alle starrten wortlos auf Gerhard.
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